Mutige Filme liefen nur in den Nebenreihen

Seite 2 von 2
Berlinale in der Krise : Ende gut, nicht alles gut
Festival Präsident Dieter Kosslick übergibt den Goldenen Bär an Gewinner Netzer.
Festival Präsident Dieter Kosslick übergibt den Goldenen Bär an Gewinner Netzer.Foto: AFP

Diese jeden Widerstand erstickende Mutter namens Cornelia, die mit der Wucht ihres Geldes und gesellschaftlichen Einflusses die Gefängnisstrafe ihres Sohnes nach einem tödlichen Verkehrsunfall abzuwenden sucht, ist zwar ein Monster, aber keine Karikatur. Die Inszenierung lädt sogar listig zum Mitleid mit ihr ein – denn ihr erwachsener Sohn ist ein Nichtsnutz, der ihr überdies mitten in ihren verzweifelten Bemühungen um seine Rettung damit droht, den Kontakt abzubrechen – eine verdammt späte Aufwallung eigenen Emanzipationsbedürfnisses. Wie sogar die zunächst maskenhaft verborgene Erschütterung Cornelias über den nun absehbaren Zerfall ihrer Familie anderweitig nützlich wird, noch einmal ausgerechnet im Kampf um den verlorenen Sohn – das war eine der wenigen großen Filmszenen dieser Berlinale. Angesichts der exquisiten Drehbuchkomposition dieses gemischten Charakters ist fraglos zu verschmerzen, dass Sebastián Lelios Kritiker- und Publikumsliebling „Gloria“ nur mit dem Darstellerinnenpreis bedacht wurde.

Auch die anderen Preise – allein drei weitere wurden an Beiträge an Bosnien und Kasachstan vergeben – gehen voll in Ordnung. Doch täuscht auch die Summe dieser final glücklichen Einzelentscheidungen nicht mehr darüber hinweg, dass die Berlinale im Wettbewerb der Besten nicht mehr mithalten kann. Oder vielleicht will? Der starke Synergieeffekt nach dem Prinzip „Das Beste aus allen Sektionen in den Wettbewerb“, der die ersten erfolgreichen Jahre des Direktors Dieter Kosslick prägte, scheint restlos dahin. Immerhin: Mutige, auf dem Festival viel diskutierte Titel wie die kontroverse indonesische Todesschwadronen-Doku „The Act of Killing“ oder Jacques Doillons wilde Liebeserkundung „Mes séances de lutte“ liefen zumindest in den Nebenreihen.

Und der Bär geht an...
Um ihn drehte sich am Samstagabend alles: Den Bären der Berlinale. Lassen Sie in dieser Fotostrecke noch einmal die Highlights des Abends und die Gewinner Revue passieren.Weitere Bilder anzeigen
1 von 19Foto: dpa
16.02.2013 20:18Um ihn drehte sich am Samstagabend alles: Den Bären der Berlinale. Lassen Sie in dieser Fotostrecke noch einmal die Highlights des...

Auf Risiko geht der von einem inspirationsarmen Auswahlkomitee zusammengestellte und von Kosslick verantwortete Wettbewerb allerdings nicht – und wenn, dann allenfalls unfreiwillig. Tragisch anmutende Hindernisse wie die Vorverlegung der Oscar-Verleihung kommen hinzu. Diese Termin-Entscheidung hat die Attraktivität der Berlinale für die amerikanische Filmindustrie nahezu ausgelöscht. Aber muss man, weil man in Berlin unbedingt große US-Filme zu brauchen meint, folglich die oscarverschmähte Randware ausgerechnet in den Wettbewerb einladen? Oder sollte das, noch schlimmer, gar deren Bedingung für die Berlin-Reise sein?

Da wirkt die Präsenz von RegiePromis wie Gus van Sant und Steven Soderbergh, die absolute Nebenwerke nach Berlin geben, die zudem zu Hause teils bereits gefloppt sind, fast sarkastisch. Dass man das Programm mit längst weltweit rezensierten Restfilmen vom Sundance-Festival auffüllt, düstert das Gesamtbild noch weiter ein. Für die Franzosen als zweite große Filmnation gilt: Nach Berlin geht nur, wer es nach Cannes nicht schafft. Die drei Titel diesmal, mit den Stars Juliette Binoche, Isabelle Huppert und Catherine Deneuve, waren dafür geradezu erschlagende Beispiele – und die kluge Jury hat die Entscheidung des Festivals, das anämische Trio in den Wettbewerb aufzunehmen, erbarmungslos durch Nichtbeachtung kommentiert.

Warum aber sollte ein Filmemacher überhaupt mit seinem neuen Werk für den Berlinale-Wettbewerb fertig werden wollen?

Für ein Konkurrenzfeld, in dem das Durchschnittliche bis Unterdurchschnittliche seit Jahren das Gesamtangebot bestimmt – so unendlich anders als in Cannes, das stets zwei bis vier herausragende und absolut alterungsresistente Filme programmiert, wobei auch der Rest sich immer sehen lassen kann? Nur ein Beispiel: Sofia Coppolas „The Bling Ring“ ist längst fertig – aber hätte irgendjemand ernstlich angenommen, sie beehre damit nach ihren gloriosen Auftritten in Venedig und Cannes auch mal Berlin? In dieser durchaus mitverschuldeten Lage hat die Berlinale nur zwei Möglichkeiten. Entweder schärft sie radikal, und das um den Preis personeller Umstrukturierungen auf der gesamten künstlerische Entscheidungsebene, ihr Wettbewerbsprofil. Und fördert dabei noch stärker etwa die interessanten Neulinge aus entlegeneren Filmländern – auf Kosten des offenbar unvermeidlichen Starvehikelkinos, das sich künftig ausschließlich in einer Extra-Gala-Schiene feiern möge.

Oder sie schafft den Wettbewerb einfach ab. Und verwandelt sich in eine Art Toronto, ohne die US-Trümpfe allerdings. Ihr bliebe dann immer noch das, womit die Berlinale sich selber am liebsten schmückt: der Ruf als Publikumsfestival.

Artikel auf einer Seite lesen
Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!