Berlinale-Kolumne „Im Film“ : Hier kommt der längste Satz der Festspiele

Viele Filme dieser Festspiele haben ein Problem: Sie kommen nicht zum Punkt, sind zu spät zu Ende. Unser Kolumnist antwortet an Tag 7 mit einem einzigen Satz.

Burhan Qurbani ist der Regisseur von "Berlin Alexanderplatz".
Burhan Qurbani ist der Regisseur von "Berlin Alexanderplatz".Foto: REUTERS/Annegret Hilse

Schluss zu machen, das fällt schwer, vor allem wenn man nicht weiß, wie man es richtig anstellen soll, weil es ja hier, wie sonst im Leben auch, mindestens zwei Möglichkeiten gibt, entweder den abrupten Cut, Zack, Aus, Ende, oder das langsame Ausklingen, was nicht weniger Erschütterungen mit sich bringt, denn natürlich merkt man als Mensch, der Gefühle hat, wenn ein altes Leben aufzuhören beginnt, ohne dass schon ein neues angefangen hat, und genau so läuft es im Kino, wo ein guter Schluss einen ganzen, gern mal zu langen Film retten kann wie ein wunderschönes Tor in der Nachspielzeit ein grottiges Fußballspiel von Hertha BSC noch retten könnte, nur dass bei der Berlinale viel mehr Spiele gleichzeitig laufen und jeder der 340 Filme ein eigenes schönes oder schlechtes Ende finden muss, egal ob still, knallig, irgendwann muss gut sein, auch bei Sätzen in einer Kolumne, schon klar, aber soweit sind wir noch nicht, denn es soll hier um ein Problem gehen, das viele Filme dieser Festspiele haben, sie sind zu spät zu Ende, können keinen Punkt setzen, und selbst wenn sie es tun, auch in zunächst rasanter Form wie im episch angelegten Essayfilm „Berlin Alexanderplatz“, in dem sich viele spannende Schlüsse aufdrängen, schon weil der drei Stunden lange Streifen in fünf Kapitel eingeteilt ist, ergänzt durch einen Epilog, die allesamt Francis zeigen, den Flüchtling, der zu Franz wird, um sich zu behaupten auf dem Berliner Pflaster, zwischen dessen Steinen der Dreck hängt, in den Franz immer wieder fällt, um neu aufzustehen, und dabei zu ahnen, dass es doch kein gutes Ende mit ihm nimmt, und so vergehen die Kapitel seiner vielen Leben in dieser Stadt, in der sich Schichten der Geschichte auftürmen, und Geschichten, die auch im wahren Leben öfter im Dreck spielen als wir es alle wahrhaben wollen, erst recht auf einer Berlinale, die ja glitzern will, während sie nachdenklich ist, sogar in dem Moment, in dem sie darüber nachdenkt, warum für einen Franz, der mal ein Francis war, offenbar kein guter Platz rund um den Alexanderplatz vorgesehen ist, wobei man zugeben muss, dass es rund um den Alexanderplatz sowieso kaum schöne Plätze gibt, erst recht im Winter, wenn der Brunnen nicht sprudelt, an dem sonst Menschen sitzen, die noch nach ihrem Platz bei uns suchen, ja, die Straßenbahnen sind das einzig Belebende gerade am Alexanderplatz, aber sie fahren weiter, bloß weg hier, bis zu ihrer Endhaltestelle, und dann ist Schluss.

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