• Berlinale-Ehrenbär für Charlotte Rampling: „Die Kameralinse hat etwas Magisches“

"Ich bin eine Einzelgängerin"

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Berlinale-Ehrenbär für Charlotte Rampling : „Die Kameralinse hat etwas Magisches“
Charlotte Rampling mit Woody Allen in "Stardust Memories".
Charlotte Rampling mit Woody Allen in "Stardust Memories".Foto: 1980 Metro Goldwyn Mayer Studios Inc. All Rights Reserved

In „Stardust Memories“ von Woody Allen sind Sie Dorrie, die vergötterte Frau. Die Nahaufnahme mit den Jump-Cuts, in der Sie immer wieder fragen „Hast du eine Affäre?“ ist eine ikonische Rampling-Szene geworden.

Woody war auf einem Höhepunkt seiner Regiekarriere. Er hatte sich von Diane Keaton getrennt, freundschaftlich, und er wollte diesen experimentellen Film drehen. Mein zweiter Sohn war gerade zur Welt gekommen, ich sagte ab. Meine Freunde meinten, bist du verrückt, du sagst Nein zu Woody Allen? Er traf dann eine Vereinbarung mit Concorde, und ich flog ständig für zwei, drei Tage hin und her. Keine andere US-Produktionsfirma hätte sich das geleistet: Wenn du in Amerika drehst, steckst du fest, sie sperren dich ein. Die Szene, die Sie erwähnen, ist in der Tat ein magischer Moment. Aber sie entstand im Schneideraum. Der Cutter machte einen Fehler, genau das war es. Eine buchstäblich erschütternde Szene. Fehler sind oft der Ausgangspunkt für große Entdeckungen.

Dorrie ist eine Projektionsfläche für Träume und Begierden. Fällt es Ihnen schwer, Projektionsfläche für die Fantasien der Zuschauer zu sein?

Nein, genau das möchte ich. Ich wollte nie nur jemanden verkörpern. Ich möchte in die Köpfe und Herzen der Zuschauer. Diese Gesichter auf der Leinwand, es packt einen, man fühlt sich verstanden, das ist fantastisch. In „Georgy Girl“ ahnte ich, dass ich dieses Potenzial habe. Nicht für die gesamte Länge eines Films, aber für Momente.

Haben Sie England und Swinging London deshalb verlassen?

Es war schön, als British girl mit den Beatles abzuhängen, aber ich brauchte Europa dafür, die europäische Kultur, die europäischen Geister.

Inzwischen drehen Sie öfter in Hollywood. Sie haben bestimmt Angebote abgelehnt.

In Amerika ist Film ein Riesengeschäft, mehr noch als in Europa. Eine Schauspielerin wie Jennifer Lawrence, mit der ich für „Red Sparrow“ vor der Kamera stand, muss nicht nur eine brillante Schauspielerin sein, sondern auch eine Topmanagerin. Gleichzeitig ist es eine Armee, auch Stars müssen gehorchen, sich unterordnen. Es macht Spaß, kurz dabei zu sein, aber ich könnte nie Teil dieses Systems werden.

Die MeToo-Debatte wollten Sie nie kommentieren, warum nicht?

Der Kampf für Frauenrechte ist wichtig, trotzdem: kein Kommentar. Entweder ich mache mich hundertprozentig für etwas stark oder gar nicht. Verstehen Sie mich nicht falsch, es ist notwendig, dass Frauen ihre Stimme erheben. Aber ich betätige mich nicht politisch, trete keiner Gruppe bei, bewege mich nicht im Rudel. Ich bin eine Einzelgängerin. Wenn Einzelkämpfer sich einmischen, geht es meistens schief.

Wie bei Ihrer Bemerkung zur OscarsSoWhite-Kampagne 2016? Sie sagten, das sei womöglich Rassismus gegen Weiße, und es gab einen Shitstorm.

Mein Mann war gerade gestorben, ich wurde frühmorgens angerufen und machte diesen unglücklichen Kommentar. Es tat mir sehr leid. Und meine Chancen auf einen Oscar für „45 Years“ waren auch vertan

Rampling mit Tom Courtenay in "45 Years".
Rampling mit Tom Courtenay in "45 Years".Foto: Agatha A. Nitecka

Gibt es Figuren in Ihren Filmen, denen Sie sich besonders nahe fühlen?

Viele, vor allem Marie in „Unter dem Sand“. Die Neunziger waren eine finstere Zeit für mich. Ich drehte TV-Filme, zog mich aus der Öffentlichkeit zurück, wusste nicht weiter und überlegte, mit dem Filmemachen aufzuhören. Es war gefährlich. François Ozon hat mich da rausgeholt. Wir trafen uns im Café, er war 32, noch ziemlich unbekannt, es dauerte zehn Minuten. Er hatte nur diese Idee. Eine Frau sitzt am Strand, und ihr Mann verschwindet. Und weiter, wollte ich wissen? Das ist die Frage, meinte er. Wie filmt man Abwesenheit? Wir drehen den ersten Teil, dann versuchen wir die Finanzierung zu bekommen, dann sehen wir, was mit der Frau geschieht. Offenbar brauchte ich jemanden, der einfach filmt, mich, Charlotte Rampling.

2015 haben Sie mit Christophe Bataille ein sehr persönliches Buch veröffentlicht, darin geht es um den Selbstmord Ihrer Schwester 1967. Warum jetzt das Buch?

Ich wollte einmal tatsächlich sagen können, was ich empfinde. Ich habe immer geschrieben, Tagebuch geführt, Notizen gemacht, kleine Essays verfasst. Mein erster Versuch, ein Buch daraus zu machen, endete in einer hässlichen juristischen Auseinandersetzung mit der Biografin. Mit Christophe war es wunderbar, wir arbeiteten ohne Druck. Meine Schwester ist schon so lange tot, ich hatte das weggeschoben. Aber es kam immer wieder zu mir. Nicht nur „Unter dem Sand“ handelt ja vom Verschwinden eines Menschen, sondern auch mein nächster Ozon- Film, „Swimming Pool“. Heute weiß ich, dass man sich persönlichen Tragödien immer wieder stellen muss, dass man sie immer wieder aufsuchen muss. Es ist wie die Reinszenierung von historischen Tragödien.

Sie leben seit Jahrzehnten in Paris. Wie geht es Ihnen mit dem Brexit-Chaos?

Es macht mich unendlich traurig. Es dauert ewig, bis das Problem gelöst ist, ich werde es wohl nicht mehr erleben.

Bitte, Ihr Vater wurde 100!

Okay, wenn ich weiter verrückte Filme drehe, schaffe ich das vielleicht auch.

Wie ist es, öffentlich zu altern?

Ich lehne es ab, in eine Beziehung zu meinem Alter zu treten! Ich bevorzuge die freundlichen Spiegel, in denen man die Flecken nicht sieht.

Hat Ihnen je jemand geraten, sich liften zu lassen?

Einer meiner ersten Agenten meinte, ich solle was mit meinen Schlupflidern machen. Ich habe ihn gefeuert. Später hat er es bereut, wir wurden wieder Freunde.

In Denis Villeneuves Science-Fiction-Film „Dune“ spielen Sie bald eine Erdmutter.

Ich bin die Ehrwürdige Mutter Gaius Helen Mohiam! Auch in Paul Verhoevens „Benedetta“ habe ich gerade eine Nonne gespielt. Ich werde die Mutter Oberin der Zukunft, jawohl.

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