"Ich mag es, wie Filme die Weltsicht verändern"

Seite 2 von 2
Berlinale-Ehrenbär für Willem Dafoe : „Ich wäre gern wieder Laie“
Charakterkopf. Willem Dafoe, 1955 in Wisconsin geboren, ist in der Hommage in zehn Filmen zu sehen. Zum Ehrenbär am 20.2. läuft das Outback-Drama „The Hunter“.
Charakterkopf. Willem Dafoe, 1955 in Wisconsin geboren, ist in der Hommage in zehn Filmen zu sehen. Zum Ehrenbär am 20.2. läuft...Foto: Gabriel Olsen/GETTY IMAGES NORTH AMERICA

Sie sind ein sehr körperlicher Schauspieler. Konnten Sie mit der schier unerschöpflichen Energie der Kids mithalten?

Das Schöne an „The Florida Project“ ist, dass meine Rolle in gewisser Hinsicht die Umstände der Dreharbeiten reflektiert. Sie besteht darin, für Ordnung zu sorgen, mein Ansatz war also sehr pragmatisch. Manchmal waren die Kids halt außer Rand und Band, wenn sie wieder zu viel Zucker in der Limonade hatten und wie Flummis durch die Gegend sprangen. Sie haben sich wie normale Kinder verhalten.

Sean Baker erzählte, dass er Sie den Kinder als den Grünen Goblin aus „Spiderman“ vorstellte. Hat Ihnen das Respekt verschafft?

Die Autorität eines Filmstars nutzt sich bei Kindern schnell ab. Sie dürfen nicht vergessen, dass Brooklynn Prince und Christopher Rivera bei den Dreharbeiten sieben waren, sie sind nicht mit Sam Raimis „Spiderman“-Filmen aufgewachsen. Ich bezweifle, dass die Begegnung mit mir ihre Fantasie beflügelt hat.

Sie haben vor Drehbeginn eine Weile in Motels in Florida gelebt. Bereiten Sie sich immer so akribisch vor?

Es kommt auf den Film an. Es hinterlässt oft einen bitteren Beigeschmack, wenn Leute aus der Filmbranche bestimmte Aspekte der Gesellschaft wie Armut oder Menschen aus der Arbeiterklasse zu porträtieren versuchen. Auch ich habe da früher Fehler gemacht. Die Haltung gegenüber diesen Milieus wirkt sehr schnell herablassend. Nicht unbedingt, weil man glaubt, überlegen zu sein, sondern – was genauso schlimm ist – aus unangemessener Sympathie oder gar Mitleid. Darum war es mir wichtig, eine Weile mit den Menschen zu leben, um ihre Geschichte besser zu verstehen.

Auf der Leinwand hat man immer das Gefühl, dass Sie am Schauspielen nicht die Filmkunst interessiert, sondern der Ausdruck, die Physis ihrer Figuren.

Ich stehe mit einem Bein in Hollywood. Natürlich verfolge ich, was aktuell im Kino passiert. Gleichzeitig bin ich sehr naiv, was bestimmte Aspekte des Kinos angeht – obwohl ich schon so viele Filme gemacht habe. Ich mag es als Zuschauer, wie Filme die eigene Sicht auf die Welt verändern können. Und als Schauspieler fasziniert mich die Vorstellung, ein Abenteuer zu erleben, das von der Kamera festgehalten wird. Ich will zum Beispiel schon länger mit dem mexikanischen Regisseur Carlos Reygadas arbeiten. Ich habe das ihm gegenüber auch mal erwähnt, als ich ihn zufällig auf einem Festival traf. Er hat jedoch dankend abgelehnt, da er prinzipiell nicht mit professionellen Schauspielern dreht. Worauf ich meinte: Perfekt, ich bin ein Schauspieler, der gerne wieder ein Laie wäre.

Die Liste Ihrer Regisseure ist lang, kaum ein wichtiger Name fehlt: Martin Scorsese, Oliver Stone, Kathryn Bigelow, Kenneth Branagh, David Lynch, Wim Wenders, Spike Lee. Demnächst sieht man Sie in der Comic-Verfilmung „Aquaman“. Zu einigen Filmemachern wie Wes Anderson, Paul Schrader, Abel Ferrara oder Lars von Trier kehren Sie immer wieder zurück.

Es gefällt mir einfach, zu bestimmten Regisseuren eine tiefere Beziehung zu entwickeln. Man schafft gemeinsam viel mehr, wenn man dem anderen vertraut und sich auf dessen Vision einlassen kann. Die Sprache des anderen zu kennen, bedeutet auch, dass die Zusammenarbeit viel artikulierter und letztlich effizienter abläuft. Ich habe oft erlebt, dass Schauspieler selbst am Ende der Dreharbeiten ihrem Regisseur nicht vertrauen. Das sorgt am Set nur für Unzufriedenheit.

Sie wechseln zwischen Studioproduktionen und Independentfilmen. Geht diese Rechnung auf?

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Da ich zwischen Rom und New York pendele, kann ich gar nicht sagen, wie Hollywood tickt. Mir geht es vor allem darum, mir meine Möglichkeiten offenzuhalten. Meine Visitenkarte sind die Filme, die ich mache. So lange sie zu sehen sind – was weiß Gott nicht immer der Fall ist –, werde ich nicht arbeitslos sein.

Die amerikanische Filmlandschaft verändert sich gerade rapide. Kleine Filme sind immer schwieriger zu finanzieren, und Hollywood wird von Franchises dominiert. Spüren Sie die Folgen dieses Wandels?

Ich lebe mit den Folgen. Aber ich werde gar nicht erst versuchen, diese Frage zu beantworten. Es gibt immer weniger Studios, die meisten US-Filme werden inzwischen von Leuten produziert, die das Kino nicht verstehen. Und was den Vertrieb betrifft, geht es heute zu wie im Wilden Westen, mit all den Streamingplattformen und Produktionsfirmen wie Amazon und Netflix. Wo das hinführt, lässt sich schwer sagen. Aber es verändert ganz bestimmt unser Verhältnis zum Kino.

Das Gespräch führte Andreas Busche.

Artikel auf einer Seite lesen

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben