Berliner Volksbühne : Das Weiße vom Ei

West-Ost-Politklamotte: Stefan Pucher hat Ronald M. Schernikaus Großwerk „legende“ in der Volksbühne für die Bühne adaptiert.

Rübermachen. Sebastian Grünewald, Ueli Jäggi und Katharina Marie Schubert (v.l.) in Stefan Puchers Adaption von „legende“.
Rübermachen. Sebastian Grünewald, Ueli Jäggi und Katharina Marie Schubert (v.l.) in Stefan Puchers Adaption von „legende“.Foto: Thomas Aurin

Wer sich einen „DDR-Bürger“ nennt, „der einen Westberliner spielt, der einen DDR-Bürger spielt“, empfiehlt sich natürlich für höhere Aufgaben im Ost-West-Diskurs. Zumal im theatralen. Kein Wunder also, dass die Bühnenbranche mit dem Urheber dieses denkwürdigen Satzes – dem Autor Ronald M. Schernikau – gern Mauerfall-Jubiläen bestreitet. Das war schon beim letzten Mal so, zum 25. Jahrestag anno 2014.

Damals brachte der Regisseur Bastian Kraft am Deutschen Theater unter dem Titel „Die Schönheit von Ost-Berlin“ eine Collage nach Leben und Werk Schernikaus heraus und rückte damit nicht nur eine außergewöhnliche, sondern vielen gänzlich unbekannte Künstlerpersönlichkeit ins Rampenlicht. Eine, die in beiden Systemen wohnhaft, aber mutmaßlich in keinem zu Hause war und hier wie dort an Grenzen stieß, dabei aber offenbar ungebrochen optimistisch blieb.

Als Kind flüchtet er im Kofferraum nach Westen

1960 in Magdeburg geboren, flüchtet Schernikau als Sechsjähriger mit seiner Mutter im Kofferraum eines Autos über die ostdeutsche Grenze in die westdeutsche Provinz. Dort wird er zehn Jahre später Mitglied der DKP und feiert, noch als Gymnasiast, mit der schwulen Coming-out-Geschichte „Kleinstadtnovelle“ seinen ersten literarischen Erfolg.

Nach dem Abitur zieht er nach West-Berlin, tritt in die Sozialistische Einheitspartei (SEW) ein und schafft unter größten Zulassungsschwierigkeiten das Kunststück, 1986 – als ,Westler‘ – am Leipziger Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ immatrikuliert zu werden. 1989, kurz vor dem Mauerfall, lässt Schernikau sich in die DDR einbürgern und stirbt 1991, 31-jährig, an den Folgen von Aids.

[Wieder an diesem Freitag, am 20. Dezember, sowie am 12. und 25. Januar]

An der Berliner Volksbühne inszeniert Stefan Pucher jetzt das Opus magnum des Autors, „legende“. Der Verbrecher Verlag hat den rund 1000-seitigen Wälzer jüngst neu herausgebracht.

Und man muss leider sagen, dass die Biografie des Autors selbst um einiges interessanter, weil widersprüchlicher ist als der dreieinhalbstündige Abend, den Pucher und Dramaturg Malte Ubenauf aus „legende“ destilliert haben.

In der Volksbühne ist eine bestenfalls nette, aus heutiger Sicht allerdings denkbar unspektakuläre Ost-West-Typen-Klamotte zu sehen, in deren ersten Minuten ein symbolträchtiges Video-Spiegelei eingeblendet wird. Das Gelbe steht für „die Insel“ West-Berlin; das Weiße für „das Land“ DDR.

Geldsack flirtet mit dem Kommunismus

Auf der gelben Seite vom Ei schwingt Ueli Jäggi als Schokoladenfabrikant Anton Tattergreis, der später zum „sozialen Kanzler“ aufsteigen wird, lustig-demagogische Reden. Im weißen Teil vom Ei hat Robert Kuchenbuch als Erich-Honecker-Verschnitt „Herr Lange“ in einem Anzug, der – wie er erklärt – mitnichten „kackbraun“, sondern „mokkafarben“ ist, mindestens ökonomisch das Nachsehen. Als weiterer Handlungsträger spielt sich Janfilip Geldsack (Sebastian Grünewald), Tattergreis’ Sohn, mit einer ebenfalls wenig überraschenden Neigung ins Zentrum von Barbara Ehnes’ Bühne mit Kneipentischchen und Video: Er flirtet mit dem Kommunismus.

Schernikaus vergleichsweise wild auswuchernder Roman ist maximal großformatig gedacht und hat die Bibel im Blick. Für gesellschaftstheoretischen Überbau sorgt ein Göttertrupp. Der schwebt eingangs vom Schnürboden herab, rahmt die Bühnenhandlung und outet sich als denkwürdiges polit- und kulturgeschichtliches Quartett: die Schauspielerin Therese Giehse, der homosexuelle Schriftsteller Thomas Mann, die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof und der Politiker Max Reimann. Neues oder Überraschendes folgt allerdings auch daraus nicht.

Klar gibt’s amüsante Bonmots. Einen der größten Publikumslacher erntet Katharina Marie Schubert, die als Klassenkämpferin aus dem zahnmedizinischen Milieu einmal einen mobilen DKP-Wahlwerbestand über die Bühne schiebt. „Was will ich denn noch mal?“, fragt sie ratlos ins Publikum, um sich erleuchtet an die Stirn zu schlagen: „Ach ja, fünf Prozent!“

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Alles in allem bleibt der lange Abend aber seltsam hölzern, angestrengt und unglaublich retro in seiner west-östlichen Polit-Klamottigkeit.

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