Berliner Singakademie : Von Klippe zu Klippe geworfen

Die Berliner Singakademie und ihr Leiter Achim Zimmermann sorgen mit dem Deutschen Requiem von Brahms gespannte Stille im Kammermusiksaal.

Die Berliner Singakademie mit ihrem Leiter Achim Zimmermann (vorne, 2.v.r.)
Die Berliner Singakademie mit ihrem Leiter Achim Zimmermann (vorne, 2.v.r.)Foto: promo

An der Konzentration des Publikums lässt sich ermessen, ob ein Konzert zu Herzen geht. Ein Brahms-Abend der Berliner Singakademie trifft auf diese ungewöhnlich gespannte Stille im Kammermusiksaal, die nicht nur dem letzten Wort „selig“ des Deutschen Requiems folgt, sondern über die Pausen zwischen allen Sätzen trägt. Das Programm verbindet zwei Kompositionen, die Licht und Dunkel thematisieren: das „Schicksalslied“ auf die Dichtung von Hölderlin und das Requiem nach Worten der Bibel.

„Wie Wasser von Klippe zu Klippe geworfen“, artikuliert der Chor mit Hölderlins Worten das Leiden der Menschen im Gegensatz zur Seligkeit der ewigen Götter: „Ihr wandelt droben im Licht“. Im Vorspiel zeichnet das Kammerorchester der Komischen Oper, klein besetzt mit zwei Kontrabässen, lyrisch-dunkle Harmonien. Der Dirigent Achim Zimmermann interpretiert das ruhelose Jagen des zweiten Teils mit leidenschaftlicher Härte. Glänzend dominiert den ganzen Abend die Pauke, während das Orchester sich zu eindringlicher Präsenz steigert.

Seit 1989 leitet Zimmermann die Berliner Singakademie, eine DDR-Gründung von 1963. Er hat sie zu einem Instrument von homogenem Vollklang geformt, ausgewogen in den Stimmen der rund 80 Sängerinnen und Sänger, durchhörbar nicht nur im plötzlichen Wechsel der Stärke, wo es um „Ehre und Kraft“ geht.

Obwohl er besonders die nachdenklichen Momente des Deutschen Requiems betont, lässt Zimmermann keine Gefühlsschwelgerei zu. Die Interpretation bezieht ihre Geschlossenheit daraus, dass die Dynamik zwischen Chor und Orchester so übereinstimmt, wie Brahms die beiden Klangkörper auch miteinander verbunden hat.

Das Erlebnis klingt nach

Die tiefen Streicher mit den melodieführenden Bratschen geleiten in den ersten Chor „Selig sind, die da Leid tragen“, und der Dirigent unterstreicht die Legato-Atmosphäre der Musik. Ebenso die dynamische Macht des Totentanzes. Die Fugen, die Brahms studierend den alten Meistern abgelauscht hat, sind nicht Pflichterfüllung, sondern Stimmungsträger: Komponiert ist die Gewissheit des Glaubens, dass die Seelen „in Gottes Hand“ ruhen.

Zwei Solisten fügen sich sensibel ein. Thomas Stimmel singt empfindsam mit sanftem Bariton „Siehe, ich sage euch ein Geheimnis“, während Yeree Suh mit den schönen Linien ihres Soprans den intermettierenden Chor überfliegt: „Ich will euch trösten“. So ein Diminuendo wie das „Wiedersehen“ ihrer feinen Stimme hört man selten. Fortissimo schallt der Ruf „Tod, wo ist dein Stachel?“ in diesem Werk, das leise endet. Ein Erlebnis, das nachklingt.

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