• Berliner Philharmoniker wählen neuen Chefdirigenten: Kirill Petrenko: Reif für die Weltkarriere

Von Triumph zu Triumph.

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Berliner Philharmoniker wählen neuen Chefdirigenten : Kirill Petrenko: Reif für die Weltkarriere

So ein Arbeitsethos kostet Kraft und Zeit. Darum wird er auch sein Engagement bei den Bayreuther Festspielen früher beenden als Fans und Intendanz auf dem Grünen Hügel sich das wünschen. In diesem Sommer will er bei Frank Castorfs „Ring des Nibelungen“-Inszenierung im Graben walten, 2016 wird Marek Janowski an seine Stelle treten. Damit Petrenko sich ganz auf seine Münchner Pflichten konzentrieren kann.

Dabei liegt Bayreuth ihm sehr am Herzen, so sehr, dass er sich vor zwei Wochen unerwartet deutlich aus der Deckung wagte. „Zutiefst irritiert“ zeigte er sich „in Bezug auf den würdelosen Umgang“ mit der Ko-Intendantin Eva Wagner-Pasquier, der ein „Hügelverbot“ auferlegt wurde, angeblich auf Betreiben des Dirigenten Christian Thielemann. Der gilt als wichtigster Wagner-Interpret seiner Generation und geriert sich in Bayreuth als Herrscher des Hügels. Ein aufgeschnappter Gesprächsfetzen des Dirigenten reicht offenbar aus, um die Gesellschafter in Panik zu versetzen. Nachdem er damit gedroht haben soll, die Premiere von „Tristan und Isolde“ platzen zu lassen, falls Eva Wagner-Pasquier während der Probenphase im Festspielhaus aufkreuze, ersann der Gesellschaftersprecher Georg von Waldenfels einen Beschluss, in dem stand, dass „eine Absenz von Eva Wagner-Pasquier im genannten Zeitraum notwendig“ sei. Allein, dass er seine Kollegen nicht im Stich lassen wolle, erklärte Petrenko, halte ihn davon ab, bereits in diesem Sommer seine Mitwirkung in Bayreuth aufzukündigen.

Als 23-Jähriger dirigiert er seine erste Oper

Just jenen Christian Thielemann hat Kirill Petrenko nun also bei den Philharmonikern aus dem Feld geschlagen. Beim ersten Wahlgang hatten seine philharmonischen Fans eine große Fraktion innerhalb des Orchesters mobilisiert. Doch für eine „deutliche Mehrheit“, wie sie die Statuten vorsehen, reichte es nicht.

So verschlossen wie heute war Kirill Petrenko allerdings nicht immer. 2002 zeigte sich der blutjunge Chefdirigent der Komischen Oper durchaus auskunftsfreudig und erzählte seine Lebensgeschichte: 1972 wird er in Omsk geboren, in Westsibirien. Seine Eltern sind beide Musiker, früh beginnt er mit dem Klavierspiel, tritt mit elf Jahren als Solist in seiner Heimatstadt auf. Nur wenig später beschließt er: Ich will doch lieber Dirigent werden!

Seine Eltern drängen ihn trotz der enormen Begabung nicht zur Virtuosen-Laufbahn, geben sogar die eigene sichere Existenz auf, um dem Sohn die optimale Ausbildung zu ermöglichen. Aus Omsk, wo die Musikerfamilie zur Intelligenzija-Elite gehört, gehen die Petrenkos 1990 erst nach Vorarlberg, 1993 dann nach Wien, um den Sohn in der Dirigentenschmiede des legendären Hans Swarowsky unterzubringen. Eine fremde Welt, eine neue Sprache, eine ungewohnte Mentalität – der Start in Österreich gestaltet sich schwierig. Doch die Familie hält zusammen.

Dann geht es alles ganz schnell: Als 23-Jähriger dirigiert Kirill seine erste Oper in der Provinz, zwei Jahre später leitet er „Don Giovanni“ im Schlosstheater Schönbrunn. 1998 steht er erstmals am Pult der Wiener Volksoper, ein Jahr später wird er Musikchef in Meiningen. Der russische Shootingstar erarbeitet sich im Eiltempo Repertoirekenntnisse und wagt es zu Ostern 2000 sogar, zusammen mit der Regisseurin Christine Mielitz den „Ring des Nibelungen“ unter Bayreuth-Bedingungen herauszubringen, also alle vier Premieren innerhalb einer Woche.

„Mein Beruf ist es, die Komponisten so gut wie möglich zu vertreten“, sagte der junge Maestro  mit dem Mecki-Haarschnitt und den verschmitzt blitzenden Augen 2002. Wenn er in den Proben manche Orchesterstellen unerbittlich wiederholen lässt, bis sie technisch perfekt sitzen, wenn er die Musiker bis an den Rand des Zumutbaren triezt, dann nicht aus übertriebenem Ehrgeiz, sondern immer nur mit Blick auf die Qualität der abendlichen Aufführung. „Strenge ist für mich der Gegenbegriff zu Pragmatismus. Wenn eine Passage schwer ist, kann ich sie langsamer nehmen, um dem Orchester entgegen zu kommen. Wenn ich aber aus interpretatorischen Gründen davon überzeugt bin, dass sie schnell gespielt werden muss, darf ich mich nicht mit Kompromissen zufrieden geben.“

Mit dieser Einstellung macht sich Kirill Petrenko überall Freunde. Als er 2007 die Komische Oper verlässt, ist er reif für die Weltkarriere – und schlägt erst einmal sämtliche Chef-Posten aus, die man ihm anbietet. Erst zum Herbst 2013 lässt er sich an die Bayerischen Staatsoper verpflichten.

 Die Philharmoniker stellen einen Blankoscheck aus

Den Berliner Philharmonikern genügten drei Begegnungen mit diesem Ausnahmekünstler, um in ihm den Maestro zu erkennen, mit dem sie in die Zukunft gehen wollen. Und dass, obwohl er bislang kein einziges Stück ihres Kernrepertoires mit ihnen erarbeitet hat. Weder Sinfonien von Beethoven noch von Brahms oder Bruckner, überhaupt nichts aus der deutschen Romantik zwischen Schumann und Strauss. Am Sonntag haben die Philharmoniker also einen künstlerischen Blankoscheck ausgestellt. Kirill Petrenko, da darf man sich sicher sein, garantiert, dass er gedeckt ist.

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