Bauhaus-Direktor Hannes Meyer wiederentdeckt : Im Wirbelstrom der Zeiten

Der Schweizer Hannes Meyer war zweiter Direktor des Bauhauses, ein Kommunist und wurde fast vergessen. Nun wird er in einem Buch wiederentdeckt.

2019 ist Bauhaus-Jahr. Mit Museumseröffnungen, Festivals und mehr.
2019 ist Bauhaus-Jahr. Mit Museumseröffnungen, Festivals und mehr.Foto: Britta Pedersen/dpa

Im Jubiläumsjahr des Bauhauses werden nicht allein zwei neue Bauhaus-Museen eröffnet, während ein drittes – in Berlin – im Bau ist, es wird Bauhaus-Festivals aller Art geben, und bisweilen wird man sich schon fragen müssen, was das jeweils mit dem historischen Bauhaus zu tun hat.

Ehe also alle in Feierlaune geraten, haben sich kritische Geister um den geschassten Stiftung-Bauhaus-Direktor Philipp Oswalt und den früheren Berliner Kultursenator und mittlerweile Privatgelehrten Thomas Flierl geschart, um das Erbe des ungeliebten zweiten Direktor des historischen Bauhauses, den noch vom Gründer Walter Gropius eingestellten und später von ihm totgeschwiegenen Hannes Meyer zu sichten.

Kleines aber bemerkenswertes Erbe

Der Schweizer Architekt, der von Basel nach Dessau ging, nach Moskau weiterzog, beinahe nach Spanien kam und stattdessen nach Mexiko, ehe er zum Ende seines 64-jährigen Lebens in die fremd gewordene Schweiz zurückkehrte, hat ein kleines, aber bemerkenswertes bauliches Erbe hinterlassen, darunter die Gewerkschaftsschule in Bernau, inzwischen Unesco-Weltkulturerbe. Vor allem aber war er Lehrer, Propagandist, unermüdlicher Briefschreiber und wohl auch, wie Flierl dank seiner Russischkenntnisse herausgefunden hat, Sowjetagent in Mexiko.

Das ist schon allerhand an Lebensweg – und rechtfertigt, dass der Rezeptionsgeschichte Meyers nun ein voluminöses Buch gewidmet ist, herausgegeben von Oswalt und Flierl, das auf einer stark besuchten Veranstaltung der Architektenkammer vorgestellt wurde, bedacht mit einem ausführlichen Grußwort vom amtierenden Kultursenator Klaus Lederer (Hannes Meyer und das Bauhaus im Streit der Deutungen. Leipzig, Spector Books, 638 S. m. zahlr. Abb., 38 €). Meyer war eigenem Bekenntnis nach Kommunist, und das erklärt, warum es in dem Buch weniger um Architektur und das Bauhaus als vielmehr um die Wendungen eines „im Grunde Romantikers“ (Flierl) geht, dessen Schicksal es war, stets zwischen die politischen Fronten zu geraten und zum Sündenbock gestempelt zu werden.

Binnen Monaten kam der berufliche Absturz

Ganz so haben es die Herausgeber in ihrer im Duett vorgetragenen Buchvorstellung nicht gesagt, aber es tritt in dem – mit qualitativ grauslichen, aber höchst interessanten Abbildungen versehenen – Buch deutlich zutage. Oswalt möchte seinen Helden gerne gegen das Gropius-Bauhaus in Stellung bringen, während Flierl sich seiner unerschöpflichen Entdeckungen in russischen Archiven freut, die er bereits in vorangehenden Dokumentationen ausgebreitet hat.

Meyer war ideologisch immer ein 150-Prozentiger. Als die Baupolitik auf Stalins Geheiß die Wende zum Nationalen nahm und Kosmopolitismus – wie das Bauhaus – verdammte, suchte Meyer eifrig nach regionalen Traditionen. Es hat ihm nichts genutzt. Beklemmend die Chronik der Denunziationen und Meyers brieflicher Klagen. Binnen weniger Monate stürzte er aus den Höhen eines Leitungspostens in den Abgrund eines Niemand, mit dem keiner mehr sprechen mochte. Anderen erging es schlimmer, etwa seiner Geliebten, die 1938 im Großen Terror ihr Leben ließ. Da war Meyer zu seinem Glück bereits abgereist.

Wie nicht anders zu erwarten, widmet sich das Buch liebevoll der Bauhaus-Wiederauferstehung in der DDR der siebziger Jahre; da schimmert überall die gewesene Hoffnung auf eine „andere“ Moderne durch, wie man sie sich in der DDR-Spätphase zurechtlegte. Die bei weitem umfassendste Ausstellung zu Meyers Werk, 1989 im (West-)Berliner Bauhaus-Archiv erarbeitet, wird demgegenüber nur in trockenen Worten referiert.

So unbekannt war und ist Meyer also gar nicht. Aber das Buch zeigt, was Meyer rings um seine knapp bemessene Bauhaus-Zeit 1927-30 getan und erlebt hat. Er suchte Halt und geriet in den Wirbelstrom der Zeiten. Und dabei hat er einfach zu oft auf dem falschen Bein Hurra geschrien.

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