Barockpremiere an der Staatsoper : Beginn einer mörderischen Geschichte

Die Barocktage der Staatsoper eröffnen mit Scarlattis Oratorium „Il Primo Omicidio“, bildstark inszeniert von Romeo Castellucci.

Paradies, verloren. Adam und Eva, Kain und Abel – erste Menschen, letzte Fragen.
Paradies, verloren. Adam und Eva, Kain und Abel – erste Menschen, letzte Fragen.Foto: Monika Rittershaus

„König der Welt“ zu sein, hat zwar ein berühmter Hollywood-Darsteller am Bug der Titanic für sich reklamiert, aber natürlich weiß jeder, dass der Titel, mangels Konkurrenz, logischerweise nur einem zusteht: Adam, dem ersten Menschen. Wüst und leer ist die Erde, als er mit seiner Frau Eva die Bühne der Berliner Staatsoper betritt. Sie lässt eine Ladung Äpfel fallen, die den Boden entlangkullern bis zur Kante des Orchestergrabens – wo natürlich ein Brett die Köpfe des B’Rock Orchestra schützt. Alles klar, die Sünde ist in der Welt, also was tun? Am besten Gott ein Opfer darbringen. Eine Aufgabe, die die Eltern mal eben an die beiden Söhne delegieren – was bekanntlich gründlich schiefgeht.

„Il Primo Omicidio“, zu Deutsch „Der erste Mord“, heißt Alessandro Scarlattis Oratorium von 1707, mit dem die Staatsoper ihre Barocktage eröffnet hat. Dirigent René Jacobs schildert im Programmheft, wie er die Partitur in der Bibliothek der Musikhochschule Basel das erste Mal gesehen und ihn der Titel sofort gefangen genommen hat. Denn während andere Vertonungen der Kain-und-Abel-Geschichte Titel wie „Caino“ oder „La Mort d’Abele“ tragen, ist der Fokus hier viel weniger personalisiert, viel weiter gefasst: Explizit geht es um den ersten Mord der Geschichte, um den Auftakt einer unendlichen Abfolge von Blut und Tränen, die fortan wie die Rückseite einer Münze das mitprägen, was es heißt, Mensch zu sein. Ein Werk, das viel Gelegenheit bietet, über grundsätzliche Dinge nachzudenken, nicht nur darüber, wie das Böse in die Welt kommt.

Wie kommt das Böse in die Welt? Regisseur Castellucci schafft einen Meditationsraum

Der italienische Regisseur Romeo Castellucci schafft den Raum dafür. Gefeiert für seine bildstarken Inszenierungen, etwa „Tannhäuser“ in München oder „Moses und Aron“ an der Opéra Bastille, gibt er jetzt mit „Il Primo Omicidio“ sein Berlin-Debüt. Die Inszenierung ist eine Koproduktion, hat im Januar am Palais Garnier die Jubiläumssaison „350 Jahre Opéra de Paris“ eröffnet. Bildstark geht es auch hier zu, zumindest in der ersten Hälfte, allerdings weniger im Überwältigungs- als im Meditationsmodus. Castellucci ist Gesamtkunstwerker, zeichnet auch für Bühne, Kostüme und Licht verantwortlich.

Das Geschehen entfaltet sich wie unter Wasser: Eine Leinwand füllt die Bühnenöffnung, Schatten und Schemen ballen sich auf ihr, Linien, Striche und Felder leuchten auf, alles abstrakt, aber es zeichnet schlüssig Stimmungen nach. Wäre dies eine Gemäldegalerie, hingen in ihr nur Rothkos, kein einziger Spitzweg. Wer sich auf die Ästhetik einlässt, kann erhellende Momente erleben. Wer nicht, wird sich wahrscheinlich langweilen. Das Schöne an Musiktheater – an barockem zumal – ist ja: Die Stücke erlauben sich den Luxus, unverschämt üppig mit einer Ressource umzugehen, die in einer Epoche digitaler Instant-Befriedigung immer kostbarer wird. Sie nehmen sich Zeit.

So rollt die Geschichte aus dem ersten Buch der Genesis ab, die sechs Figuren. Thomas Walker als Adam, Birgitte Christensen als Eva, Kristina Hammarström als Kain, Olivia Vermeulen als Abel, Arttu Kataja als Luzifer und Benno Schachtner mit der auffälligsten Stimme des Abends, einem lichten Countertenor als Gott, singen nacheinander ihre Arien, verhandeln dabei ganz grundsätzliche menschliche Affekte: die Schuldgefühle der Mutter wegen des Apfels der Erkenntnis, die Eifersucht des Sohnes auf den Bruder, weil Gott das eine Opfer annimmt und das andere nicht, schließlich Kains abgrundtiefe Reue über den Mord. Und der Hörer hat Zeit, in einen Gedankenraum zu rutschen. Wieso ist dieser Gott so wählerisch? Weil er am Ende gar nicht existiert, nur eine Einbildung, eine Projektion Kains ist, der sich von Neidgefühlen überflutet sieht?

Strenge und Demut – Dirigent Jacobs schafft eine eigene Instrumentation

René Jacobs betont die bewusste Strenge von Scarlattis Musik in diesem Werk, die den Mystizismus der Vorlage umso eindringlicher umsetzt. Es gelingt ihm, die Sängerinnen und Sänger genau zu jenem Maß an Demut anzuhalten, das zur biblischen Geschichte passt und dennoch genügend Raum lässt für individuelle Profilierung. Da außer den Streichern keinerlei Angaben Scarlattis zur Instrumentierung mehr existieren, hat Jacobs die Bläser – je zwei Oboen und Blockflöten, eine Bass- und eine Altposaune – hinzugefügt und sich dabei an der Richtlinie orientiert, dass die Instrumentation der Größe des Raumes entsprechen solle. Den immer etwas trockenen Klang von Originalinstrumenten balanciert das B’Rock Orchestra mit kraftvoll-stürmischem, pointiertem Spiel aus.

Hingetupfte Augenblicke von Gegenständlichkeit setzt Castellucci schon im insgesamt sehr sehenswerten ersten Teil: Ein leuchtend goldenes Altarbild senkt sich, surreal umgedreht, vor blauem Hintergrund hinab, während die beiden Söhne ihre Opfer darbringen, steigt Rauch aus zwei Trockeneismaschinen auf. Nach der Pause wird es dann richtig konkret: Die Leinwand verschwindet, ein Feld tut sich auf, Sterne leuchten, „Il Primo Omicidio“ wird zum Nachtschattenstück. Sukzessive setzt Castellucci jetzt mehr und mehr Kinder ein – als Symbol der Unschuld, wie er sagt, und auch als Klage gegen Gott: Wenn Kinder unschuldig sind, wie konnte er dann zulassen, dass das Böse in die Welt kommt?

Nach dem Mord hat der Abend seine Längen

Spannende Fragen, und trotzdem hält dieser zweite Teil die erhabene Kraft des ersten nicht aufrecht. Zu eindeutig, zu banal wirken die Szenen, die Kinderspielereien, selbst vor einem toten Christus im Leinentuch schreckt Castellucci nicht zurück. Und dass er die sechs Sängerinnen und Sänger durch Kinderdarsteller verdoppeln lässt, die synchron den Mund auf- und zumachen müssen, dupliziert die Botschaft auf überflüssige Weise, ist plakativ und albern. Dass auch Scarlattis Stück selbst, nachdem der dramatische Höhepunkt des Mordes erreicht ist, seine Längen entwickelt, hilft nicht.

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Am Ende lässt Castellucci eine gigantische Plastikplane über den Bühnenboden (und die darunterliegenden Kinder) ausbreiten. Sie erinnert an die Folien, mit denen Leichen nach Unfällen den Blicken der Umstehenden entzogen werden. Doch wagen wir eine optimistischere Deutung. Werden nicht auch Beete im Winter auf diese Weise zugedeckt, auf dass Neues unter ihnen wachse? Der Menschheit jedenfalls ist der Trieb zum Töten zwar eingeschrieben, aber ein Schicksal ist das nicht. Denn Kain als überlebender Sohn ist nicht unser aller Urvater. Laut Überlieferung bittet Adam Gott um neue Nachkommen. Und der sagt Ja.

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