Berliner Entertainment unter Corona-Bedingungen : Galgenhumor und Plexiglas-Gedöns

Die Bar jeder Vernunft und das Tipi am Kanzleramt öffnen im September wieder – mit Pigor, Eichhorn und vor allem einem Hygienekonzept.

Die trauen sich was. Die Berliner Musikkabarettisten Thomas Pigor (l.) und Benedikt Eichhorn treten im September wieder in der Bar jeder Vernunft auf.
Die trauen sich was. Die Berliner Musikkabarettisten Thomas Pigor (l.) und Benedikt Eichhorn treten im September wieder in der Bar...Foto: Thomas Nitz

Im Berliner Ensemble haben sie Sitzplätze abmontiert und experimentieren mit desinfizierendem Nebel. In der Philharmonie bleiben die Sitzreihen drin, doch eine bestimmte Anzahl von Plätzen bleibt frei.

Und auch die Berliner Privattheater, die ohne die von der Senatskulturverwaltung verhängte Schließung bis 31. Juli den Sommer über durchspielen würden, rüsten jetzt auf die geltenden Hygieneregeln um.

Zu viele tanzende und singende Menschen auf der Bühne

In den Showzelten Tipi am Kanzleramt und Bar jeder Vernunft geht es im September wieder mit dem Amüsierbetrieb los. Die traditionelle August-Bespielung im Tipi – das mit turbulenten Choreografien bestückte Berlin-Musical „Cabaret“ – fiel zuvor den Corona-Regeln zum Opfer. Zu viel Nähe, zu viele tanzende und singende Menschen auf der Bühne.

Die Produktion uminszenieren oder abspecken kam für Zelte-Chef Holger Klotzbach nicht infrage. Und dann noch das kuschelige Miteinander, genauer gesagt die Enge an den früher oft Ellenbogen an Ellenbogen besetzten Tischen. Was sonst in Bar und Tipi Atmosphäre hieß, heißt unter Pandemie-Bedingungen: geht gar nicht mehr.

Wie es doch funktionieren soll, will Impresario Klotzbach bei einer Besichtigung im Tipi am Kanzleramt erläutern. Als von den neuen Sitten ebenfalls zu überzeugende Künstler hat er die Musikkabarettisten Thomas Pigor und Benedikt Eichhorn eingeladen. Sie gehören zu den ersten Künstlern, die sich im September wieder auf die Bühne der Bar jeder Vernunft trauen.

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Deren Gesundheit liegt dem Veranstalter ebenso am Herzen, wie die des Publikums. Schlagzeilen wie bei Tönnies möchte man hier keinesfalls produzieren. „Da kannst du den Laden ein Jahr lang zusperren“, mutmaßt Klotzbach. Wenn das mal reicht.

Die Bemühungen um möglichst wenig Kontakt sind schon im Foyer augenfällig. Da trennen rote Absperrbänder und Schilder zukünftig Eingang vom Ausgang. Den Toilettenzugang regelt ein Aufpasser, beim Umhergehen gilt Maskenpflicht. Essen vor der Show wird es weiterhin geben.

Vorstellungen ohne Pause werden diskutiert. Im Saal stehen weitläufig verteilte Tische, auf denen teils auch Plexiglasscheiben stecken. Falls Zweier- oder Vierertische von Freunden gebucht werden, die nicht aus einem Haushalt stammen.

Mehrlings Judy-Garland-Show kommt im September

Auf der Bühne markiert ein weißer Strich den Minimalabstand zur Kante und damit auch zur ersten Tischreihe. Sängerin Katherine Mehrling, die am 17. September hier endlich mit ihrer verschobenen Judy-Garland-Show „In Love with Judy“ Premiere feiern kann, ist gerade da und schaut sich die Sache an.

Von den 520 Plätzen im Tipi sind 180 geblieben. Die im Schwesterzelt an der Schaperstraße reduzieren sich von 230 auf 110. Eine Einbuße, die sich auch auf die prozentual an den Einnahmen beteiligte Gage der Künstlerinnen und Künstler niederschlägt.

Pigor, der zusammen mit Kompagnon Eichhorn in der Bar ab dem 21. September mit dem Programm „Einführung für Anfänger“ auftritt, ficht der kommende Leichtlohn nicht an. Erstmal müssten überhaupt Leute kommen, sagt er. Wichtiger als die Künstlergagen seien die Auftrittsstrukturen. Die kleinen Spielorte, die sie auf ihren Tourneen besuchten, müssten weiter existieren.

Mit der Schwiegermutter nach Marienbad? Ging nicht

„Wenn ein Theater dicht macht und ein Supermarkt geht rein, macht es nicht wieder auf.“ Seit dem 8. März haben Pigor & Eichhorn nicht mehr gespielt. Und dabei einen fünfstelligen Gagenbetrag verloren, merkt Kollege Eichhorn an. Er kommentiert den Ausfall mit Galgenhumor. „Ich wollte mit meiner Schwiegermutter nach Marienbad in Urlaub fahren. Ist ausgefallen, das spart.“

Ob die beiden keine Bedenken haben, sich in der Bar jeder Vernunft, deren Hygienekonzept dem des Tipi ähnelt, die aber ungleich enger ist, etwaigen Aerosolwolken auszusetzen? Allgemeines Schulterzucken. Da die beiden keine Anhänger des Streamingformats sind, kommen sie als Bühnenkünstler schwer ums Auftreten herum.

Plexiglas-Gedöns, Leitsystem, Abstandhalten und der zweiseitige Hygiene-Reader, den sie ausgehändigt bekamen, wirke auf sie vertrauenerweckend, sagt Eichhorn und betont: „Ich habe Respekt vor Covid-19 und will es bestimmt nicht kriegen.“

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Dass sie als Bühnenkünstler fast als letzte der noch im Lockdown befindlichen Branchen wieder loslegen dürfen, hat ihnen durchaus zu denken gegeben. Es fällt das berühmte Stichwort von der „Systemrelevanz“ der Kultur. Pigor trumpft prompt mit einem statistischen Feuerwerk auf.

In Europa gebe es 7 Millionen Menschen, die im Kulturbereich arbeiteten, in der Autoindustrie seien es nur 2,2 Millionen. Nur fehle der Kultur die Lobby. „Wir Kulturschaffende sind genauso fragmentiert wie die Gesellschaft und dass wir gemeinsame Interessen haben, dafür gibt es kein Bewusstsein.“ Noch etwas, das im Rahmen der Corona-Lehren aufs Tapet gehört: Mehr Vernetzung und Standesbewusstsein.

Scheiben am Mikro fangen Spucke ab

Was die Berliner Corona-Hilfen für Künstler und Bühnen angeht, sind sowohl Klotzbach als auch Pigor und Eichhorn des Lobes voll. Sie haben alle von den Programmen profitiert. Bar und Tipi erhielten bereits 264000 Euro und hoffen – angesichts des dieses Jahr wegbrechenden Gala-Geschäfts und der unrentablen kommenden Spielzeit – auf weitere Unterstützung.

„Zumindest bis zum Jahresende“, spricht Zweckoptimist Klotzbach und hält den Künstlern die neueste technische Bastelei des Hauses in Sachen Publikumsschutz hin: ein mit zwei Scheiben aus Plexiglas bewehrtes Mikro, das die Spucke der Künstler abfängt. „Kann gut sein, dass wir uns daran gewöhnen müssen“, unkt Eichhorn.

Auf die zukünftige Stimmung in der halbleeren Bar jeder Vernunft sind die Kabarettisten sehr gespannt. „Lachen ist ansteckend“, umreißt Eichhorn die für Humoristen in Vor-Coronazeiten deutlich günstigeren Auslastungsverhältnisse. Trotzdem rechnet er mit Freude und Achtung. „Freude, dass es uns endlich wieder gibt. Und Achtung dafür, dass wir das machen.“

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