Berlin-Ausstellung im Humboldt Forum : "100 Objekte, alle stark"

Wie wird sie, die Berlin-Ausstellung im Humboldt Forum? Chefkurator Paul Spies und Kultursenator Klaus Lederer geben Auskunft, auch zur verzögerten Eröffnung.

Ein erster Blick in die Berlin-Ausstellung im Humboldt Forum, im Hintergrund das Kaiserpanorama.
Ein erster Blick in die Berlin-Ausstellung im Humboldt Forum, im Hintergrund das Kaiserpanorama.Foto: Kulturprojekte Berlin GmbH

Wie wird sie aussehen, die Berlin Ausstellung im Humboldt Forum? “Wir wissen alles, bis zum letzten Text“, sagt Chef-Kurator Paul Spies am Mittwochabend bei einer Podiumsdiskussion. Eingeladen hat der Verein der Freunde und Förderer des Stadtmuseums Berlin. Vergangene Woche war bekannt geworden, dass das Humboldt Forum zwar am 30. November 2019 zur ersten Teil-Eröffnung einlädt, die Berlin-Schau aber erst im Februar 2020 an den Start geht.

Am Rande der Veranstaltung sagte Spies dem Tagesspiegel: „Wir haben keinen Puffer, um Verschiebungen zu finanzieren, wir möchten immer noch im November eröffnen.“ Realistisch klingt das nicht. Und auch an dem Abend wirkt es schräg. Spies bleibt beim "vielleicht klappt es noch", während Projektleiter Moritz van Dülmen, der ebenfalls auf dem Podium sitzt, wiederholt: "Wir gehen davon aus, dass wir Anfang des Jahres eröffnen." Der Termin sei nicht mehr zu schaffen, sagte Dülmen bereits letzte Woche, weil die Flächen im ersten Obergeschosse des Humboldt Forums im Schloss immer noch nicht freigegeben sind. Diese Berlin-Flächen sollten nach nach der zweiten Verschiebung vom 1. Februar auf diese erste März-Woche nun endlich an die mit der Realisierung betraute Kulturprojekte Berlin GmbH übergeben werden. Das ist jedoch auch nicht passiert.

Van Dülmen nimmt es gelassen, ebenso Kultursenator Klaus Leder, der ebenfalls zu den Diskutanten gehört. Moderiert wird der Abend von Manfred Rettig, ehemals Vorstand der Stiftung Humboldt Forum und etliche Jahre oberster Schloss-Baustellenleiter; jetzt ist Rettig Vorsitzender des Fördervereins. Dass das Humboldt Forum in Etappen eröffne, stünde lange fest, sagen Lederer, Spies und van Dülmen. An diesem Abend, in diesem Spiel sind sie nicht an der Verzögerung schuld.

Humboldt-Forum soll andere städtische Museen nicht kannibalisieren

Nun aber zu den Inhalten: Die Ausstellung im Humboldt Forum werde die anderen städtischen Museen nicht kannibalisieren, erklärt Spies, der auch Direktor des Stadtmuseums ist. Im Humboldt Forum will man sich auf die „Weltgeschichte von Berlin“ konzentrieren. Welche Einflüsse kamen nach Berlin, welche hat die Stadt nach außen? Das Gerüst bilden Themen wie „Berlin Bilder“, „Revolution“, „Freiheit“, „Grenzen“, „Krieg“, „Vergnügen“ und „Mode“.

Nicht chronologisch wird erzählt, keine Vollständigkeit angestrebt, stattdessen sollen mehrere Epochen zusammengefasst werden. Zum Beispiel werden die Revolutionen von 1848, 1918/19 und 1989 in einem Raum präsentiert und ihre Wurzeln sowie ihre Wirkung in der Gegenwart erkundet. Auch Widersprüche sollen thematisiert werden. Ob der Mauerfall tatsächlich für alle Gruppen eine Feier war? Ein Bild mit einem Türken, der ein Schild mit der Aufschrift „Wir sind auch das Volk“ hochhält, soll da durchaus Zweifel säen. Sehen kann man das alles allerdings nicht auf den rudimentären Visualisierungen, die Spies zeigt. Dafür erzählt er umso eloquenter.

Die Clubtür vom Tresor ist Teil der Berlin-Ausstellung

Im Bereich „Mode“ wird der Glamour der Berliner Fashionszene von heute der oft von jüdischen Unternehmern geführten und im Nationalsozialismus zerstörten Textilindustrie Berlins gegenüber gestellt. Die schlechten Arbeitsbedingungen zu der Zeit werden wiederum mit den aktuellen katastrophalen Bedingungen der Bekleidungsindustrie in Indien oder Bangladesch in Beziehung gebracht. Alles ist mit allem verbunden, dieses Humboldt’sche Diktum ist auch Leitbild für die Berlin-Ausstellung.

Clubtür des Berliner Technoclubs "Tresor".
Clubtür des Berliner Technoclubs "Tresor".Foto: picture alliance / dpa/ Soeren Stache

Und schnell soll es gehen: Die neun Themen sollen in einem 45-minütigem Rundgang zu bewältigen sein, die Besucher werden interaktive Schautafeln passieren, nur wenige Objekte sollen zu sehen sein. „Etwa 100, aber alle stark“, so Spies. Mit einer konzentrierten Auswahl hat er bereits im Märkischen Museum bei der Schau „Berlin 1937“ gute Erfahrungen gemacht. Nur was man sehen wird, will Spies bis auf wenige Schlaglichter "noch nicht verraten". Im Bereich „Grenzen“ wird etwa die fette Tresortür vom legendären, einst unterirdisch gelegenen, Technoclub Tresor aufgestellt. Das Tor zu einem freien Raum und dennoch bewacht von einem Türsteher, der nicht jeden reinlässt. Im Raum "Vergnügen" wird unter anderem das berühmte "Kaiserpanorama" aus der Sammlung des Stadtmuseums aufgebaut sein, ein Apparat, an dem man die ersten stereoskopischen Bilder von Berlin bestaunen. kann. Das Märkische Museum, in dem das Kaiserpanorama bisher zu den Highlights zählte, ist ab 2020 wegen Sanierung geschlossen, fünf Jahre lang kommt man sich dann nicht in die Quere. Außerdem zu sehen: das Ölgemälde "Weltjugend" von Lothar Zitzmann, das bis 1990 im Palast der Republik im Hauptfoyer hing, wie 15 weitere Werke, die bei berühmten DDR-Malern beauftragt wurden. Und Auftragskunst wird es ja auch im Humboldt Forum und in der Berlin-Ausstellung geben. Spies hat zum Beispiel mehrere Urban Artists mit Wandgemälden beauftragt. Darf man das vergleichen?

Populär und niedrigschwellig soll die Schau sein

Es ist ein selektiver, dialektischer Blick auf Geschichte, den Spies wagen will. Als Museumserneuerer wurde er 2016 aus Amsterdam nach Berlin geholt. Ein modernes Museumskonzept will er nun auch im Humboldt Forum umsetzen, populär und niedrigschwellig soll es sein. Für Touristen ohne Vorkenntnisse interessant, für kundige Berliner ein neuer Blick. Das Budget, das für die Ausstellung zur Verfügung steht, beträgt 12 Millionen Euro. Was es dafür gibt: jede Menge Interaktion.

Gleich am Eingang erhalten die Besucher in einem offenen Raum mit einem Streetart-Wandgemälde und einer weltkugelartigen Installation ein digitales Armband. Der so genannte „Token“ analysiert erst einmal die eigene Verbundenheit mit der Welt. Etwa über die Frage „Was ist ihr Lieblingsort in der Welt?“. Nach jedem Raum gibt es zwei Türen, die eine Entscheidung notwendig machen. Etwa zwischen „Wir brauchen eine weitere Revolution“ und „Wir kommen ohne aus.“ Der Zuschauer soll sich selbst immer wieder mit dem Gesehenen in Beziehung setzen.

Am Ende der Tour landet der Gast in einem Raum für Gespräche und Begegnung und erhält, abgestimmt auf sein im Token gespeichertes Profil, eine „Ermutigung“, sich mit anderen zu verbinden. Auch mit Initiativen oder NGOs draußen in der Stadt.

Die Ausstellung wird sich permanent wandeln

Die Ausstellung ist nicht auf Dauer angelegt, sie soll sich nach einer Weile wandeln. Allein, es ist noch nicht klar, wo das Budget dafür dann herkommt. Weitere Themen, die in der Eröffnungsausstellung erstmal nicht angesprochen werden, liegen aber mittels repräsentativer, flach auf dem Boden platzierter Bilder schon zur späteren Aktivierung bereit. So wie das Thema Architektur. Oder Berlin als Hauptstadt.

Das Stadtmuseum Berlin. Museumsdirektor Paul Spies ist gleichzeitig Chef-Kurator des Landes Berlin im Humboldt Forum.
Das Stadtmuseum Berlin. Museumsdirektor Paul Spies ist gleichzeitig Chef-Kurator des Landes Berlin im Humboldt Forum.Foto: Stadtmuseum/M. Setzpfandt

Besonders wichtig ist den Akteuren eine engagierte Vermittlung und die Partizipation der Besucher wie der Bürger Berlins. Für verschiedene Gruppen aus der Stadtgesellschaft sind eigene Ausstellungsflächen vorgesehen, auf denen diese ihre Sicht auf die Stadt darstellen können. Das Schloss mit seiner herrschaftlichen Fassade will im Inneren inklusiv und divers sein: das Humboldt Forum als Weltmuseum, das alle einschließt. Auf dem Podium ging es am Mittwoch noch recht einheitlich zu: Vier Männer sitzen da, immerhin einer mit ausländischem Pass.  

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