Berlin im Wandel : Der düstere Charme der Hauptstadt

Berlin wächst, Berlin verändert sich. Aber das war schon immer so, das lässt auch wieder nach, meint unsere Autorin.

Zugeparkt. Die E-Scooter – hier an der East Side Gallery – sind das Symbol des neuen Nervigkeit.
Zugeparkt. Die E-Scooter – hier an der East Side Gallery – sind das Symbol des neuen Nervigkeit.Foto: Jürgen Engler

Wer einmal in den letzten Monaten mit der Ringbahn gefahren ist, egal zu welcher Tageszeit, wird bestätigen können: In Berlin wird es enger. Besonders im Hochsommer, wenn frau sich bisweilen in U- oder S-Bahn zwischen unbekleideten Bierbäuchen wiederfand, konnten längere Fahrten im wahrsten Sinne des Wortes beklemmend werden. Zwei Stunden Kudamm, Karstadt am Hermannplatz, Tiergarten oder Hackescher Markt – manchmal möchte man gern mit Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ tauschen. Zumindest für einen Tag.

Was sich früher an Gemenge nur auf ein paar touristische Hotspots beschränkte, ist jetzt oft Dauerzustand im gesamten Innenstadtring. Die Ballermannisierung Berlins ist vorangeschritten, das Geräusch von Rollkofferrumpeln auf dem Bürgersteig zum akustischen Logo der Innenstadt geworden. Und, tja, man ist auch älter geworden oder warum nervt die Truppe schirmmützenbewehrter Schlabberhosen, die grölend ihr Bier an der Spree trinkt, so sehr?

Zugegeben: Bei Ur-Berliner*innen (in den Worten Katja Lange-Müllers: „Aborigines“) wie mir stellen sich schon manchmal nostalgische Reflexe ein. Ach, der düstere Charme der „ramponierten Hauptstadt“ (Jürgen Hofmann), der bröckelt. Ach, wo ich da doch als Kind in einer Brache gespielt habe, steht jetzt, oh Schreck, ein schickes Hotel. Die vielgepriesene Melancholie, das Raue, die geliebten Brachen, das Unfertige, all das schwindet. Es entstehen jedoch auch neue Dissonanzen (in Berlin ja ein Zauberwort), Brüche und Baustellen. Zudem ist Berlin in den letzten beiden Dekaden viel internationaler und bunter geworden, nicht mehr so leberwurstfarben wie noch bis weit über die Wende hinaus. Und wer wünscht sich den Kalten Krieg zurück?

Berlin-Touristen wiehern nicht mehr auf deutsch

Zum Teil holt uns jetzt einfach ein, was wir anderen Ländern vorher angetan haben. Die Reiseweltmeister haben längst nicht nur die Kolonisierung spanischer Inselgruppen vorangetrieben, sondern auch Nordskandinavien oder Bali erschlossen. Nirgendwo ist man noch vor fleißig nordicwalkenden oder hingebungsvoll oooohmenden Germanen sicher. Schon Kurt Tucholsky hielt in einem Gedicht fest, dass Touristen, die „auf Deutsch wiehern“, oft besonders unangenehm sind.

Man muss sich fragen, über was für ein Zuwanderungsphänomen wir eigentlich sprechen. In den „goldenen“ Zwanzigern war Berlin von der Bevölkerungszahl her die drittgrößte Stadt der Welt. Heute steht Berlin an 85. Stelle. 1942 hatte Berlin 4,48 Millionen Einwohner. Jetzt sind es knapp 3,7 Millionen. Zum Vergleich: die Bevölkerung in Istanbul hat sich seit 1940 verfünfzehnfacht. Seoul hatte vor 70 Jahren kaum befestigte Straßen. Jeder, der mal eine asiatische Großstadt besucht hat, kann über die Klagen hierzulande nur milde den Kopf schütteln.

Dennoch sind gravierende politische Versäumnisse zu benennen, die den Zuzug der vergangenen Jahre in den Augen der Öffentlichkeit überhaupt zum Problem haben werden lassen. Um nur einige zu nennen: Berlin und Brandenburg bilden bundesweit die Schlusslichter, was den Personalschlüssel in Kindertagesstätten angeht – 12 000 Erzieher*innen fehlen in Berlin, der Verkauf von kommunalem Wohneigentum zu Spottpreisen, die Entlassung von Tausenden von Staatsbeamten um des Schuldenabbaus willen, während gleichzeitig marode Banken mit Milliarden unterstützt wurden. Hinzu kommt, dass viel zu wenig in den Radverkehr investiert wurde, um Autos von der Straße zu holen. Andere europäische Metropolen haben zum Teil bis zum Zehnfachen pro Bürger in eine gute Fahrradinfrastruktur investiert.

Die Stadt wird wie ein großes Dorf regiert

Und noch heute leidet Berlin unter der Entscheidung des damaligen Bahnchefs Hartmut Mehdorn, der wegen des Börsengangs die S-Bahn finanziell ausbluten ließ. Unvergessen bleibt Harald Martensteins Bonmot, dass die S-Bahn im Jahr 2009 genauso unzuverlässig fuhr wie während der „letzten großen S-Bahn-Krise“ 1945 im zerstörten Berlin. Im April 1945 waren 75 Prozent der S-Bahn-Wagen nicht funktionstüchtig, 2009 waren es satte 70 Prozent gewesen. Vom BER-Desaster ganz zu schweigen. Berlin wurde miserabel regiert, wie ein großes Dorf. Und jede neue Regierungskoalition schimpfte über die alte, schob ihr die Schuld in die Schuhe. Ein wirtschaftlich starkes Land muss es doch auf die Reihe bekommen, seine Hauptstadt einigermaßen vernünftig zu lenken.

Dass Berlin im Zentrum Europas und als Hauptstadt des bevölkerungsreichsten Landes der EU sich zu einer attraktiven Stadt, als Hub und Drehkreuz zwischen West und Ost entwickeln würde, hätte politisch anders antizipiert werden müssen. Was Wohnungsbau, Bildungseinrichtungen sowie Verkehrspolitik angeht, kann man über die Vielzahl der Fehler und Versäumnisse angesichts der stetig steigenden Einwohnerzahlen nur staunen. Seit dem Jahr 2008 ist Berlin pro Jahr kontinuierlich um Durchschnitt um 47 000 Einwohner gewachsen. Keinesfalls ist die so genannte Flüchtlingskrise das herausragende demographische Ereignis gewesen. Die meisten Zuzügler stammen aus Europa.

Doch ob Blechlawine auf den Straßen, überfüllte Kitagruppen (Berlin und Brandenburg bilden bundesweit die Schlusslichter, was den Personalschlüssel in Kindertagesstätten angeht) oder fehlende Wohnungen: Zuzug nach Berlin wird erst dann zum Problem, wenn er bestehende Missstände grell akzentuiert.

Überforderung führt zu Ausgrenzungsverhalten

Leider führt das Gefühl von Überforderung und Fülle zu Ausgrenzungsverhalten und Vorurteilen: ob gegen Türken in Weißenseeer Kleingartenkolonien („Nä, so Türken und Araba bekommen hier bei uns keen Wochenendhäuschen, die passen nicht hierher!“), gegen Polen in Westend („Jehense zurück über die Oda!“), gegen Schwaben im Prenzlauer Berg („Tötet Schwaben“ prangte dort an einem Stromkasten) oder gegen Russinnen auf dem Kudamm („Scheißneureiche Putitten hier!“). Wo der Frust wächst, sind Abwehr und Ausgrenzung nicht weit.

Dabei wäre Berlin sogar eine schrumpfende Stadt, wenn es keinen Zuzug von Migrantinnen und Migranten gäbe: Die Zahl der Berlinerinnen und Berliner mit deutschem Pass ging im letzten Jahr um 6.000 zurück (der Speckgürtel profitierte von dieser Abwanderung), während die ausländische Bevölkerung in Berlin um über 37.000 Menschen zunahm. Und es kommen nicht nur bettelnde Roma, sondern auch serbische Krankenschwestern, portugiesische Architekturstudierende und italienische Ärzte. Die Zuzügler zahlen Steuern und tragen dazu bei, dass Berlin eine viel jüngere Bevölkerung hat als beispielsweise München oder Frankfurt am Main.

Das Leben in der Großstadt kostet Nerven

Das Leben in einer kulturell anregenden, dynamischen Großstadt hat immer auch Kehrseiten, kostet Nerven und erfordert Kompromisse. Der schon zitierte Kurt Tucholsky wusste im Jahr 1927 über Berlin zu sagen: „Ja, das möchste: / Eine Villa im Grünen mit Terrasse, / vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße / mit schöner Aussicht, ländlich-mondän, / vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn / aber abends zum Kino hast dus nicht weit".

Für die besonders Besorgten sei gesagt: Berlins heiße Wachstumsphase ist eh schon wieder vorbei. 2018 verbuchte die Hauptstadt nur noch ein Bevölkerungsplus von gut 31 000 Menschen. Berlin wird im weltweiten Städtevergleich bald in den dreistelligen Bereich abrutschen, was die Einwohnerzahl angeht. Glück gehabt?
Tanja Dückers lebt als Schriftstellerin in Berlin, wo sie 1968 geboren wurde. Im bebra Verlag ist von ihr 2016 das Buch „Mein altes West-Berlin“ erschienen.

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