Berlin Art Week : Mehr Termine, mehr Teilnehmer, mehr Ausstellungen

Vier Tage lang kreuz und quer durch die Stadt: Die Berliner Art Week ist so groß wie nie zuvor. Es gibt also viel zu entdecken.

Berlin, das bleibt die Stadt der Entdeckungen, auch wenn mittlerweile jede Ecke ausgeforscht scheint. Zur Art Week liefert die Akademie der Künste den schönsten Beweis. In den Kellern ihres Gebäudes schlummert ein Schatz, den sie nun auch den Besuchern zugänglich macht. Von der ursprünglichen Architektur am Pariser Platz aus dem Jahr 1905 steht zwar so gut wie nichts mehr, darüber erhebt sich der gläserne Neubau von Günther Behnisch. Doch darunter, in den Fundamenten, befindet sich ein Relikt aus alter Zeit.

In den Jahren 1957 und 1958 statteten hier die Akademie-Meisterschüler Ernst Schroeder, Harald Metzkes, Manfred Böttcher und Horst Zickelbein den Keller mit Karnevalsmalereien aus. Krüge, Flaschen, Gläser prangen an den Wänden, zwei nackte Grazien flößen einem Anzugträger ein Getränk ein. Einen Raum weiter stehen Strichmännchen Weiß auf Schwarz in Reih und Glied, ein Hund wird Gassi geführt, ein Hirsch röhrt. Bei den einen stand Picasso Pate, bei den anderen wirft A.R. Penck seine Schatten voraus. Große Kunst ist das eher nicht, aber ein Dokument künstlerischer Freiheit. Hier behaupteten vier junge Maler ihren eigenen Stil, suchten Anschluss an die Moderne. Drei Jahre später stand die Mauer, wurde ihre Kunst scharf kritisiert, da sie nicht dem offiziell geforderten sozialistischen Realismus entsprach. Ihre schwarzen Bilder galten als renitent.

Keine Schließzeit für die Kunst

Kohlenstaub legte sich darüber, erst Jahrzehnte später wurden die Wandgemälde wieder freigelegt. Heute sind sie eine Kostbarkeit. Nur 20 Personen dürfen die Räume betreten, im Stundentakt bietet die Akademie zur Art Week Führungen an (29./30.9., 10-19 Uhr, Okt. bis Dez. mittwochs ab 18 Uhr). Gutes Schuhwerk empfiehlt sich außerdem. Doch das braucht der Art Week-Besucher ohnehin.

In diesem Jahr gibt es mehr Termine, mehr Teilnehmer, mehr Ausstellungen denn je. Vier Tage lang geht es kreuz und quer durch die Stadt: vom Hamburger Bahnhof, wo die Gewinnerin des Preises der Nationalgalerie Agnieszka Polska ihre digitalen Verfremdungen präsentiert, nach Tempelhof zu den beiden Messen Art Berlin und Positions im Hangar, wieder zurück nach Kreuzberg in die Berlinische Galerie zu Julian Charrière, dann weiter in den Norden in den Wedding, wo Emeka Ogboh sein Bier braut und über Geschmack diskutiert. Zu Lee Buls Skulpturen im Gropius Bau führen Treppen rauf, zu den politischen Künstlerplakaten im U-Bahnhof Alexanderplatz wiederum runter. Hier gibt es zum Glück keine Schließzeit.

Unsere Sonderseiten helfen, Kunstrouten durch die Stadt für Tag und Nacht zusammenzustellen. Viele Ausstellungsorte, die Museen, sind zwar bekannt, doch gibt es immer noch Entdeckungen zu machen wie im Keller der Akademie der Künste. Die größte Überraschung aber liefert jedes Mal die Kunst selbst, sie sollte es zumindest. Die Art Week mit ihren Führungen, Talks, Preisverleihungen feuert die Neugierde an. Nur hinkommen muss jeder selbst.

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