Berliner Künstlerin Brigitte Waldach : Rotes Band, weiße Wand

Die Berliner Künstlerin Brigitte Waldach ist von Kopenhagen bis ins Allgäu präsent, demnächst erscheinen ihre Zeichnungen als Buch. Eine Begegnung.

Die Berliner Künstlerin Brigitte Waldach.
Die Berliner Künstlerin Brigitte Waldach.Foto: Bernd Borchardt

Mit etwas Glück erwischt man Brigitte Waldach in ihrem Atelier. Der Arbeitsdruck ist groß, aber die Erwartungen an die Berliner Künstlerin sind es auch. Vor wenigen Tagen hat sie in Kopenhagen gemeinsam mit Eva Schlegel die Ausstellung „Tatort“ eröffnet. Beide zeigen neue Werke, in deren Zentrum der norwegische Schriftsteller Jon Fosse steht. Waldach illustriert jedoch nicht, sondern lässt sich von Fosses existenziellen Gedanken zu eigenen zeichnerischen Reflexionen anregen.

Das Diptychon „Morning and Evening“ (2018) ist ein gutes Beispiel dafür. Eine Hütte schwebt im tiefgrauen Nichts zwischen funkelnden Sternen und Worten wie „silence“ oder „alone“. Das Haus symbolisiert Geburt und Tod, die Lichter am Himmel stehen für Verheißungen oder Versuchungen auf dem Lebensweg. Ein monumentales Werk, allein am Hintergrund saß die Künstlerin mit ihrem Assistenten tagelang: Er besteht aus unzähligen Schraffuren von Graphit und schimmert quecksilbrig. „Morning and Evening“ war bereits an einen Sammler aus Kalifornien verkauft, bevor die Galerie Bo Bjergaard es überhaupt aufhängen konnte.

Kalifornien, Dänemark, im April dann Köln – und natürlich sollen für die Kunstmesse Art Cologne ebenfalls neue Arbeiten entstehen. Brigitte Waldach arbeitet langsam, konstruiert ihre Motive wie mittelalterliche Architektur, durchdringt fremde Texte und verdichtet einzelne Begriffe oder Passagen zu handgeschriebenen, zeichenhaften Botschaften. All das braucht Zeit, und sobald etwas fertig ist, reist es schon wieder davon. Größere Ausstellungen mit Waldachs Werken machen momentan einen Bogen um die Hauptstadt. Schade, denn so kann man hier nur lückenhaft verfolgen, wie sich die Kunst der gebürtigen Berlinerin und ehemaligen Meisterschülerin von Georg Baselitz entwickelt.

Versöhnung von Alltag und Poesie

Es sei denn, die Galerie Bo Bjergaard organisiert wie 2013 eine Solopräsentation ihrer Künstlerin auf der Messe Art Berlin. Für „Brain Box“ war das Innere der Koje mit roten Gummibändern verspannt. Man bewegte sich durch eine räumliche Zeichnung, Thema war die RAF. Ohne Sensationsgier, sondern als Versuch, „den Weg von der Idee zur Ideologie“ nachzuvollziehen, wie Brigitte Waldach erklärt. Mithilfe eines Netzes aus Verweisen, das in einem unauflöslichen Knoten mündet.

Textwolken sind ein Äquivalent. Auch hier verdichtet sich so viel auf einer Fläche, das jede Entzifferung scheitern muss. Im Sommer 2017 schloss die Künstlerin eine umfangreiche Arbeit im Hauptgebäude der Sparkasse Allgäu ab. Kunst am Bau mit figurativen Szenen und Literatur, die sich über gläserne Trennwände und einen funktionellen Bau ergießt. Zitate von Friedrich Nietzsche, Ingeborg Bachmann oder Durs Grünbein, die zur Ablenkung verführen. Oder wenigstens die Frage stellen, wie sich Alltag und Poesie miteinander versöhnen lassen.

Natur, Gedichte, Minimalmusik

Aus solchen Experimenten erwächst die Kraft von Waldachs Kunst. Ihr Interesse an der Gegenwart paart sich mit Lust an der Ikonografie, ihre Figuren leben im Jetzt und sind doch mit der Vergangenheit verbunden. Natur, Gedichte, Minimalmusik, die Geschichte Gudrun Ensslins: ein Erbe, das in einem fortwirkt und das man im Werk von Brigitte Waldach förmlich sehen kann, denn sie zieht ihre roten oder schwarzen Fäden unermüdlich durch Zeit und Raum.

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Eine Idee davon bekommt man auch im Berliner Salon Dahlmann, wo der Sammler Timo Miettinen bis Ende März Werke aus seinem Besitz präsentiert. Dort hängt ein dreiteiliges „Panorama“ von Waldach. Für „Birds for Cage III – music (not composition)“ von 2017 führt der Weg in die private Kunsthalle des Sammlers Frank Hense, die vergangene Woche im münstlerländischen Gescher eröffnet hat. Oder man wartet auf ihr Skizzenbuch. Eine Publikation in Kleinauflage, die im Distanz Verlag erscheint. 90 Zeichnungen machen den Kosmos der Künstlerin anschaulich. Zusammengehalten werden Umschlag und Seiten von – ja, klar – einem roten Gummiband.

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