Berlinale-Forum : Syrer treffen Sachsen in „Fortschritt im Tal der Ahnungslosen“

In der Doku „Fortschritt im Tal der Ahnungslosen“ von Florian Kunert stehen sich Schutzsuchende und abgehängte Einheimische fremd gegenüber.

Hochgehängt. Einwohner von Neustadt in Sachsen.
Hochgehängt. Einwohner von Neustadt in Sachsen.Foto: tsb / Joanna Piechotta

Der ehemalige Agrar-Ingenieur aus Neustadt, der 1975 zum ersten Mal Syrien besucht hat und schöne Dias von seinen Reisen zeigen kann, frischt sein Arabisch noch mal auf. Zusammen mit seiner Frau trifft er auf eine Gruppe junger Syrer, die als Geflüchtete in Sachsen leben und auf Anerkennung ihres Asylantrags warten. Was sie in ihrer Heimat gemacht haben, möchte er wissen. Studiert, erzählen sie in ihrer Landessprache, Bauwesen oder Pharmazie. „Die haben alle ordentliche Berufe“, nickt der Mann anerkennend. „Warum sind sie dann hierhergekommen?“, fragt seine Frau. „Das wollen wir jetzt nicht ansprechen“, bestimmt er unwirsch. „Das ist kein gutes Thema“.

Ja, sie stehen sich fremd gegenüber, die Schutzsuchenden und die Einheimischen im „Tal der Ahnungslosen“, wie man zu DDR-Zeiten die Gebiete nannte, in denen kein Westfernsehen zu empfangen war. In Neustadt, auf dem Gelände des vormals stolzen Kombinats „Fortschritt“, wo landwirtschaftliches Großgerät produziert wurde und das heute größtenteils in Ruinen liegt, wurden ab 2014 vor allem Asylbewerber aus Syrien untergebracht, in den ehemaligen Arbeiterwohnstätten. Jene Menschen also, denen heute gerade in Ostdeutschland so heftige Ressentiments entgegenschlagen. Obschon, bizarre Pointe der Geschichte, das Trümmer-Ambiente beiden vertraut ist. Geflüchtete treffen Abgewickelte.

Diese Situation nimmt der junge Regisseur Florian Kunert, selbst im Jahr des Mauerfalls in der Nähe von Dresden geboren, zum Ausgangspunkt seiner Dokumentation „Fortschritt im Tal der Ahnungslosen“. Die handelt weniger von Fremdenfeindlichkeit (obwohl die Laser- Pointer, die ins Asylbewerberheim leuchten, oder das Schweinefleisch im Briefkasten nicht unerwähnt bleiben), sondern zeigt Begegnungen zwischen syrischen Geflüchteten und durchaus wohlmeinenden Menschen, die ihre eigene DDR wieder aufleben lassen. Die mit den Syrern Drill-Rituale der „Gesellschaft für Sport und Technik (GTS)“ performen oder ihnen Halstücher der Thälmann- Pioniere umbinden. Gar nicht als Ewiggestrige. Aber mit dem Gestus des Bedauerns, weil „damals nicht alles verkehrt war“. Kunert, dem ein großartiger Film geglückt ist, hat unter anderem Archivmaterial ausgegraben, das den bejubelten Staatsbesuch von Hafiz al Assad zeigt, Vater des heutigen Diktators. Dass es zu Zeiten des Kalten Krieges, in der Opposition gegen Israel und die USA, eine sozialistische Freundschaft zwischen Syrien und der DDR gab, zählt zu den vergessenen Fußnoten der Geschichte.

Migration ohne Bewegung

Hasan Jamjoom ist einer der syrischen Protagonisten, die zur Premiere nach Berlin gereist sind. Er lebt jetzt in Aachen, hat einen Job in der Fast-Food-Gastronomie, belegt Deutschkurse. „Ich muss gestehen, dass ich beim ersten Sehen nicht verstanden habe, was der Film eigentlich will“, sagt er. Mittlerweile sei ihm das klarer. „Die Menschen in der DDR haben sich etwas aufgebaut, aber auf dem falschen Fundament. Von einem Tag auf den anderen gab es ‚Fortschritt‘ nicht mehr, der Verlust schmerzt die Leute.“ Sich vor der Kamera in die DDR zurückversetzen zu lassen und in GST- Uniform zu marschieren, sei ihm wiederum gar nicht schwergefallen. „Wir haben auch in der Schule Militäruniformen getragen. Die Gebäude, der Alltag, da gibt es viele Parallelen zwischen DDR und Syrien.“ Und, das ist ihm wichtig, er habe vieles über Westdeutschland gewusst, wohin sein Vater 1989 als Sales Manager eines syrischen Unternehmens gereist war, um ein Geschäft mit Dr. Oetker abzuschließen. „Er hat mir erzählt, wie die Menschen leben. Wir haben Ahnung von Europa. Nur umgekehrt haben die Leute im Westen leider keine Ahnung von uns.“

Ostdeutsche, wird heute soziologisch gern interpretiert, haben eine „Migration ohne Bewegung“ hinter sich. Haben sich über Nacht in einem anderen Land wiedergefunden. Sollte das nicht andere Allianzen, Solidaritäten zeitigen? Die Frage hängt unausgesprochen über dem Film. Es gibt eine Szene, die es nicht in den finalen Schnitt geschafft hat, mit eigener Aussagekraft. Majed, Basil und Hasan stehen am Fenster eines Plattenbaus, reflektieren über die seltsame Präsenz der Vergangenheit in diesem Ostdeutschland, das ihre Transitheimat ist. „30 Jahre seit dem Ende der DDR“, findet Majed, „hätten doch genug Zeit sein müssen, um Ansichten zu ändern.“ „Ich glaube“, wendet Basil ein, „wir werden nach dem Syrienkrieg auch über 30 Jahre brauchen, um neu zu denken.“

13.2., 12.30 Uhr (Arsenal 1), 15.2., 19.30 Uhr (CinemaxX 6), 17.2., 19.30 Uhr (Delphi)

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