"Deutschland muss nun seine Rolle spielen"

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Bedrohte Kulturgüter in Syrien : „Es geht um das Erbe der ganzen Welt“
Maamoun Abdulkarim.
Maamoun Abdulkarim.Foto: Rolf Brockschmidt

Wie ist es um die Sicherheit der archäologischen Grabungsstätten angesichts der vielen bewaffneten Gruppen bestellt?
Dort ist die Lage viel schwieriger. Wir haben 10 000 Stätten im ganzen Land. Aber in Dura Europos am Euphrat, in Mari (Region Deir ez-Zor) oder im Yarmouk-Tal bei Deraa sind bewaffnete mafiöse Gruppen aus dem Ausland unterwegs, teils mit Bulldozern. Sie bedrohen die örtliche Bevölkerung und plündern archäologische Stätten. Es gibt viele bewaffnete Gruppen. Man kann nicht sagen, dass alle gut oder schlecht sind. Die Gruppe von Maarat an-Numan hat das Museum bewacht, die Gruppen in Mari sind Diebe.

Diese Gebiete sind dünn besiedelt.
Für mich ist die Sache einfach. Wer in der Opposition Politik macht, schützt die archäologischen Stätten, denn er will von der lokalen Bevölkerung akzeptiert werden. Wenn eine Gruppe die Zusammenarbeit mit der regionalen Bevölkerung vermeidet, sind es Mafiosi.

Wie groß ist das Ausmaß der Raubgrabungen in Syrien?
Tausende von archäologischen Stätten sind in gutem Zustand, es ist bei uns nicht so wie im Irak. Davon sind wir weit entfernt. Aber Stätten wie Apamea, Dura Europos, Mari und einige Stätten bei Aleppo sehen aus wie dort. Tell Halaf hat ein wenig durch die Kämpfe gelitten, aber es gab keine Raubgrabungen. In Raqqa haben die Islamisten mit Bulldozern den halben Tell abgetragen. Das hat nichts mehr mit dem Krieg zu tun, das ist eine dritte Partei.

Wie stark sind die Altertümer von Raqqa bedroht?
Der IS zerstörte in Raqqa alle römischen, griechischen und christlichen Statuen und alle islamischen Mausoleen. Das ist ein Phänomen der Barbarei.

Omaijadenmoschee Aleppo in Flammen
Unersetzlicher Schaden. Nach den schweren Kämpfen, bei denen im Oktober 2012 bereits die Omaijadenmoschee in Aleppo teilweise in Brand geraten war, ist sie im April endgültig schwer zerstört worden. Das obere Foto zeigt das Minarett der Moschee, die von größter Bedeutung für die srische Architekturgeschichte ist, noch relativ unversehrt. Am 24. April 2013 wurde das reich verzierte Minarett dann bei den Kämpfen gesprengt. Die Moschee gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: AFP
16.10.2012 13:22Unersetzlicher Schaden. Nach den schweren Kämpfen, bei denen im Oktober 2012 bereits die Omaijadenmoschee in Aleppo teilweise in...

Der Handel mit gestohlenen Kulturgütern funktioniert nur, wenn es einen Markt gibt.
Alle Syrer, ob regierungstreu oder oppositionell, die mich informieren, sind gute Syrer, weil sie das Erbe beschützen wollen. Unser Problem sind die offenen Grenzen. Nur der Libanon arbeitet eng mit uns zusammen, beschlagnahmt Objekte und gibt sie uns zurück. Die internationale Gemeinschaft muss gegen diese Mafiosi vorgehen, denn es geht um das Erbe der ganzen Welt. Deutschland spielt dabei eine ganz wichtige Rolle. Wir brauchen eine internationale Übereinkunft, die Grenzen um Syrien zu schließen.

Um es ganz klar zu sagen: Wenn ein Kunsthändler hier ein syrisches Objekt anbietet, ist es eindeutig illegal hierhergekommen?
Alle Gesetze Syriens seit 1963 bis heute verbieten den Verkauf syrischer Antiquitäten. Man muss das stoppen. Wir müssen zeigen, dass wir alle auf der Welt gegen die Diebe zusammenstehen. Eines Tages wird der Krieg vorbei sein und Regierung und Opposition werden sich am Verhandlungstisch treffen, die Lösung kann nur politisch gefunden werden.

Die al-Omari Moschee in Deraa im Süden Syriens.
Im März 2011 versammelten sich die ersten Demonstranten in der al-Omari Moschee in Deraa im Süden Syriens. 2013 ist das Minarett...Foto: REUTERS/Wsam Almokdad

Die sogenannte „Göttin von Aleppo“ wurde 2011 in Berlin restauriert, gezeigt und zurückgegeben. Ist mit ihr alles in Ordnung?
Keine Sorge, sie ist in Sicherheit. Das war eine wunderbare Kooperation mit Deutschland, ich bin sehr stolz auf die deutsch-syrische archäologische Zusammenarbeit. Frankreich ist im Augenblick zu sehr in den Krieg verwickelt, Deutschland muss nun seine Rolle spielen, damit künftige Generationen von Deutschen und Syrern nicht sagen: Warum habt ihr dieses Erbe nicht gerettet? Die deutschen Archäologen sind sehr gut unterwegs in dieser Sache, vor allem in Berlin, darauf bin ich sehr stolz.

Was erwarten Sie von der Konferenz in Berlin, die jetzt beginnt?
Es wird überall auf der Welt gestohlen. Dagegen braucht es effektive Gesetze.

Es wird irgendwann Frieden geben?
Und dann treffen wir uns auf dem Krak des Chevaliers und ich zeige Ihnen die Restaurierung!

Das Gespräch führte Rolf Brockschmidt.

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