Berlin Art Week : Die toten Paradiese

Julian Charrière konfrontiert die Besucher in der Berlinischen Galerie mit einer Welt, die der Mensch für seine Zwecke umgestaltet – und zerstört.

Der Mann braucht Geduld. Drei Tage war er beispielsweise per Boot zum Bikini-Atoll unterwegs – nachdem Julian Charrière bereist den halben Kontinent umrundet hatte, um in die Nähe der verstrahlten Inselgruppe zu gelangen. Die Vorbereitungen zu seinen Tauchgängen tief ins Meer für jene Schiffsfriedhöfe, die die Amerikaner dort nach der Erprobung ihrer Atombomben ab 1946 hinterließen, fordern ebenfalls Zeit. Und Umsicht. Wie viel einfacher – vor allem aber ungefährlicher – wäre es, solche Unterwasserlandschaften mit Farbe und Pinsel zu imaginieren. Doch davon gibt es nichts im stetig wachsenden Werk des Künstlers: Sein Medium sind Film und Fotografie.

Dass er möglichst nah an die Sujets will, um Authentizität herzustellen – obwohl Charrière diese Wirklichkeit für ein Konstrukt des menschlichen Verstandes hält –, gehört zu den Widersprüchen seiner Arbeit. Sie offenbart sich auch in seiner jüngsten Soloschau in der Berlinischen Galerie, die Teil der Auszeichnung mit dem Gasag-Kunstpreis 2018 ist, den der 31-Jährige am heutigen Mittwoch verliehen bekommt. Ein weiterer Grund, weshalb Charrière gerade sehr geduldig sein muss: Alle wollen mit ihm sprechen.

„Eine riesige Chance, in meiner Heimatstadt eine institutionelle Ausstellung dieses Formats bespielen zu dürfen“, nennt der Künstler die Ausstellung „As We Used To Float“. Und natürlich ist ein Preis ein guter Grund für die steigende Nachfrage nach dem smarten, immer freundlichen und verbindlichen 31-Jährigen. Aber Auszeichnungen gab schon in den vergangenen Jahren mehr als genug. Etwa den „artgenève – Prix Mobilière“ (2018), den Schweizer Kiefer-Hablitzel-Preis (2015), den IBB Preis für Photographie (2013) und ein Kaiserringstipendium für junge Kunst. Charrière ist gebürtiger Schweizer, das Land beobachtet seine Karriere ähnlich aufmerksam wie hierzulande alle, die ihn als Mitglied der Künstlergruppe Numen und ehemaligen Studenten am Institut für Raumexperimente kennen, das bis 2014 – als Außenstelle der Universität der Künste – von Olafur Eliasson geleitet wurde. Schließlich ist auch Eliasson ein Star und garantiert als Lehrer Aufmerksamkeit.

Hingehen, wo es wehtut

Doch die übergroße Faszination für einen Künstler, der oft gar nicht zu fassen ist; dessen Atelier in der Tempelhofer Malzfabrik viel leer steht, weil er, wie gerade, vier Wochen lang in Mexiko auf Recherche ist, hat noch einen Grund. Es sind die Themen. Julian Charrière zeigt Welten, die den meisten verborgen bleiben, weil sie zerstört, vergiftet und aus dem Bewusstsein gedrängt sind wie das Bikini-Atoll, das nur auf den Fotografien paradiesisch aussieht: Die hellen Flecken dokumentieren eindringlich die dortige Radioaktivität. Dass sich der Künstler einem Risiko aussetzt, wenn er sich und die Negative in der Kamera von Alpha- und Beta-Teilchen bombardieren lässt, weiß er selbst. Dabei geht es ihm gar nicht – oder höchstens ein bisschen – um die Gefahr, meint Charrière: „Sondern um das physikalische Erlebnis und die Erkundung einer Situation.“

Hingehen, wo es wehtut: Dieser Aufgabe haben sich Künstler immer schon gestellt. In Charrières Fall resultieren daraus Bilder von geradezu unverschämter Schönheit: der Künstler in der Antarktis beim Versuch, einen Eisberg mit dem Gasbrenner abzuflämmen; auf der Palmölplantage, die aussieht wie ein Dschungel, tatsächlich jedoch die Natur verdrängt. Charrière vor jenen Mondlandschaften, die der Abbau Seltener Erden in Bolivien und anderswo hinterlässt. Schließlich am Bikini-Atoll, dessen Wirklichkeit in der Berlinischen Galerie in atemberaubenden Videos und Fotografien konstruiert wird. Denn die Bilder lassen bloß erahnen, welche Erfahrungen der Künstler vor Ort gemacht hat.

Künstler, kein Aktivist

Realer ist da schon die Arbeit „Pacific Fiction“ von 2016 und ebenfalls Teil der aktuellen Ausstellung. Eine Sammlung von Bikini-Kokosnüssen, die dank ihrer Ummantelung mit Blei nicht länger strahlen. Dafür erinnern sie daran, dass dieses bewegliche Erbe das Atomtestgelände auf dem Seeweg verlässt, um seine toxische Ladung übers Meer zu verteilen. Hier kippt die Idee von der Beherrschbarkeit der Gefahr, die selbst nach siebzig Jahren sehr real ist. Seither greift der Mensch im Anthropozän tief in seine Umgebung ein. Für Rohstoffe, wissenschaftliche Experimente oder aus purer Bequemlichkeit. Charrière betont seine Funktion als Künstler, die Rolle des Aktivisten ist ihm fremd. Dennoch dämmert einem vor seinen Arbeiten, dass wir die Verursacher dieser toten Zonen sind. Schönheit und Schrecken und man selbst mittendrin.

Mit diesem Auftrag geht Charrière auf Reisen, die ihn ans Ende der Welt und zugleich ins Zentrum der Gegenwart bringen. Was er daraus macht, seine Entwicklung vom Selbstporträt als Brandstifter im längst nicht mehr ewigen Eis zum Arrangeur komplexer medialer Installationen, sorgt für eine Anziehungskraft, der sich kaum jemand entziehen kann.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124-128, Eröffnung: 26.9., ab 19 Uhr. Bis 8.4. 2019, Mi–Mo 10–18 Uhr

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