Berlin Art Week : Das Berghain wird zum Ausstellungsraum

Die Kunst geht in den Club: Die Ausstellung Studio Berlin haucht dem Berghain neues Leben ein.

An der Fassade des Berghain prangt eine Parole von Rirkrit Tiravanija.
An der Fassade des Berghain prangt eine Parole von Rirkrit Tiravanija.Foto: Noshe

Corona schafft nicht bloß neue Regeln, sondern bricht auch mit alten. Wer aktuell – nach ordentlicher Anmeldung im Internet – in der Schlange vor dem Berghain steht, darf garantiert hinein. Die Türpolitik ist eine andere, denn Berlins berühmtester Techno-Club lechzt inzwischen nach Publikum.

Der Lockdown verschont keinen – schon gar nicht einen Ort, der für ein libidinöses Nachtleben mit Engtanzen steht.

Also rutscht man zusammen, wenn auch anders als gewohnt: Für die Ausstellung „Studio Berlin“, die zeitgleich zur Art Week startet, haben das Berghain, die Boros Foundation und die Senatsverwaltung für Kultur zusammengewirkt. Das Ergebnis ist ein klandestiner Ort für ein Publikum mit Lust auf Kunst statt auf Körper und satte Sounds.

Wobei: Beides gibt es nun auch, wenn etwa Christine Sun Kim schwarze Noten auf den dunklen Boden schreibt, Jessica Ekomane nervöse Töne durch die Bar jagt oder Anna Uddenberg mit „Climber (Angel Kiss)“ eine ihrer üppigen Kunstfiguren den Tresen besteigen lässt. Das passt perfekt, weil einige Künstlerinnen und Künstler ihre Arbeiten eigens für den Ort produziert haben.

Manche Künstler beschäftigen sich ohnehin schon mit Sex

Andere wie Monica Bonvicini oder Simon Fujiwara beschäftigen sich ohnehin mit dem Körper und seinen sexuellen Abschweifungen. Dann gibt es Protagonisten, denen während der Covid-19-Isolation das künstlerische Material ausgegangen ist wie Thea Djordjadze, die auf einem Orientteppich gemalt hat. Und schließlich jene, die gerade vergebens große Ausstellungsprojekte vorbereitet hatten.

Ihnen allen dient „Studio Berlin“ als Möglichkeit, sich nach Monaten wieder zu zeigen. Sei es mit Ritzungen in der Toilettenwand wie die von Cyprien Galliard nach einem Paradiesmotiv von Pieter Bruegel dem Älteren, dem alptraumhaften Interieur eines Thomas Zipp oder der Geisterbahn von Raphaela Vogel: neun imposanten Architekturmodellen, die wie Ruinen von morgen wirken.

Und während Kultursenator Klaus Lederer zur Eröffnung der Schau von der Wiedererstehung des Berghains wie der Berliner Kunstszene schwärmt, schwankt über ihm in der möchtigen Eingangshalle eine Boje hin und her, als würde sie von heftigen Wellen bewegt. Dabei schwebt sie in der Luft, befestigt bloß an ein paar Seilen. Den Takt gibt eine zweite Boje vor, diesmal direkt aus dem Atlantik, ihr Berliner Pendant bewegt sich synchron dazu.

Ritzungen in der Toilettenwand

Die Arbeit von Julius von Bismarck namens „Die Mimik der Tethys“ (2019) ist ein Kracher und wirkt, als wäre sie direkt für den sakralen Techno-Club gemacht – so wie die Bilder von Norbert Bisky oder Wolfgang Tillmans, die schon lange hier hängen. Was von Bismarcks Arbeit aber noch interessanter macht: Sie sollte im Juni eigentlich auf der Art Basel im „Unlimited“-Sektor gezeigt werden – dort, wo die große, richtig teure Kunst hängt.

[„Studio Berlin“, Berghain, Am Wriezener Bahnhof, ab 9.9., 18 Euro, Infos und Anmeldung: www.studio.berlin, Achtung, die nächsten Tage sind schon gut gebucht]

Ein Club, kommerzielle Kunst, eine private Stiftung und Senatsgelder. Wie das zusammengeht, leuchtet im ersten Moment so gar nicht ein. Hatte Lederer nicht vor einiger Zeit noch streng getrennt? „Mein Herz schlägt für eine Kunst, die nicht primär dem Zweck dient, den Markt zu befeuern“, hieß es in einem Interview mit dem Tagesspiegel. Doch die Zeiten haben sich geändert, seit Frühjahr sitzt man in einem Boot: Es gilt, das kulturelle Leben in allen Facetten zu erhalten.

Und plötzlich ist möglich, was bislang undenkbar schien: Das Berghain nimmt Eintritt für Führungen, die Kunst geht in den Club. Dafür haben Karen Boros und Juliet Kothe von der Boros Foundation mehrere Monate lang durchgearbeitet – und Christian Boros war sicher auch nicht unbeteiligt, denn „Studio Berlin“ ist nicht zuletzt eine geniale PR-Aktion für Berlin.

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