Bariton Thomas Quasthoff im Interview : „Meine Seele war verletzt“

Seit 45 Jahren steht er jetzt schon auf der Bühne: Thomas Quasthoff über Lebenskrisen, Lampenfieber und den Wechsel von der Klassik zum Jazz.

Vielseitig: der Bariton Thomas Quasthoff
Vielseitig: der Bariton Thomas QuasthoffFoto: B. Brundert

Herr Quasthoff, gerade ist Erkältungszeit. Viele Sänger haben dann ständig Angst um ihre Stimme. Wie geht es Ihnen?

Je mehr man sich einpackt, umso empfindlicher wird man. Das ist jedenfalls meine Erfahrung.

2006 haben Sie Ihren Abschied als klassischer Sänger genommen. Anschließend haben Sie sich mehr dem Jazz zugewandt. War mit Ihrem Wechsel der Genres auch ein anderes Lebensgefühl verbunden?
Das würde ich so nicht sagen. Ich führe sicherlich ein etwas entspannteres Leben, weil der Druck im klassischen Bereich schon sehr viel größer ist. Vielleicht habe ich mir auch einen gewissen Status ersungen, sodass ich anderen Leuten nichts mehr beweisen muss, wenn ich auf der Bühne bin.

Der Jazz ist viel freier als Klassik, Improvisation gehört zum Kerngeschäft. Genießen Sie diese Freiheit als Interpret?
Absolut. Mir ist es wichtig, dass es nach Jazz klingt, was ich mache. Crossover hat mich nie interessiert. Natürlich kann und will ich meine klassische Ausbildung nicht negieren. Diese erlaubt mir auch, Töne zu singen, die andere Jazzsänger nicht erreichen. Mit dem Mikrofon habe ich noch ein zusätzliches Instrument gelernt. Das ist ja nicht nur ein Verstärker, sondern auch ein Klangveränderer.

Berührt Sie diese Musik?
Sehr. Ich würde sogar fast so weit gehen, zu sagen, dass man beim Jazzsingen näher an den eigenen Emotionen ist als in der Klassik.

Als Ihr älterer Bruder Michael an Krebs erkrankte und 2010 starb, verstummten Sie. Hatten Sie damals die Angst, dass Ihre Stimme nicht mehr wiederkommt?
Klar. Als klassischer Sänger muss man drei bei vier Jahre im Voraus planen. Meine Agentin fragte mich oft, wann ich denn wohl wieder singen könne. Und ich antwortete: Keine Ahnung! Es war auch nichts auf den Stimmbändern zu sehen. Die Seele war verletzt. Meine Mutter war kurz vorher gestorben. Ich hatte eine Ehekrise. Andere werden in solch einer Situation depressiv, bei mir hat meine Stimme gesagt: Ich will jetzt nicht. Natürlich war dieser Zustand mit Angst verbunden. Ich liebe das, was ich tue.

Und wie kam die Stimme wieder?
Mit Ruhe und Geduld. Meine Frau kam wieder zu mir zurück, wir haben viele Wogen geglättet. Ich habe mich damals auch mit professioneller Hilfe um mein eigenes Seelenleben gekümmert. Wenn Sie 50 Jahre mit einer Schwerstbehinderung leben, dann gibt es einige Felder, die man doch mal bearbeiten muss. Zusätzlich wird man im Alter auch gelassener, was dazu beiträgt, dass alles sehr stabil ist in meinem Leben.

Sie stehen jetzt 45 Jahre auf der Bühne. Ihr Bruder hat Sie mal als Rampensau bezeichnet. Wie wichtig ist die Bühne für Sie?
Das Johannes-Heesters-Syndrom werde ich nicht bekommen. Dafür bin ich zu kritisch mit mir selbst. Das 50-jährige Bühnenjubiläum würde ich gerne erleben, wenn es die Stimme mitmacht. Es berührt mich, wenn die Leute aufstehen, wenn wir auf die Bühne kommen. Natürlich habe ich die Musik in erster Linie für mich gemacht. Aber ohne mein Publikum wäre ich auch nicht da, wo ich bin.

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Kennen Sie Lampenfieber?
Ob Sie es glauben oder nicht, Lampenfieber habe ich nie gehabt. Ich liebe die zehn Minuten vor dem Konzert, wenn ich alleine bin. Aber nicht, um meine schweißige Stirn abzutrocknen, sondern um innere Ruhe zu erlangen.

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