Berlin Art Week : Aus Liebe und Wahnsinn, aus Lust auf Abenteuer

Alana Lake betreibt in Kreuzberg einen Projektraum, der zur Art Week einen Preis erhält. Wie lange halten solche Orte der Verdrängung noch stand?

Die Britin Alana Lake zeigt im Projektraum GSL Kunst von Freunden, eigene Werke und manchmal auch ungewöhnliche Fundstücke.
Die Britin Alana Lake zeigt im Projektraum GSL Kunst von Freunden, eigene Werke und manchmal auch ungewöhnliche Fundstücke.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Man könnte ihn fast übersehen. Doch wer genau hinguckt, findet Alana Lakes Projektraum „GSL Projects“ in der Liegnitzer Straße 34. Die Britin strahlt wie das helle, einfallende Licht. Hier, auf 15 Quadratmetern, stellt sie Kunst aus, die ihr gefällt. Persönliche Vorlieben sind das einzige Kriterium für die monatlich wechselnden Ausstellungen. Es geht nicht um Verkaufszahlen, sondern um die Objekte. „Gravity seeks Love“ – dafür stehen die Kürzel im Namen ihres Projektraumes: Schwerkraft ersehnt Liebe.

Der Raum ist nicht größer als ein Wohnzimmer und wirkt doch geräumig. Die aktuelle Ausstellung „Crash“ wurde von Kurator David Evans zusammengestellt, ein Freund von Alana Lake. „Es geht um den Crash als Symbol für unsere angespannte Zivilisation“, erklärt sie und zeigt auf zwei nebeneinander liegende Motorradhelme, die mit rosa und weißer Farbe bespritzt sind. Das Werk stammt von ihr selbst. Daneben hängt eine großformatige Leinwand, durch deren Mitte ein Riss geht. Es könnte die zersprungene Frontscheibe eines Autos sein. Aus der Ferne sieht das Werk wie eine Chart-Grafik aus, auf der ein Aktienkurs in den Keller fällt. „Ein ökonomischer Crash“, kommentiert Lake.

Ein paar Schritte weiter hängt von Penelope Umbrico ein Computer, der mit einem Nagel an die Wand gehauen wurde. „Ein Computercrash“, witzelt Lake. Höhepunkt dieser kleinen, feinen Ausstellung aber sind Fotografien aus den 70er Jahren, die David Evans bei der Auflösung einer Kanzlei in Frankreich gefunden hat: Schwarz-Weiß-Fotografien von alten Citroens nach Unfällen. Die Wagen liegen zerbeult in Gräben, mit offenen Motorhauben oder gesprungenen Fenstern, zerstörten Türen und zerbeulten Kotflügeln. Der Besitzer der Fotografien war ein Versicherungsanwalt. Er schrieb nach den Unfällen die Gutachten. Die Bilder besitzen eine eigenartige Poesie. Es sind nüchterne Chronologien des Schrecklichen. Sofort stellt sich die Frage: Wie kam es zu den Unfällen? Wer waren die Fahrer, wer die Opfer? Die Patina der Zeit verleiht den Bildern eine eigentümliche Mystik, als wären sie Stills aus Horrorfilmen.

Das Preisgeld bedeutet eine Verschnaufpause

Alana Lake hat ein Talent, solche Schätze ans Licht zu holen. 2014 kam sie aus London, weil hier die Mietpreise einigermaßen bezahlbar sind. Zuvor hatte sie in Bournemouth Fotografie studiert. Den Berliner Projektraum begründete sie zunächst mit einer Freundin in Mitte. Als sie wegzog, setzte Lakes alleine die Arbeit in ihrer Wohnung fort. Dann entdeckte sie die Liegnitzer Straße 34. Seit anderthalb Jahren ist Lake nun in Kreuzberg – und fühlt sich wohl. Doch zugleich wacht sie jeden Tag mit der bohrenden Frage auf: „Wie lange kann ich mir die Miete im Zentrum der Stadt noch leisten?“

Und plötzlich schaut Alana Lake besorgt. Zum Glück hat sie nun mit 19 anderen Betreibern die Berliner Auszeichnung für künstlerische Projekträume und Initiativen gewonnen, die jährlich von der Senatsverwaltung für Kultur verliehen wird. Das Preisgeld in Höhe von 37 000 Euro bedeutet für sie eine „Verschnaufpause“. Endlich kann sie angefallene Rechnungen bezahlen, den Künstlern und dem Kurator ihr Geld überweisen. „Der Projektraum trägt sich nicht allein,“ beschreibt Lake ihre finanzielle Situation. „Als ich anfing, musste ich drei Jobs parallel stemmen, um dieses Hobby zu finanzieren. Die Ausstellungen bringen kein Geld ein, sie verschlingen es.“

Warum geht die Britin ein solches finanzielles Risiko ein? Die 38-Jährige muss länger überlegen. „Aus Liebe zur Kunst. Vielleicht aus Wahnsinn“, spöttelt sie. „Berlin war einmal ein Eldorado für Künstler.“ Doch die Stadt verändere sich. Sie werde immer teurer. „Ich bin realistisch. Irgendwann wird der Projektraum wieder zurück in meine Wohnung ziehen.“

GSL Project, Liegnitzer Str. 34; Fr bis So. 14 – 17 Uhr und na. Vereinbrg. www.gslprojekt.com/ Bis 2. 10.. Die Auszeichnung für künstlerische Projekträume und -initiativen wird am 28. 9. ab 17 Uhr in der Bar Babette verliehen, Karl-Marx-Allee 36.

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!