Berlinale 2018 : Die Panorama-Filme im Überblick

Unglückliche Teenager, starke Transfrauen, eigenwillige Künstler – das Berlinale Panorama setzt mit neuer Leitung auf Kontinuität.

Ein Muss für Volksbühnen-Fans ist der Film "Partisan" von Lutz Pehnert.
Ein Muss für Volksbühnen-Fans ist der Film "Partisan" von Lutz Pehnert.Foto: solo:film / Wolfgang Gaube/Berlinale

Eine japanische Industriestadt im Jahr 1994. Fabrikschlote qualmen, Abwässer strömen in den Fluss. Trotzdem sitzen nachts zwei Angler hier. Sie haben zwar kein Fangglück, dafür tauschen sie sich über die neuesten Geschichten aus der Stadt aus. Einige davon erzählt Regisseur Isao Yukisada in "River’s Edge" – der Spielfilm basiert auf einem Mangat. Es geht um eine Gruppe Jugendlicher, die durch Sex, Gewalt und unglückliche Liebe miteinander verbunden sind.

Dieses vor emotionalen Extremen geradezu berstende Werk eröffnet das erste Panorama-Programm, das Paz Lázaro gemeinsam mit Michael Stütz und Andreas Struck zusammengestellt hat. Alle drei haben bereits viele Jahre für die Sektion gearbeitet, weshalb sich im Jahr eins nach Wieland Specks Abschied als Programmmacher keine krasse Neuausrichtung abzeichnet, sondern eher ein sanfter Übergang.

Der Eröffnungsfilm gibt den Takt vor für einen starken asiatischen Jahrgang, in dem auch die chinesische Komödie "Girls Always Happy", der multiperspektivisch angelegte Thriller "Xiao Mei" aus Taiwan sowie die neuen Werke von Kiyoshi Kurosawa ("Forebording") und Kim Ki-duk ("Human, Space, Time and Human") zu sehen sein werden. Ein weiterer regionaler Fokus der 47 Filme aus 40 Ländern liegt auf Lateinamerika. So erzählt der Argentinier Sebastián Schjaer in seinem Langfilmdebüt "La omisión" von einer jungen Gelegenheitsarbeiterin und Mutter, die im verschneiten Feuerland um ihre Selbstbestimmung kämpft – auch gegen den Vater ihrer Tochter.

Bemerkenswertes aus Brasilien

Aus Brasilien kommen unter anderem drei bemerkenswerte Dokumentationen: "Ex Pajé" von Luiz Bolognesi zeigt am Beispiel eines unfreiwillig zum Christentum übergetretenen Schamanen, wie die Kultur der indigenen Bewohner des Amazonasbeckens langsam zum Verschwinden gebracht wird. Statt mit den Geistern zu kommunizieren, arbeitet der Ex-Schamane nun als Hausmeister der Kirche. Erst als eine Frau aus dem Dorf sehr krank wird, besinnt er sich auf seine Fähigkeiten. Ganz anders Linn Da Quebrada, die in "Bixa Travesty" von Kiko Goifman und Claudia Priscilla im Zentrum steht. Die aus einer Favela São Paulos stammende Rapperin ist stolz auf ihre Identität als „Schwuchtel-Transfrau“, wie sie sich selber nennt. In ihren Bühnenperformances attackiert sie den Machismo und die Erwartungen ihrer Umwelt. Eine weitere starke Trans-Weiblichkeit steht in Evangelia Kraniotis Essay "Obscuro Barroco" im Zentrum: die Künstlerin und Sexarbeiterin Luana Muniz (1961–2017) trägt poetische Texte über das Leben und ihre Heimatstadt Rio de Janeiro vor, zu denen eindrucksvolle Bilder der Stadt sowie von ihr selbst zu sehen sind.

Zwei umkämpfte Orte Berlins kommen im Dokumentarfilm-Programm in den Blick: Karim Aïnouz zeigt in "Zentralflughafen THF" das Leben der Geflüchteten in den Hangars des Flughafens Tempelhof und beobachtet das Freizeittreiben auf dem Flugfeld. Ein Muss für alle Volksbühnen-Fans ist "Partisan" von Lutz Pehnert, Matthias Ehlert und Adama Ulrich, die auf 25 Jahre Castorf-Ära zurückblicken. Weitere Künstler/innen-Porträts sind "Shut Up and Play the Piano" über das Pop-Universaltalent Chilly Gonzales sowie "Matangi/Maya/ M.I.A." über die tamilisch-britische Musikerin M.I.A.

Vor allem die Dokus ragen heraus

Den formal ungewöhnlichsten Panorama-Film zeigt der russisch-kasachische Regisseur Timur Bekmambetov, dessen Science-Fiction-Filme „Wächter der Nacht“ (2005) und „Wächter des Tages“ (2007) in der Reihe Berlinale Special liefen. Sein neues Werk "Profile" basiert auf dem wahren Fall einer BBC-Journalistin, die mit einer erfundenen Facebook-Identität Kontakt zu einem IS-Rekrutierer aufnahm und sein Vertrauen gewann. Der Clou: „Profile“ zeigt nur, was auf dem Bildschirm der Journalistin zu sehen ist.

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Traditionell stark vertreten ist das queere Kino. Neben klassischen Coming-of-Age-Filmen wie "Marilyn" über einen queeren Teenager in der argentinischen Provinz oder "L’Animale" über ein tomboyhaftes Mädchen im Wiener Wald ragen vor allem die Dokus heraus. Neben den erwähnten brasilianischen Filmen sind das zwei in Los Angeles angesiedelte Produktionen: In "Game Girls" verfolgt Regisseurin Alina Skrzeszewska, wie ein afroamerikanisches Frauenpaar versucht, aus dem Armenviertel Skid Row herauszukommen. Um die Underground-Lesben-Party "Shakedown" dreht sich der gleichnamige Film von Leilah Weinraub. Die Partyreihe ist inzwischen eingestellt, doch die Doku lässt sie für einen Abend auferstehen.

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