Berliner Fotos aus Ost und West : Mit dem Taxi durch die geteilte Stadt

Und immer wieder die Mauer: Momentaufnahmen aus „Ost/West Berlin“ von Nelly Rau-Häring im Freiraum für Fotografie.

Blick nach Drüben. Bernauer Straße/Brunnenstraße, 1987.
Blick nach Drüben. Bernauer Straße/Brunnenstraße, 1987.Foto: Nelly Rau-Häring,

„Da war etwas, wo man nicht hinging, und das wollte ich sehen.“ In schwarzen Lettern stehen die Worte der Fotografin Nelly Rau-Häring an der Wand des F3 – Freiraum für Fotografie. Auch die sonstige Inszenierung im Kreuzberger Projektraum ist, nun ja, nüchtern: Die Wände tragen ein dunkles Grau, Boden und Decke bestehen aus Beton. Das Licht der Strahler lässt die Rahmen mattschwarz glänzen. Und die Fotos? Natürlich Schwarz-Weiß.

Die Aufmachung der Räume passt zu Rau-Häring und ihren Bildern. Unaufgeregt fängt ihre Kamera den Alltag ein. Zwischen den 60ern und den frühen 2000er Jahren wohnt und fotografiert die Schweizerin in Berlin. Sie publiziert in dieser Zeit für Zeitungen und Zeitschriften, veröffentlicht auch eigene Bildbände. In den späteren Jahren unterrichtet sie an der Universität der Künste. Um sich über Wasser zu halten, verdingt sich Rau-Häring als Taxifahrerin. Der Job führt sie durch die ganze Stadt und in verschiedene Milieus, ab den 1980ern fährt Rau-Häring regelmäßig in den Osten der Stadt. Die Kamera ist immer dabei.

Am liebsten zeigt Rau-Häring Szenen des Alltags. An einer Straßenkreuzung vergraben einige Männer die Hände in den Taschen, ein Fan im Stadion von Hertha BSC zieht die Brauen zusammen, zwei Kinder liegen in einer Einfahrt und angeln im Abflussgitter.

Seit den 60er-Jahren lebte die Schweizerin in Berlin

Die Fotos unterfüttert sie nur mit groben Informationen zum historischen Kontext: „West-Berlin, 1987“ steht etwa in der Beschreibung. Der lockere Zeitmantel und die Anonymität der Sujets macht die Fotos zu einem imaginativen Erlebnis. Wer sind wohl die beiden Kinder, die ganz in ihr Abenteuer vertieft das Abflussgitter befischen? Was hat sie zusammengeführt und an diesen Ort getrieben? Nach was sucht ihre Angel? Und was wird sie fangen? Der Zauber dieser Ausstellung entsteht im Kopf. Die nüchterne Präsentation gibt ihm Freiraum.

Auch die „große Geschichte“ kommt Rau-Häring vor die Linse. Sie porträtiert die Studentenproteste der 60er, fotografiert DDR-Grenzer beim Überqueren des Checkpoint Charlie und eine Barbusige beim Christopher Street Day 1993. Die Mauer als fundamentale Prägung des Berliner Kalten Krieg-Lebens taucht auf ihren Bildern immer wieder auf.

[ F3 – Freiraum für Fotografie, Waldemarstr. 17, Kreuzberg, bis 19.1.; Mi bis So 13-19 Uhr. Katalog bei Hatje Cantz, 150 Abb., 38 €.]

Der Anteil des Politischen ist innerhalb der Ausstellung ungleich verteilt. Während die Impressionen West-Berlins das Politische nur streifen, fokussieren die Bilder aus dem Ostteil der Stadt ganz überwiegend auf das Wendegeschehen. Auch diese Bilder sind technisch gut gemacht und zeigen Rau-Härings Geschick für fein ironisierende Bildkompositionen. Die imaginative Leichtigkeit bleibt zwischen Checkpoint Charlie und kaputter Mauer aber auf der Strecke. Der ausführliche Bildband zur Ausstellung zeigt, dass auch für Ost-Berlin ein anderer Schwerpunkt möglich gewesen wäre.

„Sehen heißt Denken“, zitiert die Frontscheibe des Freiraums für Fotografie den Dichter Bertolt Brecht. Nach dieser Schau könnte man ihn glatt Nelly Rau-Häring zuschreiben.

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