Berlin-Mitte : Offener Brief gegen "Dau"-Projekt: "Wir wollen keine Mauer mehr sehen"

Widerstand gegen das "Dau"-Projekt: Lea Rosh, Wibke Bruhns, Michael Cullen und andere wehren sich gegen den Plan, die Mauer als Kunstprojekt wieder aufzubauen.

Ein Wegweiser führt in den Schinkel Pavillon, wo das "Dau"-Projekt vorgestellt wurde.
Ein Wegweiser führt in den Schinkel Pavillon, wo das "Dau"-Projekt vorgestellt wurde.Foto: Jörg Carstensen/dpa

Zum geplanten „Dau“-Projekt in Berlin-Mitte hat sich Regine Günther, Senatorin für Umwelt, Verkehr und Klima, geäußert. Am Rande einer Pressekonferenz am Montag monierte die parteilose Politikerin den späten Eingang des Antrags auf Genehmigung bei ihrer Behörde. Ein Projekt eines solchen Umfangs bedürfe hinsichtlich Sicherheit, Verkehr und Denkmalschutz einer aufwendigen Prüfung. Allein die Tragkraft des Bodens sei keine triviale Sache, wenn darin Gasleitungen und anderes verlaufen. Um auf seriöse Weise zu prüfen, brauche man Zeit.

Die Veranstalter wollen das „Dau“-Areal rund um das Kronprinzenpalais am 12. Oktober eröffnen, in den Tagen davor soll eine Mauer errichtet werden, nach historischem DDR-Vorbild. So wie die Antragstellung getaktet ist, habe es den Anschein, als erwarteten die Macher nur die Klärung auf politischer Ebene und das Durchwinken des Projekts, erklärte Günther. Wenn ihre Mitarbeiter ihr aber sagen, dass das Vorhaben so kurzfristig nicht seriös zu prüfen sei, dann werde sie auch auf politischer Ebene Abstand von der Unterstützung des Projekts nehmen müssen.

Die Idee, für vier Wochen eine Grenzmauer in Berlin aufzustellen, wird kontrovers diskutiert. In einem offenen Brief wenden sich kulturell engagierte Berliner Bürger gegen das Projekt. Sie schreiben: „Als die Mauer gebaut wurde, standen wir daneben: entsetzt, hilflos. Als die Menschen in der Bernauer Straße aus ihren Häusern auf die ausgebreiteten Tücher sprangen, standen wir daneben: entsetzt, hilflos. Als die ersten Toten an der Grenze beweint wurden, weinten wir mit den Müttern und Vätern. Das Elend blieb. Das Entsetzen blieb. Die Tränen auch. Wir wollen keine Mauer mehr sehen. Drei Jahrzehnte hat sie das Leben in Berlin bestimmt, im Osten wie im Westen. Sie war bitterer Ernst. Wer von ihr umgeben war, war gefangen, er kam nicht heraus. Sie war kein Eventspielzeug.“

Weiter heißt es: „Menschen einer Stadt, die in wenigen Jahrzehnten zwei Diktaturen durchlitten haben, brauchen gar keine Belehrung darüber, was eine Diktatur bedeutet. Wir hatten sie ja schon. Die Herren, die sich dieses unselige Projekt ausgedacht haben, sollten sich bei Herrn Putin für den zu Hausarrest gezwungenen Serebennikow und den hungernden Sensow einsetzen und den inhaftierten Nawalny unterstützen. Dann können sie wahrscheinlich die Knasterfahrung am eigenem Leib erleben.“

Der Brief wurde unter anderem unterzeichnet von der Publizistin und Holocaust-Mahnmal-Förderin Lea Rosh, dem Rechtsanwalt Claus Bacher, dem Sammlerpaar Ulla und Heiner Pietzsch, dem Dirigenten Christian Thielemann, der Publizistin Wibke Bruhns, der Vorsitzenden des Vereins Historische Mitte Annette Ahme, dem Historiker und Mitinitiator von Christos Reichstags-Verhüllung Michael S. Cullen, dem ehemaligen SPD-Bildungsstaatssekretär Knut Nevermann, der Publizistin Marie Haller-Nevermann und der Schauspielerin Barbara Schnitzler.

Ebenfalls dabei: die Grünenpolitikerinnen Franziska Eichstädt-Bohlig und Alice Ströver sowie die frühere Beauftragte für die Stasi-Unterlagen-Behörde Marianne Birthler, die die Ausstellung „Unbuilding Walls“ im deutschen Pavillon der Architekturbiennale mitverantwortet.

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