Benefizfestival "Niemand kommt" : Mein Name sei Nemo

Viele freie Künstler stürzt die Krise in die Armut. Das „Niemand kommt“-Festival will Unterstützung für sie organisieren.

Gehört zu den Unterstützerinnen. Eva Mattes.
Gehört zu den Unterstützerinnen. Eva Mattes.Foto: picture alliance / Patrick Seege

She She Pop bereiten sich gerade im HAU auf dieses Festival vor. Sie haben eine Kamera auf der Bühne, die niemanden filmen wird. Auch einen Kleiderständer voller Kostüme, die niemand anziehen wird. Und ein halb bestuhlter Zuschauerraum ist bereit für das Publikum, das nicht kommen wird.

Neben dem Performance-Kollektiv She She Pop haben noch eine ganze Reihe weiterer Künstlerinnen und Gruppen zugesagt, nicht aufzutreten. Die Liste reicht von Sasha Waltz & Guests über Bernadette La Hengst, Showcase Beat Le Mot, Gob Squad und Peaches bis zur Schauspielerin Eva Mattes. Ein wirklich prominentes Who-is-who der Berliner freien Szene und ihrer Sympathisanten. Die gute Nachricht: Tickets sind unbegrenzt vorhanden. Sie kosten in der normalen Kategorie 22 Euro, es gibt aber auch Karten zum Preis von 11, 44 oder 95 Euro. Je nachdem, was es einem wert ist, bei diesem besonderen Ereignis nicht dabei gewesen zu sein. Oder eben doch.

Fiktive Veranstaltung, reales Anliegen

Das „Niemand kommt“-Festival ist eine fiktive Veranstaltung mit sehr realem Anliegen. Eine Solidaritätsaktion aus der Freien Szene für die freie Szene. Die Ticket-Einnahmen kommen Künstlerinnen und Künstlern sowie Kulturschaffenden in Existenznot zugute – solchen vor allem, die von den bisherigen Landes- und Bundeshilfen für Soloselbständige in der Corona-Krise nicht profitieren konnten. Und das sind bekanntlich nicht wenige.

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„Wir haben bereits eine lange Durststrecke hinter uns, und ein Ende ist nicht absehbar – selbst wenn vereinzelt wieder Vorstellungen möglich sind“, sagt Elisa Müller, eine der Organisatorinnen des Festivals. Müller, selbst Performerin beim „Institut für Widerstand im Postfordismus“ und Vorstandsmitglied im Landesverband Freie Darstellende Künste (LAFT), sieht zwar auch, dass zu Hilfszwecken schon eine ganze Reihe von Stipendien für Freischaffende aufgelegt wurden, wie etwa das Programm „Take Care“ des Fonds Darstellende Künste.

Eine Jury entscheidet

Aber sie bemängelt, dass man bei den meisten dieser Programme einmal mehr in einen Wettbewerb der künstlerischen Ideen treten müsse. Eine Jury entscheidet am Ende, wer unterstützt wird. Für Menschen in akuter Not nicht unbedingt das probate Instrument, findet Müller – es brauche unbedingt zusätzliche, schnelle und unbürokratische Hilfe.

Beim „Niemand kommt“-Festival wird dagegen eine einmalige Unterstützung von 1000 Euro verlost. Sicher, auch das ist nicht die Welt. Aber gerade in der freien Szene sind ja nicht wenige an prekäre Bedingungen gewöhnt – und durchaus erprobt darin, mit solchen Summen eine Weile ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Um Hilfe bewerben können sich Künstlerinnen, Künstler und Kulturschaffende, die in Berlin wohnen und hier professionell arbeiten. Erbeten wird eine kurze Schilderung der Umstände: Inwiefern hat die Pandemie zu einer Notlage geführt? Aber viel mehr Aufwand braucht es nicht.

Geld wird auf Grundsicherung angerichtet

Klar, für Menschen, die schon Grundsicherung erhalten, wird’s wieder mal knifflig. Denn die 1000 Euro würden darauf angerechnet. Und wären entsprechend kein Gewinn. Wie damit zu verfahren ist, diskutiert das Organisatoren-Team gerade.

Die Idee, eine Spendenaktion für die Berliner freie Szene in Form eines fiktiven Festivals zu veranstalten, hat Elisa Müller zusammen mit Jenny Schrödl entwickelt, Juniorprofessorin für Theaterwissenschaft an der FU. Vorbild war ein ähnliches Event, zu dem in Hamburg schon im März eingeladen wurde. Es war ein großer Erfolg. Auch in Berlin hatten Müller, Schrödl und ihre Co-Organisatoren Daniel Brunet und Susanne Foellmer keine Mühe, Unterstützer zu gewinnen: Institutionen, Verbände sowie Künstler und Gruppen, die – siehe She She Pop – kurze Videobotschaften für das „Niemand kommt“-Festival mit Stichtag am 24. Juli produziert haben.

Harte Zeiten für Solidarität

Schon mühsamer gestaltet es sich derzeit, zahlendes Publikum zu interessieren. Es sind harte Zeiten für Solidarität. Elisa Müller glaubt, viele hätten eben das Gefühl, man sei doch krisenmäßig über den Berg. Was natürlich nicht gilt für freie Schauspieler, Performer, Tänzer oder Musiker, die ohnehin nicht in großen Sälen auftreten – und die noch lange werden überlegen müssen, ob sich das Spiel vor ein paar Stühlen im Pandemie-Abstand überhaupt lohnt. „Niemand kommt“, das ist für viele gerade bittere Realität (Infos und Tickets: www.niemandkommt.de).

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