Berlinale-Retrospektive : Der Kampf der Filmemacherinnen

Selbst ist die Frau: Die Berlinale-Reihe „Retrospektive“ versammelt Filme von Regisseurinnen aus Ost- und Westdeutschland. Ein Überblick.

Alles im Griff. "Miss World" von Barbara Marheineke, 1998.
Alles im Griff. "Miss World" von Barbara Marheineke, 1998.Foto: © Barbara Marheineke

Was für Bilder, was für Figuren: Fröhliche Supermarktverkäuferinnen aus dem Märkischen Viertel spielen ihre selbst geschriebene Story und veranstalten einen Streik gegen ungleiche Bezahlung: "Für Frauen 1. Kapitel" von Cristina Perincioli 1971. Eine Historikerin verlässt sich bei ihrer Recherche nach einer sozialistischen Frauenrechtlerin immer mehr auf gefundene Töne: "Die Reise nach Lyon" von Claudia von Alemann, 1980.

Die Bauleiterin einer Großbaustelle soll sich zwischen zwei attraktiven Männern entscheiden, im materialistischen Melodram "Die Taube auf dem Dach" von Iris Gusner, 1973. Ein junges Mädchen aus einer Suburbia-Migrationsfamilie performte seine Pubertätsträume in zauberhaft-exotischen Tableaus: "Ich denke oft an Hawaii" von Elfi Mikesch, 1978. Ein Mauerblümchen verwandelt sich in eine strahlende Porno-Queen: "Female Misbehaviour" von Monika Treut, 1992.

Sind sie nun allseitig reduzierte Persönlichkeiten oder im Gegenteil auf dem Weg zu allseitig entwickelten Persönlichkeiten? Die Retrospektive „Selbstbestimmt. Perspektiven von Filmemacherinnen“ gilt dem Filmschaffen von Regisseurinnen im Zeitraum von 1968 bis 1999.

Sie nimmt die aktuelle Sensibilisierung für weibliche Autorschaft zum Anlass für einen Parcours durch die hiesige Filmgeschichte. 26 Filme aus Ost und West begegnen sich, viele in neuen digitalen Kopien, kurz und lang, dokumentarisch und inszeniert, oft in interessanten Mischformen. Auch einige experimentelle Arbeiten sind zu sehen. Englisch untertitelt werden sie auch international dazu beitragen, einen immer neu zu erstreitenden Kanon der deutschen Filmgeschichte zu erstellen.

Wobei sich keineswegs eine einheitliche „weibliche Ästhetik“ finden lässt, es sind eher vielfältige Suchbewegungen und offene Erzählstrukturen. Die Filme interessieren sich häufig für Alltagsbewältigung – und historische Komplexitäten. Die Widerstände und Widrigkeiten, die die Regisseurinnen in West und Ost zu überwinden hatten, die Kämpfe, die sie in den Institutionen der DDR und der Bundesrepublik führten, werden gewiss in den Diskussionen zur Sprache kommen, unter anderem mit Jeanine Meerapfel, Helke Misselwitz, Helke Sander, Ula Stöckl, Margarethe von Trotta und Katja von Garnier. Das reich bebilderte Buch zur Retrospektive mit Essays von Regisseurinnen und Filmwissenschaftlerinnen erscheint im Bertz + Fischer Verlag (216 S., 25 €).

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