Bangkok als Krokodil : Künstler Philip Wolf malt Architektur – ohne Hilfsmittel

Durchgeknallt, farbig und erfrischend anders: Philip Wolf spielt auf großen Leinwänden mit Architektur. Die Galerie Raab zeigt sein schillerndes Werk.

Angelika Leitzke
Comic trifft Kunst. „Jaelys & me“, 2019, Acryl auf Leinwand.
Comic trifft Kunst. „Jaelys & me“, 2019, Acryl auf Leinwand.Foto: Galerie Raab

Auf schmalen, nachtschwarzen Holztafeln breitet sich Bangkok aus. Ein Meer von winzigen, präzise gezeichneten und dennoch schematischen Häusern in fadem Ocker und blassem Weiß, über- und nebeneinandergeschachtelt. Kein typisches Stadtbild der thailändischen Hauptstadt ist hier zu sehen, keine pittoreske Ansicht für Touristen.

Stattdessen treibt Philip Wolf sein Spiel mit Nähe und Ferne, mit Architektur und Augentäuschung. Denn tritt der Betrachter vor diesem 18-teiligen Wandgemälde zurück, so entsteht das Bild eines Krokodils – je nachdem aus welcher Perspektive man sich Wolfs gemaltem Moloch nähert.

Große Gemälde und fantastische Graffiti-Kunst

Flankiert wird das monumentale Werk (18 000 Euro) in der Ausstellung „Always welcome to my mind“ der Galerie Raab von einer Schlange in schillernden Farben, die sich über vier Leinwände windet und deren Grund aus Versalien besteht (12 000 Euro). Sie zitieren die Namen von Ländern und Metropolen und weisen den Künstler als malenden Globetrotter aus. In „Ciudad X Amarillo“ kristallisiert sich ein schwefelgelber Schmetterling aus den verschachtelten Bauten heraus – eine Reminiszenz an Wolfs durchfeierte Nächte auf Mallorca (3000 Euro).

Philip Wolf, geboren 1980 auf Mallorca als Spross niederländisch-deutscher Eltern, ist ein Feind leerer Wände. Seine Mutter liebte es minimalistisch, der Vater wollte aus ihm einen Architekten machen. Doch statt zum Entwurf von Gebäuden drängte es den studierten Grafiker, der lange Jahre Fassaden, Restaurants und Schiffe gestrichen oder Nachtlokale gestaltet hat, zum Malen von Architektur – ohne Hilfsmittel wie Lineal und Zirkel.

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Seine großen Gemälde entstehen über Monate hinweg im Sommer auf der spanischen Sonneninsel. Im Winter zieht es ihn vom feuchten Inselklima nach Asien, wo er seiner zweiten Leidenschaft frönt: einer auf Papier gezähmten, fantastischen Graffiti-Kunst.

Bildlich durchgeknallt

Figuren mit riesigen Köpfen bilden den Mittelpunkt, sie erinnern an Comicfiguren oder Smileys, oft sind die Augen durch krakelige Kreise angedeutet. Der Künstler, vom Horror Vacui erfasst, umrankt sie in geduldiger Feinarbeit mit filigranen Mustern, Buchstaben und Versatzstücken aus dem urbanen Jargon.

Bildlich durchgeknallt ist auf einem Blatt der kalkige Kopf, dessen Gesicht aus dem Wort „out“ besteht, gekrönt von dem Wort „burn“ in den Farben eines sprühenden Feuerwerks (2450 Euro). Der „Day dreaming man“ hält als einsames Strichmännchen tapfer eine Blume in der Hand, während über ihm ein Blütenrausch als Wolke schwebt (1950 Euro).

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Wolf appliziert seine Kopfgeburten aber auch in größerem Format auf die Leinwand. In „Space for love“ erhält das Manikin sogar Arme in Form von Flügeln; Picassos Friedenstaube ist nicht weit. Schließlich will auch Wolf Werke schaffen, die seiner Gedankenwelt willkommen sind.
[Galerie Raab, Goethestr. 81; bis 11. Februar, Di–Fr 10–18.30 Uhr, Sa 10–16 Uhr]

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