Paul Verhoeven über Isabelle Huppert und Frauenrollen abseits der Stereotypen

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Berlinale-Jurypräsident Paul Verhoeven : „Kunst und Politik muss man trennen“
Paul Verhoeven, 78, ging als Niederländer nach Hollywood, dreht dort „Robocop“ (1987) und „Basic Instinct“ (1992).
Paul Verhoeven, 78, ging als Niederländer nach Hollywood, dreht dort „Robocop“ (1987) und „Basic Instinct“ (1992).Foto: Lex de Meester

Haben Sie eine Hassliebe zu Amerika?
So würde ich es nicht nennen, obwohl ich mich schon als Europäer fühle. Ich bin immer kritisch gegenüber der amerikanischen Politik gewesen, speziell unter Bush. Aber die letzten Jahre waren auch fantastisch. Stellen Sie sich das mal vor: acht Jahre unter einem anständigen, klugen, sozial engagierten Präsidenten, der nicht ständig in andere Länder einmarschieren will. Was dagegen gerade passiert, ist besorgniserregend. Die Amerikaner haben offensichtlich nicht verstanden, was sie an Obama hatten.

Isabelle Huppert spielt in „Elle“ eine Frau, die ihre Opferrolle nicht akzeptiert und ihre Sexualität auf aggressive Weise auslebt. Das erinnert an Sharon Stone in „Basic Instinct“ – nur dass Isabelle Huppert heute dreißig Jahre älter ist als damals Sharon Stone. Warum gibt es für Frauen ab einem gewissen Alter keine Rollen von diesem Kaliber mehr?
Ganz einfach. Das ist die Konsequenz von Tausenden von Jahren gesellschaftlicher Unterdrückung. Das Verhalten von Isabelle Hupperts Figur ist weder eindeutig männlich noch weiblich konnotiert. Jeder Mensch folgt seinen Bedürfnissen und nimmt sich, was er braucht. Es ist nur etwas schwerer, zu akzeptieren, wenn eine Frau dies tut. In den USA könnte ich mir allenfalls vorstellen, dass Meryl Streep oder Susan Sarandon solche Rollen übernehmen. Das Problem ist aber ein anderes: In Hollywoodfilmen gibt es keine 50-Jährigen, so alt ist Isabelle Hupperts Figur im Film, die ihre Sexualität so freimütig ausleben.

Hat Sie die positive Resonanz auf „Elle“ überrascht? Sie müssen doch sicher darüber schmunzeln, dass „Elle“ als feministischer Film gefeiert wird. Bisher wurde Ihnen oft Misogynie vorgeworfen.
Ich bin in meinem Leben schon so manches genannt worden. Es gab aber auch viele Feministinnen, selbst in den USA, die „Basic Instinct“ als pro-feministisch bezeichneten. Das war jedoch nie meine Absicht, weder damals noch heute mit „Elle“. Ich denke darüber nicht einmal nach. Natürlich drücke ich mich durch meine Charaktere aus, das gilt aber genauso für die männlichen Figuren. In fast allen meinen holländischen Filmen spielt zum Beispiel Rutger Hauer die Hauptrolle. Es fällt mir allerdings tatsächlich leichter, mich mit weiblichen Charakteren zu identifizieren. Ich fühle mich auch wohler mit einer Frau in einem Raum als mit einem Mann.

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Die positive Rezeption von „Elle“ hatte doch auch viel mit Ihrem Image als kontroverser Regisseur zu tun. Kultivieren Sie Ihre Rolle als Tabubrecher?
Ich lege es nicht darauf an, die Leute zu provozieren. Meine Filme verzichten lediglich auf moralische Urteile. Die Figuren mögen sich unmoralisch verhalten, aber ich versuche das nicht zu bewerten. Das Kino darf nie selbstgefällig werden. Als Regisseur muss man stets eine offene Flanke zeigen, auch wenn es manchmal wehtut. Einige Menschen fühlen sich davon eventuell provoziert, aber soll ich deswegen andere Filme machen?

Mit Ihrer Rückkehr stehen Sie nun in der Tradition des europäischen Autorenfilms. Ist „Elle“ ihr Abschied vom Genrekino?
Meine amerikanischen Genrefilme wie „Robocop“ oder „Total Recall“ entstanden aus reiner Notwendigkeit. Die Genres waren lediglich ein Vorwand, um unter Hollywood-Bedingungen etwas über die Gesellschaft, die Medien, die Politik zu erzählen. Ohne dieses persönliche Interesse hätte ich nicht mehr als Popcornfilme für Teenager gedreht. Wenn du der Wirklichkeit ins Auge blickst, was als niederländischer Realist immer mein Anspruch war, musst du diese überholte Vorstellung von Genre vergessen. Das wollte ich mit „Elle“ zeigen. Das Leben kennt keine Genres. Du stehst morgens lachend auf und am Abend stirbt ein guter Freund. Unser Leben kann jeden Augenblick von einer Komödie in die Tragödie kippen.

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