Berliner Künstlerin auf Spurensuche : Was treibt Jugendliche in den Extremismus?

Die Berliner Künstlerin Henrike Naumann untersucht die Radikalisierung junger Menschen im Osten. Sie will Klischees überwinden. Eine Begegnung.

Claudia Wahjudi
Ästhetik als Spiegel. Naumanns Installation in der Galerie KOW zeigt ein fiktives Jugendzimmer im Osten mit Pressholzmöbeln und Druidenhorn.
Ästhetik als Spiegel. Naumanns Installation in der Galerie KOW zeigt ein fiktives Jugendzimmer im Osten mit Pressholzmöbeln und...Foto: Ladislav Zajac

Den Stuhl mit dem Leopardenplüsch auf der Sitzfläche hebt Henrike Naumann schwungvoll hoch, platziert ihn an einem fliederfarbenen Kunststofftisch und setzt sich vor eine grüne Vase, die aussieht wie eine geschälte Zucchini. Den Fernseher daneben ignoriert sie. Es läuft der Auftritt einer Tingeltangel-Combo, die zu Elektrobeats ein Pionierlied aus der DDR veralbert. Den einzigen Ruhepunkt in der postmodernen Farb- und Formhölle, die sie in der Berliner Galerie KOW aufgebaut hat, verkörpert Naumann selbst, mit dunklem Pagenschnitt, schwarzem Pulli, schwarzer Hose. „Die Besucher dürfen sich so unsicher fühlen, wie ich mich fühle“, sagt sie. „Es geht mir darum, Überzeugungen neu zu erarbeiten.“

Drei Zeithistoriker sollen sie dabei unterstützen. Am 30. März werden sie hier Themen erörtern, die auch für Naumanns Werk wichtig sind. Die Berliner Künstlerin, 1984 in Zwickau geboren, will wissen, an welchem Punkt sich junge Menschen in den Extremismus treiben lassen, sie beispielsweise mit der Terrorgruppe NSU sympathisieren. Marcus Böick von der Ruhr-Universität Bochum sowie Henrike Voigtländer und Anna Laschke vom Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung werden sprechen: über die Treuhandanstalt, über rechtsextreme Frauen in der DDR und über Alltagsgegenstände als Forschungsobjekte.

Die kleine Konferenz findet im Untergeschoss der Galerie statt. Naumann steigt die steile Betontreppe hinab, vorbei an einem Raum, der aussieht wie ein Wohnzimmer, das auf die linke Seite gekippt wurde: der Boden tapeziert, die Wand mit Teppich verkleidet. Pressholzmöbel aus den 1990er Jahren ragen waagerecht in den Raum. An der Treppe lehnt ein Baseballschläger. Sie übertreibe den Osten in der Hoffnung, ihn einmal abstreifen zu können, sagt Naumann. Unten dann schwarze und braune Schränke, CD-Regale, Sessel, Sofas. Ergänzt um Videos etwa von Jugendlichen auf Drogenpartys oder zum Hungerstreik der Arbeiter 1993 im Kalibergwerk Bischofferode, aber auch die Stimme von Deso Dogg, dem Kreuzberger Rapper, der sich in Syrien der IS-Miliz anschloss. Sie möchte den Osten gar „nicht erklären, sondern verkomplizieren“, sagt Naumann.

Für die Tagung will sie die Einrichtungsgegenstände einfach beiseiteschieben. Naumann studierte Bühnenbild und Szenografie. Ihre Möbel sind keine auratischen Readymades, sondern Gebrauchsgegenstände von Flohmärkten oder aus digitalen Kleinanzeigen, Module für ihre variablen Erlebnisräume. In der dreidimensionalen Umsetzung lasse sich besser über ihre Themen sprechen, sagt sie. Auf die Tagung freue sie sich. Die „differenzierten Blicke“ der Vortragenden trügen dazu bei, „schablonenhafte Bilder“, polarisierende Klischees zu überwinden. Zur DDR und zur Vereinigung ist sie immer wieder befragt worden, bei ihren Ausstellungen in Mönchengladbach, Frankfurt am Main, Graz, im südkoreanischen Busan. Doch ihr Spektrum ist breiter. Ihr Beitrag zum 3. Berliner Herbstsalon des Gorki-Theaters 2017 thematisierte die „Reichsbürger“, jene gesamtdeutsche Bewegung, die Demokratie und die vereinte Bundesrepublik ablehnt.

Die Zurückgelassenen radikalisierten sich

Naumanns Arrangement füllte im Kronprinzenpalais fast den ganzen Saal, in dem der Einigungsvertrag unterzeichnet wurde. „Da sind viele kleine Einzelteile, die ich erinnere ob ihrer Monstrosität“, weiß Gorki-Intendantin Shermin Langhoff noch. „Das Telefon mit dem Druidenhorn, der zersprungene Glastisch in den Umrissen Deutschlands, der Hocker aus Kuhfell, die Kerzen in Reichsfarben im Ikea-Regal. Vor allem aber das gesamte Arrangement, das ein ästhetisches Gefühl der 90er Jahre aufgriff, mit nationalen Symbolen anfüllte und einen Gesamteindruck des Wahnsinns der Reichsbürger an dem zentralen historischen Bezugspunkt dieser Bewegung herstellte.“

Gefragt, ob sie eine Antwort auf die Frage gefunden habe, wann sich junge Erwachsene radikalisieren, überlegt Naumann eine Weile. Vielleicht, sagt sie dann, habe der Punkt zumindest in Ostdeutschland in jener Zeit gelegen, als viele aus kleineren Städten fortzogen, um anderswo eine Ausbildung oder ein Studium, kurz: ihre Zukunft zu beginnen. Wie Naumann, die erst nach Dresden und dann nach Potsdam ging. Wer sich radikalisierte, habe meist zu den Zurückgelassenen gezählt.

Ihre nächsten Vorhaben führen sie zunächst wieder in die alten Bundesländer. Für eine Ausstellung in Hannover arbeitet sie sich in die Geschichte der Expo 2000 ein. „Ich versuche, den Westen zu verstehen“, sagt sie. Zuvor wird sie an Urbane Künste Ruhr teilnehmen, in Dortmund, deindustrialisiert wie seine Partnerstadt Zwickau und ebenso Wohnort vieler Neo-Nazis. Am Rathaus will Naumann ein Ladenlokal einrichten – nicht mehr nur in Museen und Galerien ausstellen, sondern auch Publikum von der Straße erreichen.

Kooperation mit den Kunstsammlungen Chemnitz

Und dann geht es nach Sachsen, nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder. Frédéric Bußmann, Generaldirektor der Kunstsammlungen Chemnitz, hat sie in eine Art „Community Center“ eingeladen, das sein Team in der Innenstadt einrichten will, in unmittelbarer Nachbarschaft des Karl-Marx-Monuments, des Versammlungsorts rechtsradikaler Demonstranten. Bußmann fielen Naumanns frühe Arbeiten zum NSU auf, er hat ihre Laufbahn verfolgt. Er hält sie „für eine der interessantesten jüngeren Künstlerinnen aus Deutschland“, die mit „Distanz und zugleich persönlichem Interesse ebenso kritisch wie unverkrampft“ auf die Zeit nach der Vereinigung und die damaligen Jugendkulturen schaue. Was sie in Chemnitz vorhat, will Henrike Naumann noch nicht sagen. Aber eins ist ihr wichtig: Ihre Ausstellung würde sie gern vor dem 1. September verwirklichen, vor der sächsischen Landtagswahl.

Bis 6. 4., Di–So 12–18 Uhr; Konferenz: Sa 30. 3., 14–20.30 Uhr, Galerie KOW, Brunnenstr. 9, Mitte

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar