Begleitbuch zur Berlinale Retrospektive : Wege zum Ruhm

Die Retrospektive der Berlinale widmet sich dem Weimarer Kino. Das Begleitbuch hat das Zeug zum Standardwerk.

Christian Schröder
Umschwärmt. Otto Wallburg in der Komödie "Der Himmel auf Erden" (Regie : Reinhold Schünzel, Alfred Schirokauer, 1927).
Umschwärmt. Otto Wallburg in der Komödie "Der Himmel auf Erden" (Regie : Reinhold Schünzel, Alfred Schirokauer, 1927).Foto: Deutsche Kinemathek

Maschinenwelt, Maschinenmusik. Aus Schloten dampft es, die Kamera fährt durch eine Industrielandschaft im Vollbetrieb, Kolben stampfen, Keilriemen rotieren. Und ein Sprechchor skandiert „Kohle, Kohle“ zu einer Musik für Orchester, Sirenen und, jawohl, Sauerstoffflaschen. Der Stummfilm „Sprengbagger 1010“ erzählt eine irrwitzige, märchenhafte Geschichte von der Kohle als schwarzem Gold und von den Menschen, die ihm nachjagen. Gedreht hat ihn 1929 Karl-Ludwig Acház-Duisberg, von dem man nicht viel mehr weiß, als dass er Bühnenschauspieler in Berlin und ein Sohn des Chemikers und Großindustriellen Carl Duisberg war, dem Chef der I. G. Farben.

Ein genialischer Ingenieur konstruiert einen gigantischen Bagger, der ganze Landschaften im Handumdrehen umwälzt und ausbeutet. Heinrich George spielt den hyperaktiven Werksdirektor, oft mit Zigarre im Mund oder in der Hand. Die Story ist Melodram und Kolportage, aber vier Kameraleute haben atemberaubende Bilder in den Leuna-Werken und im mitteldeutschen Braunkohlerevier gedreht. „Sprengbagger 1010“ gehört zu den Höhepunkten der Berlinale-Retrospektive, die dem Kino der Weimarer Republik gewidmet ist – so wie auch „Die Carmen von St. Pauli“, „Der Himmel auf Erden“ oder die frühe Tonfilmkomödie „Die Abenteuer einer schönen Frau“.

„Arbeit wird hier zur hingebungsvollen Pflichterfüllung“, schreibt Annika Schaefer im Begleitbuch über „„Sprengbagger 1010“. „Der Fortschritt scheint unaufhaltsam, das suggeriert die dynamische Schnittfolge der experimentellen Kameraperspektiven, die dem Maschinenenkoloss ein Eigenleben und eine fantastische Schönheit zugestehen.“ Einen Ingenieur zu einem Helden neuen Typs zu machen, darin erkennt die Autorin die Handschrift von nationalistischen Theoretikern und Schriftstellern wie Oswald Spengler und Ernst Jünger. Spengler, der 1918 den Untergang des Abendlandes prophezeite, sah in der modernen Führerfigur des Ingenieurs einen „wissenden Priester der Maschine“. Den Nationalsozialisten sollte es etwas später darum gehen, „Arbeiter der Stirn und der Faust“ miteinander zu versöhnen und die Klassengegensätze politisch auszuschalten.

Priester der Maschine

„Weimarer Kino - neu gesehen“, das Buch zur Retrospektive geht weit über die zwei, drei Dutzend Filme des Programms hinaus, es hat das Zeug zu einem Standardwerk. Die Beiträge handeln vom Boom des Historienfilms vor 1933, einem restaurativen, mitunter antirepublikanischen Marktsegment, das seine Idole von Danton über Friedrich II. bis Hindenburg fand. Es geht um Orientalismus und (Post-)Kolonialismus, den Experimenten der Dada- und Bauhausfilme und um Zensur und Skandalfälle  wie die umkämpfte Remarque-Verfilmung „Im Westen nichts Neues“ oder „Anders als die Andern, einen „Sittenfilm“ über die Welt der Homosexuellen.

Die Retrospektive präsentiert weitgehend unbekannte Filme, die nicht zum Kanon gehören, aber – wie Sektionsleiter Rainer Rother schreibt – „neben dem Bekannteren bestehen können“. Fritz Lang, Friedrich Wilhelm Murnau oder Georg Wilhelm Pabst haben längst ihren Platz im Pantheon der Kino-Unsterblichen sicher. Interessant sind aber auch die Meister aus der zweiten Reihe, deren Werke es nicht in den Kanon schafften. Dazu gehören Reinhold Schünzel, ein von Max Reinhardt als Schauspieler entdeckter Fachmann fürs Komödiantische, der nach Hollywood emigrierte, der Aufklärungsfilme Richard Oswald, die unfassbar produktiven Joe May und Richard Eichberg oder Werner Hochbaum, der vom Arbeiterkino zur Ufa kam.

Ein Auto, zwei Welten

Glanzstücke des Buches sind die Hommagen aus der Feder von heutigen Filmregisseuren. Andres Veiel schreibt über Gerhard Lamprechts Historiendrama „Der Katzensteg“, Dietrich Brüggemann über die Komödie „Ihre Majestät die Liebe“ und Ulrike Ottinger über das Reiseabenteuer „Im Auto durch zwei Welten“. „Ich komme aus dem Staunen nicht heraus“, schwärmt Wim Wenders über „Heimkehr“ von Joe May und „Song. Die Liebe eines armen Menschenkindes“ von Richard Eichberg. „Stumme Gesichter erscheinen mir monumental vergrößert, und einfach alles darin zwar übertrieben, aber auch rührend und ergreifend. Diese Bildsprache ist noch wie für Kinder gemacht (und wenn ich mich auf sie einlasse, werde ich beim Sehen auch wieder zum Kind), damit man auch bloß nichts übersieht, wo es ja schon nichts zu überhören gibt.“ Stummfilme schauen, das heißt das Sehen noch einmal neu zu lernen.

Karin Herbst-Meßlinger, Rainer Rother, Annika Schaefer (Hg.): „Weimarer Kino – neu gesehen“, Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen, Verlag Bertz + Fischer, Berlin 2018, 252 Seiten, 225 Fotos, 29 €.

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