• Berlinale-Sieger Mohammad Rasoulof: „Offiziell existieren meine Filme im Iran nicht“

Berlinale-Sieger Mohammad Rasoulof : „Offiziell existieren meine Filme im Iran nicht“

Der iranische Regisseur Rasoulof holt mit „There is no Evil“ den Goldenen Bären, doch hat er Reiseverbot. Ein Skype-Gespräch über Zensur und Proteste im Iran.

70. Berlinale: Der leere Stuhl des Regisseurs Mohammed Rasoulof
70. Berlinale: Der leere Stuhl des Regisseurs Mohammed RasoulofFoto: dpa/Britta Pedersen

Bei der Berlinale-Pressekonferenz am Freitag blieb der Stuhl hinter seinem Namensschild leer: Mohammad Rasoulof, 47, hat Reiseverbot. Im September 2019 wurde er zu einer einjährigen Haftstrafe verurteilt, die er bisher nicht antreten musste. Nun hat er den Goldenen Bären der 70. Berlinale gewonnen, den Preis nahm seine Tochter Ranan Rasoulof für ihn entgegen. Sie sei überglücklich und sehr traurig, dass ihr Vater nicht da sein könne, sagte sie, während der Saal den Regisseur mit stehenden Ovationen feierte.

Wie Jafar Panahi (Goldener Bär für "Taxi Teheran", 2015) war Rasoulof 2010 zu sechs Jahren Haft verurteilt worden; auch diese Strafe wurde nicht vollzogen. Als er 2017 nach der Cannes-Premiere von „A Man of Integrity“ in seine Heimat zurückkehrte, wurde ihm sein Pass abgenommen. 2013 hatte er dort "Manuscripts Don't Burn" vorgestellt, der ebenfalls unter schwierigen Bedingungen entstand. Das Interview führten wir einige Tage vor der Preisverleihung auf Skype zwischen Teheran und Berlin, aus Paris war die Übersetzerin Massoumeh Lahidji zugeschaltet.

Herr Rasoulof, Sie sind ein mutiger Mann. Wie viel riskieren Sie mit einem Film, der von der Unmöglichkeit der freien Entscheidung in einem autoritären Staat erzählt?
Nicht nur ich, jeder, der an diesem Film beteiligt war, ist ein großes Risiko eingegangen. Meine Produzenten Kaveh Farnam und Farzad Pak, mein Kameramann, meine Cutter, meine Schauspielerinnen und Schauspieler, alle waren sich dessen bewusst.

Wir hatten aber das gemeinsame Ziel, eine starke Botschaft in die gegenwärtige Situation des iranischen Kinos hinein zu senden. Wobei alle an dem Projekt Beteiligten schon vorher für sich entschieden hatten, die Verhältnisse nicht länger zu akzeptieren und Nein zu sagen, so wie es die Figuren in „There is no Evil“ tun. Sie sagen Nein zu einem Befehl, zu etwas, was sie moralisch nicht vertreten können. Auch unser Film ist ein Statement gegen die Zensur.

Sie sind rechtskräftig verurteilt, können nicht reisen, aber Sie drehen Filme: mit oder ohne Genehmigung?
Natürlich bekomme ich zur Zeit keine offizielle Dreherlaubnis. Aber es wurde auch kein Berufsverbot verhängt, und wie in allen totalitären Systemen gibt es Schlupflöcher. Ich halte es für ein Grundrecht, dass ich meiner Arbeit nachgehen darf, und ich mache davon Gebrauch. Und die digitalen Technologien sind sehr hilfreich dabei, die Repressionen zu unterlaufen.

Mohammad Rasoulof, 47, debütierte 2002 mit dem Gefängnisdrama
Mohammad Rasoulof, 47, debütierte 2002 mit dem GefängnisdramaFoto: imago images/UPI Photo

Schlupflöcher, was heißt das konkret?
Der Film besteht aus vier Kurzfilmen. Wir haben vier Produktionen von vier Filmemachern angemeldet, es sind zufällig meine Regieassistenten. Bei Kurzfilmen schaut das Zensursystem noch nicht so genau hin. Die Filme spielen an vier sehr unterschiedlichen Orten, sie wurden zu unterschiedlichen Zeiten realisiert. Es war knifflig: Während der eine Film geschnitten wurde, fing beim nächsten erst der Dreh an.

Dank meiner Assistenten hat es aber gut funktioniert, vor allem bei der in Teheran gedrehten Episode, bei der ich selber nicht am Set auftauchen durfte. Wenn wir in den Bergen, auf dem Land oder in Innenräumen drehten, war ich dabei. Aber in Teheran stand ich nicht auf der Setliste und achtete darauf, dass ich „unsichtbar“ blieb. Wenn auch das nicht ging, studierten wir die Szenen vorab so genau wie möglich ein.

Die Protagonisten sind junge Soldaten, es geht um deren moralische Dilemmata. Müssen alle Iraner Militärdienst leisten?
Die Armee ist Pflicht, für zwei Jahre. Mich hat der Militärdienst interessiert, weil es sich um eine Zeit im Leben eines Menschen handelt, in der der freie Wille und die moralische Identität zerstört werden. Die Armeezeit ist darauf angelegt, den jungen Leuten jede Entscheidungsfreiheit zu nehmen.

Die Soldaten müssen die Todesstrafe exekutieren.
Es geht mir weniger um die Todesstrafe als um Befehlsgehorsam. Wozu sind Gesetze da? Sie sollen das Zusammenleben der Menschen gerechter und harmonischer machen. Aber was, wenn sie Gewalt und Ungerechtigkeit verursachen? Müssen wir uns dann immer noch an sie halten?

Es sind die gleichen Fragen, die Hannah Arendt in „Die Banalität des Bösen“ stellte. Wie steht es mit der eigenen Verantwortung in der Kette der Verantwortlichkeiten? Manchmal gehorcht jemand ja nur, weil er sich seine Zukunft nicht verbauen will. Nicht jeder kann ein Held sein.

Und wie steht es mit der Verantwortung der Künstler in einem Unrechtsregime? Gibt es im Iran so etwas wie künstlerische Freiheit?
Die Meinungsfreiheit steht allen gleichermaßen zu, Künstlern nicht mehr als anderen Bürgern. Viele Regisseure und Künstler glauben allerdings, dass sie keine andere Wahl haben, als Teil des Systems zu werden, wenn sie arbeiten und Fördergelder bekommen wollen.

Die Revolutionsgarden subventionieren zunehmend Filme und Kultur, weil sie die Kunst und die Künstler für ihre ideologischen Zwecke einspannen wollen. Solche Filme machen inzwischen einen Großteil des iranischen Gegenwartskinos aus. Entweder es sind seichte Komödien oder staatliche Propagandafilme. Unabhängige Filmemacher sind dagegen extrem eingeschränkt und riskieren Repressalien.

Sie wurden letztes Jahr wegen „Gefährdung der nationalen Sicherheit“ und „Verbreitung von Propaganda gegen die islamische Regierung“ verurteilt. Die übliche Urteilsbegründung bei unliebsamen Künstlern und Intellektuellen?
Ja. Es gibt keinen konkreten Bezug zur Arbeit der Angeklagten. Das Regime kennt keinerlei Toleranz, keinen Spielraum für eigene Meinungen oder Kritik. Wer etwas kritisiert, gehört sofort zu den anderen, den Gegnern des Staats. Die Gefängnisstrafen können sehr hoch sein. Lange war es so, dass dies für Schweigen im Land sorgte. Aber es gibt mehr und mehr Leute, die trotz des hohen persönlichen Risikos ihren Dissens zum Ausdruck bringen und zivilen Ungehorsam üben.

Heißt das, die Atmosphäre im Iran hat sich geändert? Gibt es mehr Hoffnung?
Im November protestierten die Leute noch wegen der Erhöhung der Benzinpreise. Aber als es bei dem versehentlichen Flugzeug-Abschuss im Januar auch viele Iraner unter den Toten gab, richtete sich die Wut gegen die Lügen und die Versuche des Regimes, die Wahrheit zu vertuschen. Ich finde das bemerkenswert, es gibt mir Anlass zur Hoffnung: dass immer mehr Menschen die Kultur des Schweigens und der Lüge nicht länger hinnehmen wollen.

Ist die Hoffnung ein Grund, weshalb Sie im Land bleiben? Viele Ihrer Freunde haben nicht verstanden, warum Sie 2017 nach Teheran zurückkehrten.
Der Iran ist meine Heimat, das Land und die Kultur, die ich liebe. Hier leben mein Vater und meine Mutter, die Menschen, die mir am Herzen liegen. Natürlich würde ich gerne reisen, aber warum soll ich mir mein Grundrecht nehmen lassen, mich in meiner Heimat aufzuhalten? Abbas Kiarostami hat einmal gesagt, einen Baum könne man nicht verpflanzen. Mein Wurzeln sind und bleiben im Iran. Ich bin mit einem Film auf ein Festival eingeladen und fahre anschließend nach Hause: Warum sollte ich weglaufen? Ich habe mir nichts zuschulden kommen. Wenn jemand das anders sieht und findet, ich müsste zur Strafe meiner Rechte beraubt werden, dann übernehme ich doch nicht in vorauseilendem Gehorsam dessen Arbeit.

Ein Teil von „There is no Evil“ spielt in den Bergen. Warum wollten Sie die Schönheit der iranischen Landschaft zeigen?

Natürlich inspiriert mich die Schönheit meines Landes, aber es gibt noch andere Gründe. Außerhalb der großen Städte ist es einfacher, der Überwachung des Systems zu entkommen und einen Film wie diesen zu realisieren. Und ich wollte den Gegensatz zwischen dem grauen, kranken Teheran und der Schönheit der Natur zeigen. Der Held in der ersten Episode hat alles, was man sich nur wünschen kann, eine Familie, einen Job, er lebt im Wohlstand. Aber sein Leben ist ein Gefängnis, ein Teufelskreis.

Der Held in der letzten Episode führt ein sehr einfaches Leben auf dem Land, aber er ist umgeben von einer weiten, offenen Landschaft. Sein Horizont ist frei. Und der Protagonist des zweiten Teils, der Widerstand leistet, findet sich zuletzt am Stadtrand wieder, in der Peripherie. Dorthin kann es einen verschlagen, wenn man sich nicht vom autoritären System verschlingen lassen will. Man zahlt einen Preis, aber auch diese Randlage hat ihre Schönheit.

Die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein hat den Film unterstützt. Früher sind Sie zwischen Hamburg und Teheran gependelt. Wie kam es zur Hamburg-Connection?
Seit 2012 arbeite ich dort mit einer kleinen Produktionsfirma zusammen, ich habe dort auch einen Wohnsitz. Die Realisierung von „There is no Evil“ hat sich immer wieder verschoben, dankenswerterweise hat die Förderung ihre Zusage später erneuert.

Im Film spielt meine Tochter die deutschsprechende Iranerin, die ihren Onkel in den iranischen Bergen besucht. Das ist ein bisschen auch meine Geschichte. Meine Tochter lebt in Hamburg, ich bin von meiner Familie getrennt. Sie will von mir wissen, was mir wichtiger ist, sie oder meine Überzeugung. Es ist sehr schwer für mich. Ich versuche mit dieser Episode, ihre Frage zu beantworten und ihr meine Situation zu erklären.

Sind Ihre Filme im Iran zu sehen?
Offiziell existieren meine Filme hier nicht. Aber es gibt Farsi-Programme, die man über Satellit empfangen kann, dort laufen auch Filme von mir. Und es gibt einen Schwarzmarkt, wer sich dafür interessiert, kann sie auf DVD oder im Internet finden.

Wie bei Jafar Panahi gab und gibt es internationale Proteste gegen Ihre Verurteilung. Nützt das etwas?
Ich glaube schon. Auch meinen Kollegen und meinem Team hilft die Unterstützung aus dem Ausland. Es vermindert den Druck ein wenig. Ohne die Proteste säße ich jetzt vielleicht im Gefängnis.

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