Berliner Gangsta-Rapper Capital Bra : Koks ticken für Mama

Proletarisches Arbeitsethos: Berliner Gangsta-Rapper Capital Bra veröffentlicht im Internet neue Tracks - und zeigt in einigen sogar eine etwas nachdenklichere Seite.

Deutschlands fleißigster Gangsta-Rapper. Capital Bra.
Deutschlands fleißigster Gangsta-Rapper. Capital Bra.Fotos: picture alliance/dpa

Es ist gerade zwei Wochen her, dass Capital Bra sein neues Album „Allein“ veröffentlichte, ganz ohne Ankündigung, und damit sofort auf Platz zwei der deutschen Musikcharts landete – und schon gibt es wieder sechs neue Songs von dem Berliner Rapper, zu hören und sehen auf seinem eigenen Youtube-Kanal „Joker Bra“. In einem davon singt er: „Und die fragt dich, was der Bratan gerade macht / Hebt er gerade ab oder wird er arrogant / Nein, ich bin immer noch nicht satt / Noch fünf Song in einer Nacht und bring drei Songs an einem Tag.“

Gesagt, getan, mit Smartphonekamera und minimalen Produktionsmitteln, aber maximalem Erfolg: Man muss sich nur die Klickzahlen anschauen (fünf der sechs Tracks haben schon weit über eine Million Aufrufe) und braucht kein Prophet zu sein, um zu wissen, dass Capital Bra mit diesen Stücken wieder einmal schnell die Single-Charts fluten wird; und dass es auch nicht mehr lange dauert bis zu seiner nächsten Album-Veröffentlichung, der sechsten innerhalb von knapp drei Jahren, der ersten dann bei seinem neuen Label Ersguterjunge, dem Bushido-Label.

Sein letztes Album handelte von Drogen, Sex, Gewalt - so weit, so öde

Capital Bra, der eigentlich Vladislav Balovatsky heißt, ist im Moment nicht nur der erfolgreichste deutschsprachige Rapper, sondern überdies der fleißigste. Das Erstaunliche an diesen neuen Stücken – musikalisch in der Regel eine Mischung aus schleppendem Trap und wummernden Bollerbeats – ist, dass der 1994 irgendwo in Sibirien geborene, erst im ostukrainischen Dnipropretowsk und schließlich in Berlin aufgewachsene Rapper noch eine andere, lyrische Seite hat als die, die er bei „Allein“ und seinem Durchbruchsalbum „Berlin lebt“ gezeigt hat.

Darauf rappt Bra, in Person seiner diversen Alter Egos wie Bratan oder Joker Bra („Du nennst mich Bra, doch ich habe tausend Namen“) und angereichert mit einigen muttersprachlichen Sprengseln, bevorzugt über „ziemlich viele Drogen“ und „ziemlich viel Gewalt“, über Frauen, die in der Regel als „Schlampen“ oder „Bitches“ bezeichnet werden („Bitches haben Cash im Kopf und Kokain im Tanga (ja) / Ich bin so'n richtig Kranker, ich misch' Codein mit Fanta“), und über den eigenen Erfolg, die Batzen Geld, mit denen von Gucci-Klamotten über Rolex-Uhren bis hin zu Maseratis alles mögliche gekauft und damit posiert werden kann.

Deutscher Gangster-Rap halt, mit den typischen, dem Gangster- und Hardcore- Rap US-amerikanischer Prägung entnommenen Issues, von einem jungen Typen, der in den Plattenbauvierteln von Hohenschönhausen groß geworden ist, laut Wikipedia „ins kleinkriminelle Milieu“ geriet, mehrere Jugendstrafen abbüßte und nach der neunten Klasse die Schule verließ. So weit, so öde, so missverständlich, gerade dort, wo Capital Bras Lyrics verinnerlicht werden. Denn viele Kids mögen dann doch nicht immer auch noch zwischen den Kunstfiguren von Capital Bra und dem Rapper selbst unterscheiden, zwischen Rollenprosa und authentischer Ich-Prosa.

In einigen der neuen Tracks immerhin gibt Bra sich nun nachdenklicher. Da werden zwar wieder reihenweise „Bitches, Luxus und Komfort“ gekauft, gibt der Mann an damit, „mehr Bitches als Follower“ zu haben. Aber in dem balladesken, von einer leider namenlos bleibenden Sängerin (die Bra im Nachbarstudio entdeckt hat) begleiteten „Gekämpft“ erzählt Bra auch ein paar Anekdoten aus seinem Leben. Wie das war, als seine Mutter ihn in die Schule schickte und er wieder nicht hinging, weil die „Dreckslehrer“ ihn so mies behandelten. Wie das Geld nie bis zum Monatsende reichte und er eben keine andere Wahl hatte als auf der Straße mit Drogen zu dealen, damit die Mama mal wieder ein bisschen Geld hat und wieder lachen kann, all das mündend in die abermals großkotzigen Zeilen: „Das Leben ist nicht Putzen oder Tische schleifen, auch nicht Bilder liken, nein, das Leben ist ’ne Bitch, sag mir wer soll dich darauf vorbereiten außer ich?“

Und in dem vor vier Tagen veröffentlichten Stück „Erklärt“ rappt Bra tatsächlich über ein paar schön schleifende Beats, dass alle Menschen Brüder und Schwestern seien, egal welche Herkunft sie haben und welcher Religion sie angehören („Scheiß auf deine Herkunft, deine Hautfarbe und dein Geschlecht“), egal ob sie mehr oder weniger Geld verdienen („Der Pulli hält mich warm, egal ob Gucci oder Primark (egal)“), um sich schlussendlich fast selbstkritisch zu fragen, ob er vielleicht doch nur einer von vielen ist oder doch der Beste?

Die Antwort bleibt aus. Sicher ist, dass er gerade der erfolgreichste seiner Zunft ist, und wie es scheint, muss er das tagtäglich mit immer wieder neuen Stücken beweisen. So viel Arbeitsethos muss dann sein.

Capital Bra tritt am Sa, den 1. Dezember, in der Columbiahalle auf.

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