Berlin Art Week : Die Reise nach Berlin

Auf neuen Wegen: Viele Kunsthäuser kooperieren mit anderen Räumen und erweitern ihren Radius. Ein Blick in den Netzwerk-Dschungel.

Materialmix. Die peruanische Künstlergruppe Bisagra lädt ein zur „Fashionshow“ in den Projektraum Kinderhook & Caracas.
Materialmix. Die peruanische Künstlergruppe Bisagra lädt ein zur „Fashionshow“ in den Projektraum Kinderhook & Caracas.Foto: Bisagra

Sie weben am selben Netz, aber nicht alle machen gemeinsame Sache. Es gibt soziale und asoziale Spinnen, so lernt man bei Tomás Saraceno, der zur Art Week im Lichtenberger Projektraum „after the butcher“ ausstellt, einer ehemaligen Schlachterei. Saraceno ist mit begehbaren, in luftigen Höhen installierten Netzen weltbekannt geworden. Nun ist er Teil der Ausstellung „Verstrickungen/Entanglements“ (Eröffnung Freitag, 28.9., 19 Uhr, Spittastr. 25), zu der auch die Berliner Bildhauerin Michaela Meise und die Londoner Recherchegruppe Forensic Architecture eingeladen sind.

Es ist nicht selbstverständlich, dass Künstler dieses Kalibers in einem abseits gelegenen Raum ausstellen - und in diesem Fall nur möglich wegen einer Kooperation mit dem Neuen Berliner Kunstverein (n.b.k.), der bei der Finanzierung hilft.

Der Abstecher lohnt. In Lichtenberg experimentiert Saraceno mit einer Radioantenne. Sie vermittelt Klänge aus einem Glaskasten, in dem verschiedene Spinnen ihre Netze weben. Vielleicht ist das der Rhythmus der Solidarität zwischen den Arten. So interpretiert es Thomas Kilpper, der „after the butcher“ seit zwölf Jahren gemeinsam mit Franziska Böhmer betreibt. Kilpper und Böhmer geht es mit ihrer Ausstellungstätigkeit um die Frage, wie die Kunst das Klima in der Gesellschaft positiv verändern kann.

Forensic Architecture untersuchte in Kassel den NSU-Mord

Bei Forensic Architecture liegt es auf der Hand. Die an der Goldsmith Universität in London gegründete Gruppe aus Architekten und Datenexperten untersuchte die Verstrickungen des hessischen Verfassungsschutzbeamten Andreas Temme in den Kasseler NSU-Mordfall von Halit Yozgat. Der Forschergruppe gelang es, durch eine Simulation die Aussagen des Geheimdienstagenten, der zum Zeitpunkt des Mordes am Tatort in einem Kasseler Internetcafé anwesend war, zu widerlegen. Es ist vielleicht das erste Mal, dass eine Künstlergruppe beauftragt wurde - in dem Fall von der „Gesellschaft der Freund*innen von Halit“ - Beweise in einem Gerichtsprozess beizusteuern. Zuerst waren sie im vergangenen Jahr in Kassel auf der Documenta zu sehen.

Beim Kooperationspartner n.b.k. geht es in der Ausstellung „A 37 90 89 – Die Erfindung der Neo-Avantgarde“ (Eröffnung heute 18 Uhr, Chausseestr. 128-129) indes um die Anfänge alternativer Ausstellungstätigkeit, konkret um einen frühen Projektraum namens A 37 90 89, der 1969 in Antwerpen seine Pforten öffnete, mit Kaspar König als Organisator. Während in Mitte die Historie gezeigt wird, ist in Lichtenberg in situ zu erleben, wie sich das Modell seit 1968 entwickelt hat.

Deshalb wird das Publikum auf Reisen geschickt. Kunstvereinsleiter Marius Babias sieht darin keinen Drang zum multilokalen Event, für ihn ergänzt der eine Ort den anderen. „In Berlin wird sowieso viel zu wenig kooperiert“, findet er. Ihm ist der Trend zur Hybridisierung, dass eine Kunstinstitution gleichzeitig Theater, Kino, Tagungsraum und antiinstitutioneller Experimentierraum sein will, ein Dorn im Auge.

Eine andere Form des Ortswechsels zeigen die Kunst-Werke. Das Haus ist wegen einer Umbaupause nach der Berlin Biennale eigentlich geschlossen. Deshalb wandern sie. In den eigenen Räumen ist eine Werkserie von Evelyn Taocheng Wang zu sehen, während die zweite zur Art Week angekündigte Ausstellung in der Julia Stoschek Collection stattfindet. „KW Production Series“ nennt sich das neue Projekt, bei dem die KW nicht nur ausstellen, sondern auch Kunst produzieren lassen – in Kooperation mit der Stoschek Collection, die auf Video- und Filmkunst spezialisiert ist (Eröffnung, heute 19 Uhr, Leipziger Str. 60). Zwei Filme wurden auf diese Weise finanziert.

Die Kunst-Werke sind zu Gast in der Julia Stoschek Collection

Die Londonerin Beatrice Gibson reflektiert über Lyrik als Mittel zur Gegenwehr und was es bedeutet, in Zeiten von Trump & Co. Mutter zu sein. Das allegorische Zweikanal-Video „Pastoral Drama“ von Jamie Crewe umkreist das Thema Fortschritt. Neben Stoschek und den KW waren unter anderem als Finanziers das Londoner Camden Arts Centre und die Kunsthalle Bergen beteiligt. Bei dieser Form der internationalen Koproduktion geht es um eine Wirkung über Berlin oder einen einzelnen Ort hinaus, erklärt Kurator*in Mason Leaver-Yap. So könne ein Kunstwerk unterschiedliche Leben in unterschiedlichen Öffentlichkeiten entwickeln. Immer wieder fällt das Stichwort Transnationalität.

Zuletzt war das beim Großereignis Documenta zu erleben. Die Schau fand nicht nur in Kassel statt, ihrem angestammten Ort seit 1955, sondern auch in Athen. Nur an einem Ort zu sein und aus einer Perspektive zu schauen, reicht nicht mehr. Nur ist die Art Week keine Documenta mit Bildungsanspruch, sondern ein Marketingzusammenschluss, unter deren Dach jede Institution ihr eigenes Programm macht.

Das Publikum eignet sich über Ausstellungsbesuche die Stadt an

Dass unerwartete Adressen integriert sind, wird erwartet – auch vom Publikum, das nicht nur Kunst, sondern auch die Stadt erleben will. Das Label Art Week verband von Beginn an Institutionen, Galerien, Kunstmessen und Projekträume. Waren es im ersten Jahr noch drei Projekträume, sind es heute 20. Sie stellen in der Kunstwoche ein Programm auf die Beine und werden dafür mitbeworben – so wie Kinderhook & Caracas in Kreuzberg. Auch dort ist eine Ausweitung der Kunstzone zu erkennen.

Die Künstler Sol Calero und Christopher Kline zeigen zwar aus Ressourcengründen oft Künstler aus Berlin, dieses Mal haben sie aber das Kuratorennetzwerk „Bisagra“ aus Lima eingeladen. Die Peruaner initiieren eine „Fashion Show“ (wieder am 27. 9., 19 – 20.30 Uhr, Kreuzbergstr. 42E). Die ehemals von Europa nach Peru importierten, jetzt wieder trendig gemachten und eigenhändig in Koffern re-importieren Kleider sind von Künstlern aus Lima designt. Es geht um Warenströme und um die Produktion von kulturellem Kapital. Bisagra sind nicht nur in Kreuzberg zu erleben, sondern auch beim „Tier.space“, einem Projektraum in Neukölln (heute, 16.30 bis 18 Uhr, Donaustr. 84).

Verstrickungen allerorten.

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