Berliner Philharmoniker : Panorama einer einmaligen Instrumentalisten-Gemeinschaft

Die Fotografin Monika Rittershaus hat die Berliner Philharmoniker für einen prächtigen Bildband auf ihren Reisen rund um die Welt begleitet.

Wo bitte geht’s hier zur Bühne? Tubist Alexander von Puttkamer 2011 in Peking.
Wo bitte geht’s hier zur Bühne? Tubist Alexander von Puttkamer 2011 in Peking.Foto: Monika Rittershaus

Genau ein Vierteljahrhundert ist es her, dass die Schweizer Kulturzeitschrift „Du“ aus den Berliner Philharmonikern eine Gruppe von Künstlerpersönlichkeiten gemacht hat. Indem sie das Spitzenorchester nicht, wie bis dato üblich, als Wimmelbild-Kollektiv zeigte, sondern jede Musikerin und jeden Musiker individuell würdigte, mit Bild und Kurzbiografie. Und auch Jim Raketes Fotodokumentation der 128 Mitglieder – ebenfalls in Einzelporträts und mit Hinweisen zum bisherigen Werdegang – liegt mittlerweile schon über sieben Jahre zurück.

Jetzt hat Monika Rittershaus ihren Blick auf Sir Simon Rattle und das Orchester veröffentlicht, in einem edel aufgemachten, schwergewichtigen Coffee-Table-Book. Die Fotografin hat allerdings einen anderen Weg eingeschlagen als ihre Vorgänger. Statt einen nach dem anderen ins Studio zu bitten, ist sie den Philharmonikern gefolgt, war mit ihnen seit 2006 immer wieder auf Tournee, in 47 verschiedenen Städten, von Abu Dhabi über Paris bis Sydney. Als stille Beobachterin ist sie den Musikerinnen und Musikern gefolgt, hat sie bei der Arbeit beobachtet, im Konzertsaal wie auch hinter der Bühne.

Viele ernste Gesichter sind da zu sehen, Momente von Sammlung und Konzentration. Aber auch die Erleichterung nach einem erfolgreichen Auftritt, das Strahlen, wenn der Applaus aufbrandet und Simon Rattle das Orchester zu umarmen scheint. Eine Struktur nach Orchestergruppen oder den alphabetischen Nachnamen gibt es nicht. Wer aber das ganze Buch durchschaut, dem erschließt sich ein ziemlich vollständiges Panorama dieser einmaligen Instrumentalistengemeinschaft. Das erweitert wird durch die Mini-Interviews von Lena Pelull mit 22 Orchestermitgliedern. Zwei, drei Antworten reichen aus, um interessante, teils sehr persönliche Details über das Leben als Klassikprofi zu erfahren.

Solo-Hornist Stefan Dohr macht klar, was für ein Druck jeden Abend aufs Neue zu bewältigen ist, was es bedeutet, Philharmoniker zu sein: „Die Erwartungen des Publikums mit denen der Kollegen und den eigenen Anforderungen so zu verschmelzen, dass sich daraus die optimale Motivation entwickelt.“ Cellistin Rachel Helleur erzählt, dass sie schon immer davon träumte, in der großen Gruppe zu musizieren. Als sie dann in Berlin aufgenommen wurde, „verstand ich meine Aufgabe zuallererst als Teamarbeit, wollte mich gerne integrieren. Aber in diesem Orchester galt das nicht unbedingt als Stärke. Man sagte mir, ich sei zu unauffällig.“

Mehrfach taucht Herbert von Karajan auf

Andererseits stößt auch der allzu Selbstbewusste hier schnell an Grenzen. Oboist Albrecht Mayer gibt zu, dass es ihm durchaus schwerfällt, sich zum Wohle des Gesamtklangs persönlich zurückzunehmen: „Wenn ich als Solist unterwegs war und vielleicht irgendwo gefeiert wurde, ist das nicht immer einfach. Aber es hat auch etwas Reinigendes.“

Mehrfach taucht Herbert von Karajan auf. Madeleine Carruzzo, die 1982 als erste Frau Philharmonikerin wurde, erzählt beispielsweise, dass der Maestro das Orchester stets mit „Meine Herren“ ansprach. Was sie aber nicht als Herabsetzung empfand: „Wahrgenommen hat er mich schon.“ Der langjährige Konzertmeister Daniel Stabrawa wiederum löst das Rätsel, wie es dem greisen Karajan gelingen konnte, das Orchester nahezu bewegungslos zu dirigieren. Weil er sich des Konzertmeisters als Vermittler bediente. Es war also Stabrawa, der Herbert von Karajans Visionen praktisch umsetzte, indem er „das Geschehen auf dem Podium“ lenkte.

Die Menschen stehen bei Monika Rittershaus eindeutig im Vordergrund. En passant aber rückt sie auch so manche spektakuläre Konzertsaal-Architektur ins Bild. In Osaka zum Beispiel, wo es dank charakteristischer Akustikschuppen so aussieht, als wüchsen die Stühle dem Podium nicht nur aus dem Parkett, sondern auch von der Decke und den Wänden entgegen. Oder in Los Angeles, wo die Orgel in der Disney Hall aus Treibholz zusammengezimmert scheint. In Tokio hängen die Lampen wie Leuchtquallen von der Decke, auf einer Doppelseite konkurrieren die beiden neuen Prestige-Kulturbauten von Paris und Hamburg darum, wer den kühneren Schwung der Ränge aufzuweisen hat.

Und vor der antiken Kulisse von Ephesus hat Monika Rittershaus den magischen Moment eingefangen, als Wenzel Fuchs mit seiner Klarinette den Sonnenuntergang musikalisch untermalt. Das großartigste Bild aber entstand im Festspielhaus von Baden-Baden: Aus der Vogelperspektive blickt die Fotografin auf den Backstage-Bereich, wo schier endlose Tische mit Geigenkästen übersät sind. Während sich einzelne Musiker noch einspielen, drängen andere bereits auf die Bühne. Die Anspannung vor dem ersten Ton springt dem Betrachter hier förmlich entgegen.

Monika Rittershaus: Moving music. Die Berliner Philharmoniker & Sir Simon Rattle. Alexander Verlag, Berlin, 2017. 263 Seiten, 200 Abbildungen, 29,95 €.

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