Bauhaus-Literatur : Das Experiment ist nie zu Ende

Zur Hundertjahrfeier des Bauhauses gibt es zahlreiche neue Bücher. Eine Auswahl wichtiger Veröffentlichungen.

Die Ausstellungsreihe „bauhaus imaginista“ (hier im SESC Pompeia in São Paulo) zeigt, welchen Einfluss der Stil international hatte.
Die Ausstellungsreihe „bauhaus imaginista“ (hier im SESC Pompeia in São Paulo) zeigt, welchen Einfluss der Stil international...Foto: Markus Lanz

Das Bauhaus müsse „100 Jahre nach seiner Gründung entmythisiert und historisch eingeordnet werden“, fasst Winfried Nerdinger im letzten Satz der handlichen Einführung „Das Bauhaus. Werkstatt der Moderne“ seine eigene Arbeit auf den vorangehenden 120 Seiten zusammen. Der langjährige Architekturhistoriker der TU München, einer der besten Kenner der Baukunst des 20. Jahrhunderts, gibt eine vorzügliche Übersicht über die 14 Jahre Bauhaus. Nerdinger teilt die Geschichte der Lehranstalt in vier Perioden auf – die erste, von Johannes Itten geprägte, fällt in den meisten Büchern unter den Tisch – und macht deutlich, wie unterschiedlich, ja geradezu gegensätzlich sie waren.

Insbesondere die Berufung des dritten und letzten Bauhaus-Direktors im Jahr 1930, Mies van der Rohe, zielte auf die Beseitigung all dessen, was sich unter dem politisch links stehenden Vorgänger Hannes Meyer entwickelt hatte. Nerdinger ist keiner, der Schönfärberei betreibt, aber auch kein Ankläger. Wer wissen will, was das Bauhaus tatsächlich machte, wie die Nachgeschichte des Bauhauses verlief und von wem es verteufelt oder aber vereinnahmt wurde, ist mit diesem Band bestens bedient. Aber was hat das Bauhaus selbst an Zeugnissen hinterlassen?

Walter Gropius schuf die Zeitschrift „bauhaus“

Es verwundert, dass sich das Bauhaus in der damaligen, an Zeitschriften so reichen Zeit nicht mit einem eigenen Periodikum zu Wort meldete. Zwar erschien ab 1925 die Reihe der „Bauhausbücher“ – von insgesamt 14 bis 1930 veröffentlichten Bänden wurden acht gleich im ersten Jahr vorgelegt.

Doch erst die Eröffnung des heute weltberühmten Dessauer Bauhaus-Gebäudes Ende 1926 wurde von Bauhaus-Gründer und Lehrgebäude-Architekt Walter Gropius mit der Schaffung einer eigenen Zeitschrift begleitet. Ihr Name, kurz und bündig: „bauhaus“ – in programmatischer Kleinschrift. In vierteljährlichem Rhythmus erschien die Zeitschrift bis Ende 1929. Elf Ausgaben kamen zustande, darunter eine Doppelnummer. Dann zwang die Wirtschaftskrise zur vorläufigen Einstellung, gegen die es im Jahr 1931 mit drei Ausgaben in minimalem Umfang noch einmal ein Lebenszeichen gab.

Nun liegt zur Hundertjahrfeier des Bauhauses ein vollständiger Reprint der Zeitschrift vor. Der engagierte Schweizer Verleger Lars Müller hat ihn auf den Weg gebracht. Begleitet werden die originalgetreu als Einzelhefte gedruckten Ausgaben von einem Kommentarband, in dem die Mitarbeiterin des Berliner Bauhaus-Archivs, Astrid Bähr, eine kundige Übersicht über Geschichte und Inhalt der Zeitschrift gibt. Die Verwerfungen in der Lehranstalt spiegeln sich naturgemäß auch in der Zeitschrift, und mit dem Übergang des Direktorats vom zurückgetretenen Gropius auf den zuvor von diesem als Lehrer ans Bauhaus berufenen Schweizer Architekten Hannes Meyer änderte sich der Titel der Zeitschrift.

Sie firmierte für die fünf von Meyer – und dem eigens von ihm geholten Schriftleiter Ernst Kallaí – verantworteten Ausgaben als „bauhaus. Zeitschrift für gestaltung“. Der Anspruch reichte nunmehr also über die Selbstdarstellung der Lehranstalt hinaus, wie eben auch Hannes Meyer in seiner Amtszeit auf das Ganze der Gesellschaft zielte.

Im Bauhaus-Geist: das Taschenbuch „Befreites Wohnen“

Auch Meyer ging. Er musste 1930 gehen, weil er dem Dessauer Stadtrat – der ja die Schule weitgehend finanzierte – zu linksradikal geworden war, zudem hatte sich am Bauhaus eine „Kommunistische Studentenfraktion“ lautstark bemerkbar gemacht. Diese „kostufra“, erfährt man aus Astrid Bährs Einführung, druckte unter demselben Namen „bauhaus“ immerhin 13 Ausgaben einer hektographierten Zeitschrift, beginnend im Frühjahr 1930 noch zu Zeiten Meyers. Als im Herbst desselben Jahres 1930 Ludwig Mies van der Rohe das Direktorat übernahm und die linken Bauhäusler unter Führung von Meyer in die Sowjetunion übersiedelten, kam es 1931 zu der erwähnten Spätblüte der offiziellen Zeitschrift mit Ausgaben von allerdings nur vier bis zehn Seiten. Es ist ein großer Gewinn, dass die Zeitschrift nunmehr im Reprint vorliegt – erneut, denn es gab 1976 schon einmal einen vollständigen Nachdruck, bei Kraus Reprint aus Nendeln in Liechtenstein.

Nicht unmittelbar mit dem Bauhaus verbunden, aber zu dessen Zeit und in dessen Geiste verfasst ist das Taschenbuch „Befreites Wohnen“ des Schweizers Sigfried Giedion, der seit 1927 als Sekretär der Architekturkongresse CIAM amtierte. Im Jahr 1929 hat Giedion 86 Fotografien zusammengestellt, um die Forderung nach Licht, Luft und eben Freiheit zu visualisieren, und darunter sind Bauhaus-Gestaltungen wie die Wohnungseinrichtung von Marcel Breuer für den Theatermann Erwin Piscator in Berlin. Auch dieses Buch gab es bereits als Nachdruck, 1985 im Frankfurter Verlag Syndikat, aber jetzt hat Lars Müller eine vollgültige Faksimile-Ausgabe und ebenfalls mit Begleitband herausgebracht, die eines der wirkungsmächtigsten Bücher für die Sache der neuen Gestaltung greifbar macht.

Keine Bauhaus-Ausstellung war jemals absichtslos

Über die zeitgenössischen Buchpublikationen hinaus verdankt das Bauhaus einen Gutteil seiner Nachwirkung dem Medium der Ausstellung. Bereits 1923 trat das Bauhaus mit einer Ausstellung seiner Weimarer Werkstattarbeiten an die Öffentlichkeit, deren Katalog längst eine zu Höchstpreisen gehandelte Inkunabel darstellt. 1938 legte Walter Gropius mit der von Herbert Bayer gestalteten Bauhaus-Retrospektive am noch jungen Museum of Modern Art den Grundstein für die Rezeption des Bauhauses in den USA.

Das Jahrbuch der Klassik Stiftung Weimar, in deren Verbund in wenigen Tagen das neugebaute Bauhaus-Museum eröffnet wird, ist unter dem Obertitel „Entwürfe der Moderne“ den „Bauhaus-Ausstellungen 1923-2019“ gewidmet. 18 Beiträge behandeln die unterschiedlichen Strategien, die mit den betreffenden Ausstellungen verfolgt wurden – und in der Tat war keine Bauhaus-Ausstellung jemals absichtslos und nur aufs reine Zeigen und Vermitteln gerichtet.

Weder die Stuttgarter Ausstellung im Krisenjahr 1968 noch gar das auf höchster Ebene ausgehandelte West-Berliner Gastspiel in DDR-Dessau im Sommer 1988 waren unpolitisch, sie sollten vielmehr die behauptete Fortschrittlichkeit des Bauhauses in den Dienst der jeweiligen politischen und staatlichen Konstellation nehmen. Soweit zur Historie. Ob das Bauhaus oder das, was man unter dem legendären Namen verstehen mag, heute noch Anziehungskraft besitzt?

Die Spuren finden sich auf der ganzen Welt

Der Beitrag von Marion von Osten im Weimarer Jahrbuch beschäftigt sich mit der von ihr gemeinsam mit Grant Watson geleiteten und vom Goethe-Institut zusammen mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW) getragenen Projektreihe „bauhaus imaginista“. An verschiedenen Orten der Welt wurde, unter Mitwirkung von Künstlern, der Frage nachgegangen, inwieweit es nach dem Vorbild des Bauhauses auch heutzutage „radikale Gegenentwürfe zu herrschenden Ausbildungswegen und Gestaltungspraktiken“ gibt. Nun liegt der zusammenfassende Begleitband vor, dessen Untertitel „Die globale Rezeption bis heute“ allerdings ein wenig zu vollmundig geraten ist.

Immerhin lernen die Leserinnen und Leser, wie tatsächlich weltumspannend weniger vielleicht die unmittelbare Wirkung als vielmehr die mittelbare Ausstrahlung des Bauhauses war und ist. Von Brasilien bis Indien, von Nigeria bis Japan werden in den knapp 40 Beiträgen des Buches Spuren gesucht und aufgenommen, die auf das Bauhaus verweisen.

Gut und richtig jedenfalls ist es, den Blick aus dem bekannten Weimar-Dessau-Berliner Selbstbespiegelungsdreieck herauszuheben und hinauszuhorchen in die Welt, in der Künstler, Gestalter und Architekten sich ihren jeweiligen Reim aufs Bauhaus machen. Dies womöglich getragen von der Hoffnung – die Maria von Osten offenkundig beflügelt hat –, dem „Aufgehen widerständiger und experimenteller Praktiken in den Common Sense des Konsums“ durch „Re-Politisierung von Kunst, Technik und Populärkultur“ zu widerstehen.

Das Experiment Bauhaus, so scheint es, ist eben nie zu Ende.

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