• Berliner Festival blickt zurück: Wie das 20. Jahrhundert zur Blütezeit des Tanztheaters wurde

Berliner Festival blickt zurück : Wie das 20. Jahrhundert zur Blütezeit des Tanztheaters wurde

Von Pina Bausch bis Xavier Le Roy: Das Festival „Was der Körper erinnert“ an der Akademie der Künste spürt dem Erbe des modernen Tanztheaters nach.

Auf den Spuren der Geschichte. Das Stück "Zwei Giraffen tanzen Tango" aus Bremen ist eine mehrerer Aufführungen.
Auf den Spuren der Geschichte. Das Stück "Zwei Giraffen tanzen Tango" aus Bremen ist eine mehrerer Aufführungen.Foto © M. Menke

Eine Polyphonie tanzender Körper. Wenn man die abgedunkelte Ausstellungshalle der Akademie der Künste am Hanseatenweg betritt, fällt der Blick zunächst auf vier große Screens. Der verzweifelte Tanz des Opfers in Pina Bauschs „Le Sacre du Printemps“ von 1975. Steve Paxton, hochkonzentriert und lässig in „Goldberg Variations“ (1986). Louise Lecavalier, wie sie zum Flugkörper mutiert, in „Sex Duo no.1“ (1985) von der kanadischen Truppe La La La Human Steps. Die verstörenden Körperbilder von Meg Stuart in „Disfigure Study“ und von Xavier Le Roy in „Self Unfinished“ in den 1990ern.

Dies sind nur einige wegweisende Werke der jüngeren Tanzgeschichte, die hier in kurzen Videoausschnitten vergegenwärtigt werden. „Das Jahrhundert des Tanzes“ erinnert aber auch an die Pioniere und Pionierinnen des deutschen Ausdruckstanzes zu Beginn des 20. Jahrhunderts – und an die Protagonisten und Protagonistinnen des Tanztheaters, die das Erbe des deutschen Ausdruckstanzes weiterentwickelt haben.

Mit „Was der Körper erinnert. Zur Aktualität des Tanzerbes“ zeigt die Akademie der Künste ein umfangreiches Programm zur Geschichte des modernen Tanzes. Das Projekt umfasst neben der Ausstellung auch ein Festival, Diskussionen und einen Campus, zu dem 20 internationale Studierende eingeladen wurden. Bei der Eröffnung waren auch die Choreografinnen Reinhild Hoffmann und Susanne Linke anwesend.

Wie Johannes Odenthal, der Programmbeauftragte der Akademie der Künste, betonte, sei es darum gegangen, eine „große Geste“ zu machen. Das 20. Jahrhundert sei ein unglaubliches Kraftfeld von tänzerischer Entwicklung gewesen. Die Körperbilder hätten sich radikal verändert, die neuen ästhetischen Formen einen großen Einfluss auf die Künste insgesamt gehabt. Die Ausstellung will vor allem eine Geschichte der Aufbrüche nachzeichnen.

Ermöglicht wurde das Projekt durch eine breite Kooperation verschiedener Institutionen. Die Tanzarchive aus Köln, Leipzig, Bremen und Berlin zeigen zum ersten Mal die Herzstücke aus ihren Sammlungen in einer gemeinsamen Ausstellung. 75 Originalobjekte werden in den Vitrinen gezeigt.

[Akademie der Künste, Hanseatenweg, bis 21. September, täglich 15–22 Uhr.]

Zu sehen ist die Hexentanz-Maske von Mary Wigman sowie Masken von Jean Weidt und Arila Siegert. Die Schminkanleitungen von Oskar Schlemmer zu seinem „Triadischen Ballett“. Die Notationen von Kurt Joss zu „Der Grüne Tisch“ und das Arbeitsbuch des im Juli verstorbenen Johann Kresnik, das Zeichnungen und Notizen enthält.

Besonders spannend sind die Videoausschnitte aus historischen Werken, die auf kleinen Monitoren laufen. Da kann man Mary Wigman selbst bei der Aufführung des „Hexentanzes“ sehen. Auch viele Fotografieren werden präsentiert. Undatierte Fotografien von Valeska Gert, die sie selbst zerknittert und zerrissen hat. Eine Aufnahme von Josephine Baker bei ihrer Ankunft im Jahr 1959 auf dem Zentralflughafen Berlin-Tempelhof.

Mehr Informationen wünschenswert

Nur mithilfe eines Begleitheftes lassen sich die Objekte zuordnen. Doch über den Werdegang der deutschen Tanzikonen, über ihre ästhetischen Positionen und politischen Haltungen, die Brüche in ihrer Karriere erfährt man darin fast nichts. Dabei gibt es große Unterschiede zwischen Mary Wigman und dem „roten Tänzer“ Jean Weidt. Eine Kontextualisierung wäre nötig gewesen.

Das gilt vor allem für das Video, das Mary Wigman, Harald Kreutzberg und Gret Palucca bei den Proben für die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 1936 zeigt, die ja ein Propagandaspektakel für Adolf Hitler waren. Flankiert wird es vom Ausweis und der Anstecknadel Paluccas. Doch das erzählt nur wenig über die Verstrickungen der Tänzer, die sich in den Dienst der der NS-Ideologie stellten – und später mit Auftrittsverbot belegt wurden.

Ein bisschen Schwung muss sein. Valeska Gert um 1925.
Ein bisschen Schwung muss sein. Valeska Gert um 1925.Foto: AdK

Überhaupt wären mehr Informationen wünschenswert, da die Ausstellung nicht nur Tanz-Experten ansprechen will. Der begleitend zur Ausstellung im Alexander Verlag erschienene Reader „Das Jahrhundert des Tanzes“ mit Statements von 100 Künstlern und Künstlerinnen liest sich zwar spannend, aber auch sie erschließen sich nicht ohne das Wissen um historische Zusammenhänge.

Das Interesse für die Tanzgeschichte wecken wollen auch die 21 Aufführungen, die zum Abschluss von „Tanzfonds Erbe“ gezeigt werden. Das Projekt, das von der Kulturstiftung des Bundes gefördert wurde, startete 2011. Ausgangspunkt war die Frage, wie der Reichtum des Tanzerbes an die nächste Generation weitergegeben werden kann, erläutert Projektleiterin Madeline Ritter.

Erst der Körper macht eine Überlieferung möglich

Die gezeigten Arbeiten veranschaulichen die künstlerischen Strategien im Umgang mit dem immateriellen Erbe. Es sind nicht nur Rekonstruktionen zu sehen. Viele jüngere Tänzer sind selbstbewusst genug, sich die historischen Werke neu anzueignen und fortzuschreiben. Die Weitergabe spielt aber immer noch eine große Rolle. Darauf zielt auch der Titel „Was der Körper erinnert“: Erst durch das körperbasierte Aufführungswissen wird eine Überlieferung möglich, das gilt auch in Zeiten der Digitalisierung.

Die Frage, wie ihr Werk weiterlebt, treibt auch Choreografen um. Eine radikale Antwort gibt Xavier Le Roy in seiner „Retrospective“ im Museum Hamburger Bahnhof. 12 Berliner Performer interpretieren Ausschnitte aus seinen Solowerken und integrieren dabei auch eigene Erfahrungen. Wie Ingo Reulecke seine eigene Entwicklung rekapituliert oder die junge Emilou Rößling von ihrer frühen Leidenschaft für Punkrock erzählt, ist charmant. Von den grotesken Körperbildern Le Roys ist hier zwar wenig zu sehen. Doch dass wir alle ein Produkt der Umstände sind – „Product of Circumstances“ heißt ein Solo von 1999 –, wird hier von Neuem bestätigt. „Retrospective“ ist ein Zurückschauen. Le Roy lässt hier die Stimmen vieler zu Wort kommen.

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