Benjamin-Oper in der Philharmonie : Wenn Engel spotten

George Benjamins Eifersuchtsoper „Written On Skin“ in der Philharmonie. Der Composer in Residence dirigiert selbst das Mahler Chamber Orchestra.

Composer in Residence: George Benjamin.
Composer in Residence: George Benjamin.Foto: Matthew Lloyd

George Benjamin ist ein verblüffend klarsichtiger Wachträumer. Der britische Komponist, Jahrgang 1960, schreibt eine derart luzide Musik, dass sie beim Hörer im Nu die Wirkung einer bewusstseinserweiternden Droge entfaltet. Sirrende oder energisch gezupfte Geigen, gestopfte Posaunen, wummernde Bässe, eine archaisierende Bassgambe und irritierendes Schlagzeug von klackernden Steinen über diverse Maracas bis zur Großen Trommel stricken ein verführerisch dichtes harmonisches Gewebe. Vertraute Gefilde mutieren zu befremdlichen Klangwelten, mit nervösen, irrlichternden Melodien und heftigen emotionalen Eruptionen.

Der diesjährige Composer in Residence der Philharmonie steht selbst am Pult des Mahler Chamber Orchestra; temperamentvoll und zielsicher navigieren sie durch die Partitur von Benjamins Oper „Written On Skin – eine stürmische Fahrt“. Endlich ist das 2012 in Aix-en-Provence uraufgeführte, inzwischen an 20 Spielstätten übernommene Werk auch in Berlin zu hören. Nicht auf einer Opernbühne, sondern halbszenisch in der Philharmonie, unter Regie von Benjamin Davis. Wobei das Fehlen von Kulisse und Kostüm durch die Intensität der Interpretation und den so makellosen wie frappierend schauspielernden Gesang der fünf herausragenden Solisten wettgemacht wird.

Sinnliches Musiktheater voller Erotismen, Poesie und Humor

Die auf einen okzitanischen Troubadour-Text zurückgehende Engels- und Eifersuchtsgeschichte um einen autokratischen Protektor (autoritätsheischend: Evan Hughes), seine Frau Agnès (souverän noch in den höchsten Höhen: Georgia Jarman) und einen jungen Buchillustrator (kühl, verführerisch: der Countertenor Bejun Mehta) hat es in sich – als sinnliches, sinnbildliches Musiktheater voller Erotismen, politischer Anspielungen, Poesie und Humor. Mit verblüffender Eleganz springt Benjamin zwischen den Zeiten, dem Mittelalter und der Gegenwart, den Sound der Renaissance mit dem der Neutöner und des Epischen Theaters verschränkend.

„Annulliert alle Flüge vom internationalen Flughafen und bevölkert den Himmel mit Engeln“, heißt es im Text des Dramatikers Martin Crimp, das Wesen der Fiktion so knapp wie trefflich konkretisierend. Wieder lässt Benjamin die Sänger aus ihren Rollen heraustreten, man konnte das bereits bei seiner Kurzoper „Into The Little Hill“ erleben, im September im Kammermusiksaal. Die Sänger erzählen sich simultan in der dritten Person, sie wechseln auch die Rollen. So werden die drei spöttisch kommentierenden Engel selbst zu Protagonisten in diesem Drama um die gefährliche Macht der Liebe sowie der (Ton-)Malerei, die Verborgenes zum Vorschein bringt, das Begehren, die Gewalt, die Selbstermächtigung einer in die Unmündigkeit gezwungenen Frau.

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Manchmal denkt man, diese Musik ist zu klug, zu perfekt auf den Punkt komponiert. Aber dann betört George Benjamin einen mit kurzer zärtlicher Terzseligkeit und Sekundreibungen bei der Liebesszene. Oder der Schrecken über den despotischen Protektor durchzuckt eines der Orchesterzwischenspiele. Oder die somnambule Glasharmonika lässt ihre Magie walten. Schon gut, dass der Komponist seine Drogen niemals überdosiert.

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