Bauhaus bei Grisebach : Die Welt in Grau und Gelb

Das Auktionshaus Grisebach feiert 100 Jahre Bauhaus und den Expressionismus.

Angela Hohmann
Kegel als Kunst. Um 1909 malte Gabriele Münter ihre „Heuhocken in Murnau“ in Öl auf Karton.
Kegel als Kunst. Um 1909 malte Gabriele Münter ihre „Heuhocken in Murnau“ in Öl auf Karton.Foto: Grisebach / VG Bildkunst, Bonn 2019

Wie man aus Heu Gold macht, konnte man zuletzt in New York erleben, als Sotheby's dort einen Heuhaufen für unglaubliche fast 111 Millionen Dollar versteigerte. Claude Monets „Meules“ wurde nach einem Schlagabtausch mehrerer Interessenten zum teuersten Gemälde eines Impressionisten. Vielleicht hofft Grisebach auch auf einen solchen Hype. Denn hier wird ebenfalls reichlich Heu geboten. Gleich mehrere „Heuhocken in Murnau“ sind auf dem kleinen Ölgemälde von Gabriele Münter um 1909 zu sehen.

In blauer Abendstunde stehen sie wie stille Wächter auf dem Feld. Münter hatte Murnau 1908 gerade erst entdeckt, später sollte sie hier leben. Die neue Heimat erkundet sie mit der Malerei und findet hier in der Reduktion der Formen und Verselbstständigung der Farbe zu ihrem ureigenen Stil. Der Schätzwert bei Grisebach reicht mit 350 000 bis 450 000 Euro lange nicht an die vielen Millionen heran, die der Monet mit seinem Heuhaufen-Gemälde in New York erzielte. Aber solche Rekorde sind im deutschen Auktionswesen ohnehin nicht zu erwarten.

Teuersten Werke stammen von Pechstein und Klee

Insgesamt gibt sich Grisebach mit einem Schätzpreisvolumen von 15 Millionen Euro für 1640 Kunstwerke in den diesjährigen Frühjahrsauktionen ungewöhnlich bescheiden, ist man hier doch sonst stets mit Rekorden und Glanzstücken verwöhnt worden. Diesmal reicht kein Werk in den Schätzungen auch nur annähernd an die Millionengrenze heran. „Solche Werke wie die Ägypterin von Beckmann sind ein riesiger Glücksfall, der nicht jedes Mal eintritt“, erklärt Micaela Kapitzky, geschäftsführende Gesellschafterin des Berliner Auktionshauses, in Anspielung auf den Rekord für dieses Gemälde im letzten Frühjahr. Zusammen mit Diandra Donecker bildet sie die Doppelführungsspitze des Hauses. Letztere zeigt sich ebenfalls gelassen: „Die Karten werden jede Saison neu gemischt. Wir vertrauen darauf, dass wir das beste Auktionshaus in Deutschland und in vielen Abteilungen wie der Modernen Kunst Marktführer sind. Da darf man selbstbewusst sein.“

Rund 5,8 Millionen Euro des Gesamtumsatzes sollen allein mit den Ausgewählten Werken eingespielt werden. Zu den höchst dotierten Arbeiten gehören hier das „Stilleben in Grau“ von Hermann Max Pechstein aus dem Jahr 1913 (500 000 bis 700 000 Euro), Paul Klees spätes Gemälde „Dryaden“ von 1939, ein Jahr vor seinem Tod entstanden (400 000 bis 600 000 Euro), und das expressive Landschaftsbild „Fischräucherei am Bahngleis“, das Karl Schmidt-Rottluff 1937 in grellen Grün-, Gelb- und Rottönen malte. Es war das letzte Gemälde jenes Jahres, in dem 608 seiner Werke aus deutschen Museen entfernt und seine Arbeiten mit denen anderer Vertreter der Moderne auf der Ausstellung „Entartete Kunst“ verfemt wurden. In der Folge verstummte der Künstler fast, zwischen 1938 und 1947 malte er gerade mal sechs Leinwandarbeiten.

Die neue Leiterin hat Großes vor

Wenn in der jüngsten Vergangenheit einmal die große Überraschung bei den ausgewählten Werken ausblieb, bot die Abteilung der Zeitgenössischen Kunst den Ausgleich mit hoch dotierten Werken der Nachkriegskunst etwa von Günther Uecker oder Anselm Kiefer. Diesmal ist ein kleinformatiges Ölgemälde „Fuji“ von Gerhard Richter aus einer österreichischen Privatsammlung der Star der Auktion (300 000 bis 400 000 Euro). Ein weiteres Highlight ist die Arbeit von Rosemarie Trockel, die mit einer Teppicharbeit von 1990, in die sie das internationale Wolltradezeichen einwebte, den männerdominierten Kunstbetrieb provozierte(ab 80 000 Euro). Rund 2,5 Millionen Euro soll die für Grisebach in den letzten Jahren so wichtig gewordene Abteilung einspielen. Für diese kaufte sich das Auktionshaus mit der galerieerfahrenen Sarah Miltenberger jüngst kompetente Verstärkung ein. Die neue Leiterin hat Großes vor und schielt auf die Erfolge jüngster Gegenwartskunst auf dem internationalen Auktionsparkett: „Wir wollen den großen internationalen Häusern im Ausland ein alternatives Angebot entgegenstellen, damit Spitzenlose auch bei uns landen. Unter den Einlieferern gibt es ein großes Interesse daran.“

Den absoluten Höhepunkt der Frühjahrsauktionen bei Grisebach bietet diesmal allerdings die „bauhaus forever“-Auktion der Orangerie. Vor allem hierfür lohnt sich die Vorbesichtigung. In kunstvollem Arrangement aus Möbeln, Designobjekten, Gemälden, Postkarten und vielem mehr wird zum 100-jährigen Jubiläum des Bauhauses ein wahres Fest der Moderne gefeiert.

Ein Muss ist auch der Katalog

Wie in einer Wohnung sind die Objekte aufgebaut. Das harmonische Zusammenspiel aus Frankfurter Küche von Margarete Schütte-Lihotzky (ab 18 000 Euro), Wagenfeld-Leuchte (ab 100 000 Euro), Klee-Gemälden und Marcel-Breuer-Stahlrohrstühlen (ab 8 000 Euro) zeigt, wie gut sich alles zu einem funktionalen Gesamtkunstwerk fügt.

Ein unbedingtes Muss ist auch der Katalog. Er zeichnet die Entwicklung des Bauhauses seit seinen Anfängen 1919 bis zur Schließung 1933 detailliert nach, leuchtet aber auch andere Bewegungen der Moderne aus, die das Bauhaus entweder vorbereiteten oder später von ihm beeinflusst waren. Kein Wunder, dass Resonanz und Interesse hier schon im Vorfeld groß sind.

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