Berliner Ausstellung über NS-Propagandabilder : Vorturnen für die Herrenrasse

Fetischisierung des "Volkskörpers": Die Topographie des Terrors in Berlin untersucht NS-Propagandabilder aus der Reichsschule Burg Neuhaus.

Die Wiener Fotografin Anna Koppitz machte 1938/39 eine Serie von Bildern in der Schule Burg Neuhaus.
Die Wiener Fotografin Anna Koppitz machte 1938/39 eine Serie von Bildern in der Schule Burg Neuhaus.Foto: Nachlass Anna Koppitz

Die Zukunft würde glorreich und germanisch sein. Vor allem: blond. Auf den Fotos, die zwischen 1938 und 1940 auf der Reichsschule Burg Neuhaus entstanden, mischen sich Enthusiasmus und Erotik. Junge Frauen in knappen Trikots, oft bezopft, turnen im Sand, balancieren Medizinbälle, schleudern Speere. Die Männer präsentieren gestählte Körper und blicken kriegerisch entschlossen. Gegründet hatte die Reichsschule der „Reichsbauernführer“ Walther Darré, der aus der Wasserburg am Rand von Wolfsburg eine „Bauernhochschule“ machen wollte.

„Es wächst ein neues Bauerngeschlecht“, überschrieb die „Neue Illustrierte Zeitung“ im Mai 1939 eine Reportage über den Schulalltag, die Bilder zeigten Staffelläufe, Gymnastik und Volkstänze. Im Text ist von der Landbevölkerung als „eigentlichem Träger der völkischen Blutskraft“ und „Garanten der Ewigkeit unseres Volkes“ die Rede. Allerdings musste das neue Bauerngeschlecht noch auf sich warten lassen, weil der Großteil der männlichen Schüler ein paar Monate später erst einmal in den Krieg zog, „Lebensraum im Osten“ erobern.

Den Bauern ein neues Image schaffen

Die Reportage und die Fotos, deren Ästhetik an Leni Riefenstahls „Olympia“- Film erinnert, sind in der Ausstellung „Im Dienst der Rassenfrage“ zu sehen, mit der die Topographie des Terrors einen bislang wenig beachteten Aspekt der nationalsozialistischen Herrenvolk-Ideologie vorstellt. Darré, der es vom Diplomlandwirt mit Studienschwerpunkt Viehzucht und Vererbungsfragen bis zum Reichsminister für Ernährung brachte, gehörte mit Büchern wie „Neuadel aus Blut und Boden“ zu den wichtigsten Rassentheoretikern des Regimes.

Die „Nordische Rasse“ sah der ehemalige Freikorpskämpfer idealtypisch in der Landbevölkerung verkörpert, die anders als die „zur Verweichlichung neigenden“ Stadtmenschen ihre genetische Homogenität bewahrt habe und darum für „gutes Blut“ stehe. Den Bauern wollte er ein neues, modernes Image verschaffen, weg von der Kuhstallromantik, und in den Schülerinnen und Schülern der 1935 geschaffenen Reichsschule besaß er dafür die passenden Fotomodelle.

Erst zusammen ergeben Verherrlichung und Vernichtung ein vollständiges Bild

Die Topographie des Terrors, untergebracht auf dem Gelände des ehemaligen Gestapo-Hauptquartiers, ist den Opfern der nationalsozialistischen Herrschaft gewidmet. Dort nun mit den Inszenierungen „arischer“ Schönheit, einer „Täterwelt der besonderen Art“, so Stiftungsdirektor Andreas Nachama, konfrontiert zu werden, mag irritierend wirken. Doch erst zusammen ergeben Vernichtung und Verherrlichung ein vollständiges Bild. Während Juden und andere „Untermenschen“ millionenfach ermordet wurden, wie die Bilder der Dauerausstellung zeigen, waren die rassischen Vorzeigeexemplare für Höheres vorgesehen: die Vermehrung der eigenen Art. Als menschliches Zuchtvieh.

Kuratorin Magdalena Vukovik spricht vom „scharfen Ausleseblick“ der Männer. Er galt dem weiblichen Körper, der künftige Kriegergenerationen zu gebären hatte. „Man kann unsere Jungbauern nicht hart genug an die züchterische Aufgabe heranführen, die ihrer durch die Eheschließung harrt“, schrieb Darré in der Zeitschrift „Odal“, die in seinem „Blut und Boden Verlag“ erschien. Zusammen mit dem völkischen Kunsttheoretiker Paul Schultze-Naumburg gründete der Agrarexperte eine Arbeitsgemeinschaft für „Auslesevorbild und Züchtungskunde“, um mit „blutswertig vorbildlichen Aktbildern“ die nationalsozialistische Rassenlehre zu popularisieren. Parteiinterne Rivalen wie Heinrich Himmler hielten Darrés erotische Ambitionen für Schweinkram, und weil der als Kriegswirtschaftsorganisator fehlbesetzte Minister nach 1939 mehr und mehr ins Abseits geriet, kam das Projekt nie übers Planungsstadium hinaus.

Die Menschen wurden in einer optischen Skala bewertet

Hervorgegangen ist „Im Dienst der Rassenfrage“ aus einem Archivfund. Im Nachlass der Wiener Fotografin Anna Koppitz entdeckte Vukovik neben vielen Aufnahmen aus Burg Neuhaus auch einen umfangreichen Briefwechsel mit Darré. Nach einer ersten Präsentation im Wiener Photoinstitut Bonartes wurde die Ausstellung für die Topographie um Arbeiter des Berliner Sportfotograf Hanns Spudich erweitert. Koppitz, Witwe des avantgardistischen Aktfotografen Rudolf Koppitz, und Spudich, ein ehemaliger Kommunist, zeigen ihre Modelle fast immer in heroisierender Untersicht, als durchtrainierte Inkarnationen des Starken, Jungen, Blonden.

Die Ausstellung präsentiert die Fotos im Kontext ihrer medialen Verwertung und des ideologischen Umfelds. Einer nordischen Nackten auf dem Cover der Zeitschrift „Geist und Schönheit“ stehen die Ganzkörperakte, wie Verbrecherfotos von vorne, hinten und im Profil aufgenommen, aus der sozialdarwinistischen Rassenlehre „Die Beurteilung des menschlichen Körpers“ gegenüber. In dem 1940 erschienenen Buch beurteilte der SS-Rassenexperte Horst Rechenbach, den Darré für den Aufbau des „Rasse- und Siedlungsamts“ engagiert hatte, die abgebildeten Menschen nach optischen Merkmalen in einer Skala von „Idealkörper“ bis „Missgestalt“. Von einer „gut sichtbaren nordischen Beckenfalte“ oder der „für nordisches Blut sehr bezeichnenden rötlichen Äpfelung“ wird da fabuliert. Pseudowissenschaftliches Vokabular als Vorbereitung für die Selektion zum Massenmord.

Die Blut-und-Boden-Kaderschule Burg Neuhaus wurde nach 1939 geschlossen, allerdings organisierte der Schulleiter Rudolf Bode noch bis 1944 „Kriegslehrgänge“ an wechselnden Orten. Walther Darré verlor 1942 sein Ministeramt, zog sich auf sein Jagdhaus in der Schorfheide zurück und wurde wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu einer Haftstrafe von sieben Jahren verurteilt. Absitzen davon musste er nur ein Jahr. Nach dem völkischen Sportpädagogen Rudolf Bode, NSDAP-Mitglied seit 1932, Antisemit und Erfinder der „Neuhaus-Gymnastik“, ist bis heute der „Bode Bund für rhythmische Erziehung“ und eine Münchener Gymnastikschule benannt.

Topographie des Terrors, bis 8. April. Täglich (außer 24., 31. Dez. und 1. Jan.) 10–20 Uhr, Eintritt frei. Katalog 12 €.

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