„Back for Good“ im Kino : Die Silikonbrüste steil im Wind

Sehnsucht nach Aufmerksamkeit: In dem erstaunlichen Spielfilmdebüt von Mia Spengler spielt Kim Riedle ein TV-Starlett, das alles daran setzt, ins „Dschungelcamp“ zu kommen.

Wumms! Kim Riedle war als Angie für die Lola nominiert.
Wumms! Kim Riedle war als Angie für die Lola nominiert.Foto: Falko Lachmund/NFP/dpa

Das wäre ja zu schön gewesen, wenn die bislang nicht über Fernsehrollen hinaus bekannt gewordene Schauspielerin Kim Riedle neulich bei der Verleihung des deutschen Filmpreises die Lola als beste Darstellerin bekommen hätte. Schon die Nominierung war eine tolle Überraschung. Gewonnen hat dann aber doch Marie Bäumer für ihre Romy-Schneider-Exegese in „Drei Tage in Quiberon“. Zu schade, denn „Back for Good“ ist der ungleich originellere Film. Und Kim Riedle legt mit dem Part des TV-Starletts Angie eine Glanzleistung in einem im hiesigen Kino unerzählten Charakterfeld hin – dem der Tussi mit Löwenherz.

Die von Celebrities wie Daniela Katzenberger und Katie Price inspirierte Figur ist nicht nur eine Anti-Heldin, sie ist eine Weiblichkeitskarikatur. Die Silikonbrüste immer steil im Wind, pflügt Angie kurz berockt und auf hohen Hacken mit wehenden Extensions durch die Cinemascope-Welt. Wie mit der Konfettikanone verteilt sie ihr Lächeln, ihre Augenaufschläge, die Küsschen und „Hallo, Süße“-Rufe. Die „billige Blondine“ wie sie im Bilderbuch steht. Und trotzdem ist schon bei der atmosphärischen Eröffnungssequenz mit Details von Angies angespanntem Körper im Blitzlichtgewitter der Paparazzi klar, was für eine Kärrnerarbeit das Strampeln nach dem Medienruhm ist. Dazu braucht’s mehr als den murmelgroßen Verstand, den man solchen Frauen gemeinhin zugesteht.

Die 1986 geborene Regisseurin Mia Spengler belässt es in ihrem Langfilmdebüt, mit dem sie ihr Studium an der Filmakademie Baden-Württemberg beendet hat, nicht nur beim Exotikfaktor eines bislang nie erzählten Settings. Wenngleich das Staunen über den bewegenden, witzigen und wahrhaftigen Ausflug in den sonst nur Häme produzierenden Fleischmarkt der Reality-TVs schon bei der Berlinale spürbar war, als „Back for Good“ 2017 die Reihe Perspektive Deutsches Kino eröffnete.

„Du machst jede Scheiße, Hauptsache es guckt einer zu!“

Spengler flanscht ihren Alien Angie in eine wunderbar besetzte Familienaufstellung in der Provinz, die gleich dreifach vom Ringen nach Liebe und Anerkennung und weiblichem Selbsthass erzählt. Und sie schließt die Anstrengungen der pleite aus dem Entzug entlassenen Angie, ins „Dschungelcamp“ zu kommen, elegant mit dem Cybermobbing kurz, unter dem Angies kleine Schwester Kiki (Leonie Wesselow) in der Schule zu leiden hat. Die Sehnsucht nach Aufmerksamkeit in einer auf Oberflächenreize gepolten Welt ist schließlich dieselbe. Nur hat Kiki als Epileptikerin, die auf Wunsch von Mutter Monika (prima pampig: Juliane Köhler) selbst beim Linedance einen Schutzhelm tragen muss, auf Youtube nicht den Hauch einer Chance. Als Mutter zur Reha muss, schlägt Angies Chance, ihre Kriegerinnentalente zur Abwechslung mal nicht gegen sich selbst und die störrische Welt einzusetzen, sondern für ihre Schwester.

Ein Lernprozess, der bei einer Frau, die die Alpha-Youtuberin der Schule erpresst, in dem sie im Waxingstudio deren Rückenhaare fotografiert, nicht ohne schmerzliche Häutungen abgeht. Davon erzählt auch die von Elektroklängen unterlegte, virtuose Slowmotion-Sequenz (Kamera: Falko Lachmund), in der Angie auf einer Glamourparty der Skandalfotos wegen eine lesbische Affäre vorspielt und zusehends zu einem besoffenen Häufchen Elend verkommt. Oder wie der neue Freund, ein nur noch in Baumärkten reüssierender Sänger, ihr vorwirft: „Du machst jede Scheiße, Hauptsache es guckt einer zu!“

Umso erstaunlicher, dass es Mia Spengler und ihrer Drehbuchautorin Stefanie Schmitz gelingt, Angie in ihrer Entlarvung differenziert und sympathisch zu zeichnen, ja ihr Stolz und Tiefgang zu verleihen. Auch den Ton der proletarisch angehauchten sozialen Milieus haben sie treffend recherchiert. Einzig, dass Mutter Monika nun ausgerechnet von Tupperpartys lebt, wirkt etwas angeklebt. Ein lässlicher Fehler in diesem starken Stück jungen deutschen Kinos.

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