Berlinale Generation : Giraffen wissen alles

Zoobesuche, erste Liebe, Körpertausch und eine revolutionäre Zelle in der Reihe Generation, die Sektion für Kinder- und Jugendfilme auf der Berlinale.

Kirsten Taylor
Magnus Mariuson spielt die Titelrolle in Maria Solruns "Adam".
Magnus Mariuson spielt die Titelrolle in Maria Solruns "Adam".Foto: Big Key Film / Joanna Piechotta

Die Augen weit auf, der Mund auch, so sitzt die kleine Jo da, wenn Mike im Krankenhaus Martial-Arts-Filme zeigt. Mehr noch als Bruce Lee oder Jackie Chan steht die Neunjährige aus Kenia jedoch auf Batman & Co. In „Supa Modo“ geht es – nicht nur, aber auch – um das Kino. Wenn am Freitag der Wettbewerb von Generation Kplus mit Filmen für 5- bis 13-Jährige beginnt, kann man sich wieder davon überzeugen, welche Kraft Kino hat. Nirgendwo sonst ist während des Festivals im Saal eine solche Vorfreude zu spüren, wird jeder Film so vom Publikum gefeiert wie im Kinder- und Jugendprogramm .

Auch in ihrer 41. Ausgabe bietet Generation mit den Kinder- und Jugendprogrammen Kplus und 14plus großes und vielseitiges Kino – nicht nur für Kinder und Teenager, sondern für alle. Seit jeher denken die Programmmacher den Begriff „Kinder- und Jugendfilm“ nämlich sehr weit und reduzieren ihn nicht auf die Merkmale „bunt, witzig, turbulent“. „Supa Modo“, in dem es wie in dem indonesischen Kplus-Beitrag „Sekala Niskala“ einfühlsam um die Themen Sterben und Abschiednehmen geht, ist ein gutes Beispiel für das Credo der Sektion, dass man jungen Zuschauern etwas zutrauen darf, inhaltlich und formal. Abenteuer, Freundschaft und Geborgenheit gehören genauso zu den Themen wie Einsamkeit, Trauer oder kaputte Familien. So ist es auch in „Les Rois Mongols“, der im Québec des Jahres 1970 spielt. Vor dem Hintergrund politischer Unruhen gründen hier eine Handvoll Kinder zur Selbstbehauptung eine „revolutionäre Zelle“ und entführen eine alte Dame. Der Film ist eine Arthaus-Produktion im besten Sinne, was auch für das japanische, geradezu kontemplative Coming-of-Age-Drama „Blue Wind Blows“ zutrifft.

Ein klassischer Familienfilm ist dagegen der dänische Animationsfilm „Den utrolige historie om den kæmpestore pære“, der Kplus eröffnet und wie alle Filme in der Originalversion gezeigt und live im Saal übersetzt wird. Die Adaption des populären gleichnamigen Bilderbuchs erzählt von einem Abenteuer auf hoher See, aber auch davon, wie man Furcht überwindet und sich für Freunde einsetzt. Eine Reise unternimmt auch die winzige Heldin in dem Zeichentrick „Cirkeline, Coco og det vilde næsehorn“. Cirkeline geht mit einer Schar sehr eigensinniger Freunde nach Afrika, in die Heimat ihrer Freundin Coco, wo sie eine ganz neue Welt kennenlernt.

Das große Thema Liebe

Den vierjährigen Dikkertje Dap zieht es dagegen tagtäglich in den Zoo. Dort lebt sein bester Kumpel Raf, eine Giraffe. Nun steht der erste Schultag an und Raf darf nicht mitkommen, denn „Giraffen wissen alles, was sie wissen müssen“. Aber damit gibt sich der Knirps nicht zufrieden. Während Dikkertje in größter Sicherheit aufwächst, verliert die dreijährige Cléo in „Allons Enfants“ ihren Schutzraum, als sie sich beim Spielen in einem Pariser Park verläuft. Die Erwachsenen um sie herum sind meist mit sich selbst beschäftigt und nicht immer ist ihnen zu trauen, doch die Kleine hat gute Instinkte und wird sicher nach Hause kommen.

Dass Erwachsene oft eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden oder selbst bedürftig sind, das zeigt sich auch in vielen Filmen des Jugendprogramms 14plus. „Welches Kind hätte nicht Grund, über seine Eltern zu weinen?“ Das Nietzsche-Zitat, das dem Drama „Adam“ vorangestellt ist, ist geradezu programmatisch. Adams Mutter hat sich kaputtgefeiert und würde am liebsten sterben. Ihr gehörloser Sohn muss mit all dem allein klarkommen. Ein schwieriges Verhältnis zu seiner Mutter hat auch der Teenager „Cobain“ im gleichnamigen Film. Obwohl er ein neues Leben in einer Pflegefamilie beginnen könnte, hält er zu seiner drogensüchtigen, schwangeren Mutter und hofft auf ein Leben mit ihr. Im peruanischen Drama „Retablo“ steht ein innige Vater-Sohn-Beziehung im Mittelpunkt, die zu zerbrechen droht.

Das große Thema Liebe zieht sich durch das gesamte 14plus-Programm. Den Auftakt macht Hans Weingartners hoch diskursives, aber nicht minder romantisches Roadmovie „303“. Jule nimmt den Tramper Jan in ihrem Wohnmobil mit und fortan wird geredet und gestritten über Kapitalismus und Küsse, über Monogamie oder Marktwirtschaft. Und während die beiden Mittzwanziger sich langsam näherkommen, hört für andere die Romanze auf, bevor sie richtig begonnen hat, wie etwa bei Mag und Théo aus „Les Faux Tatouages“. Auch die 17-jährige Benny darf in „Para Aduma“ ihre Gefühle für die schöne Yael nicht ausleben, was an den Restriktionen ihres Umfelds liegt, wächst sie doch im israelischen Siedlermilieu auf.

Erwachsene sind oft ausgeschlossen

Eigensinnig und streitbar wie ihre jungen Protagonisten sind viele 14plus- Filme. Sie nehmen die Sicht der Jugendlichen ein, vermitteln Lebenswelten, von denen Erwachsene oft ausgeschlossen sind, in denen es Einhörner gibt oder Traumprinzen wie in „Kissing Candice“. Ein ungeschöntes Bild zeichnet auch das mit unruhiger Handkamera gefilmte Coming-of-Age-Drama „Danmark“. Norge ist ein Kiffer, Slacker und Sprücheklopfer. Doch als er glaubt, Vater zu werden, zeigt er Fürsorge und Verantwortungsgefühl.

Der oft authentisch wirkende Blick auf die Realitäten von jungen Menschen enthält immer auch die Frage, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen sie aufwachsen. So thematisiert „Hendi va Hormoz“ etwa eine Zwangsvermählung eines 13-jährigen Mädchens. Selten wird es jedoch so konkret politisch wie in dem mit Smartphones gedrehten „High Fantasy“ aus Südafrika. Bei vier Freunden unterschiedlicher Hautfarbe und Geschlechts kommt es während eines Campingtrips zum Körpertausch. Ein radikaler Perspektivwechsel, der manchmal auch im Kino stattfinden kann.

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