Berlin Art Week : Die Stadt als Material für Kunst

Die in Berlin lebende Künstlerin Bettina Pousttchi untersucht das Wechselspiel von Architektur und öffentlicher Ordnung. Ihr Rohstoff ist die Urbanität.

Ein Haus trägt schwarz. 2009/10 verhüllte Bettina Pousttchi die Temporäre Kunsthalle am Schlossplatz mit einem Puzzle aus 1000 Fotografien,
Ein Haus trägt schwarz. 2009/10 verhüllte Bettina Pousttchi die Temporäre Kunsthalle am Schlossplatz.Foto: Bettina Pousttchi

Das Echo hallt immer noch nach, bloß verfängt es nicht mehr an dem windigen Ort, an dem bis 2008 der Palast der Republik stand. „Echo“, die spektakuläre Hülle, mit der Bettina Pousttchi ein Jahr nach Abriss der DDR-Ikone die benachbarte Temporäre Kunsthalle umwickelte, ist ebenfalls zur Erinnerung geworden: knapp 1000 Plakate, auf denen Fassadenteile des Palastes abgebildet waren. „Erichs Lampenladen“ schien noch einmal auferstanden.

Dass die Künstlerin, die nun zeitgleich im Kesselhaus (“Panorama“, Kindl – Zentrum für zeitgenössische Kunst, Am Sudhaus 3, bis 10. Mai 2020, Mi-So 12-18 Uhr) und in der Berlinischen Galerie ausstellt, damals einiges variierte, fiel den wenigsten auf. Statt Hammer und Sichel prangte eine abfotografierte Uhr an der Kunsthalle. Sie markiert ein anderes großes Thema im Werk der 1971 geborenen Pousttchi, das auch in der Ausstellung „Recent Years“ der Berlinischen Galerie auftaucht. (Alte Jakobstr. 124-128, bis 6. April 2020, Mi-Mo 10-18 Uhr)

„World Time Clock“ basiert auf Reisen, die die Künstlerin ab 2008 unternommen hat, um Uhren von Hongkong über New York und Rangun bis Taschkent abzubilden. Immer um dieselbe Zeit, um 13.55 Uhr – wenn sie denn gingen. Nicht jede Recherche führte zum Ziel, mehr als einmal zeigte das Internet funktionierende Zeitmesser, die in Wahrheit nicht mehr gingen oder gerade eingerüstet waren.

Vorbild ist die Weltzeituhr am Alexanderplatz

Dass die Realität und der digitale Raum unabhängig voneinander ihre eigene Wirklichkeit behaupten, fasziniert Bettina Pousttchi ebenso wie jene Zeitzonen, die in „World Time Clock“ nebeneinander hängen. Vorbild ihrer Überlegungen war ein weiteres Wahrzeichen aus DDR-Zeiten, das ähnlich funktioniert: die Weltzeituhr am Alexanderplatz.

Sich hier zu treffen, gleicht einer Verabredung im Ameisenhaufen. Die Uhr ist touristischer Hotspot, die Instagrammer stapeln sich. Doch man stößt zwischen den Billigläden und hochspannender Architektur wie Peter Behrens’ Bürobauten aus den zwanziger Jahren oder dem Fernsehturm auf einiges, das auch im Werk von Pousttchi zu finden ist: auf Poller, Absperrgitter, verzinkte Rohre zum Schutz der Bäume – und mit Blick auf den Straßenverkehr auch auf Leitplanken, die in „Recent Years“ eine Skulpturengruppe bilden. Kein Wunder also, dass die Künstlerin den Alexanderplatz als öffentlichen Platz empfindet, „an dem man von Urbanität umgeben ist“.

Dabei sollte sich das Gespräch um den Alex als Ort drehen, an dem nach diversen Überfällen immer neu versucht wird, den öffentlichen Raum zu kontrollieren. Ein weiteres Pousttchi-Thema, denn was verkörpern Poller und Gitter anderes als den Versuch, Ordnung in ein chaotisches System zu bringen? Natürlich gäbe es den Versuch, stimmt sie zu. „Aber am Ende des Tages funktioniert es nicht.“

Anfänge am Flughafen Tempelhof

„Typisch für Berlin“, findet sie. Und weil Bettina Pousttchi, die in den neunziger Jahren an der Düsseldorfer Kunstakademie studierte und anschließend mit einem Stipendium des Whitney Museums nach New York ging, inzwischen schon lange in Berlin lebt, hat viel in ihrem faszinierenden Werk mit dieser Stadt zu tun. „Sie ist der Ausgangspunkt meiner Wahrnehmung.“ Was Pousttchi sieht, wird befragt und reflektiert. Und wandert am Ende vielleicht in eine Arbeit.

So war es im Flughafen Tempelhof, der Ende der Neunziger noch in Betrieb war. Dort entstand die erste Fotografie einer Uhr. Die Frage nach Ursache und Wirkung der Poller zeigt bis heute ihre Spuren. Einmal installierte die Künstlerin so ein Ding selbst auf dem Gehweg. Perfekt getarnt stand es da und unterschied sich äußerlich kein bisschen vom städtischen Mobiliar. Nach zwei Tagen war die Arbeit dennoch verschwunden.

Seitdem gruppiert Pousttchi ihre Elemente, verformt sie und verwendet Signalfarben, um diese erst recht vom Original abzusetzen. Immer aber bewahren die Skulpturen ihren Bezug zum öffentlichen Raum, und wenn die verbogenen Baumschutzbügel Namen wie „Felix“ oder „Käthe“ tragen, hat das weniger mit Personen als mit jenen Straßen zu tun, in denen man ihren Vorbildern begegnet.

Es kommt zusammen, was nicht zusammengehört

„Echo“ von 2009 war ein Anlass, die Fassade einer bestehenden Architektur neu zu interpretieren. Seitdem sind zahlreiche solcher Arbeiten entstanden, Ausstellungen im Hirshhorn Museum and Sculpture Garden in Washington D.C. (2016) oder der Schirn Kunsthalle in Frankfurt (2012) zeugen davon. Auch im Kesselhaus und in der Berlinischen Galerie spielt Bettina Pousttchi mit architektonischen Elementen, die die Gebäude betonen oder infrage stellen.

Am Kindl reizte sie der Anspruch einer Brauerei, sich 1929 wie eine Kathedrale über die Stadt zu erheben. Die Berlinische Galerie, ein ehemaliges Glaslager, hat heute kein offenes Entree mehr, sondern einen gemusterten Eingang aus digital bearbeiteten Fotografien von altem Fachwerk. Die Transparenz der Moderne und das Mittelalter: Hier kommt zusammen, was nicht zusammengehört. Eine Montage, die ähnlich Pousttchis Uhren das eigentlich Unmögliche multipler Wahrnehmung vollbringt.

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