Berlinische Galerie : Ein fabelhaftes Gemälde von Jeanne Mammen wiederentdeckt

Die Berlinische Galerie hat "Die Theaterloge" der Berliner Zeichnerin Jeanne Mammen erworben. Es wird Teil der Daueraustellung.

Galant oder übergriffig. Jeanne Mammens Aquarell „Die Theaterloge (Der Tenor)“ aus dem Jahr 1927.
Galant oder übergriffig. Jeanne Mammens Aquarell „Die Theaterloge (Der Tenor)“ aus dem Jahr 1927.Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Eine Spannung liegt über der Szene, die keineswegs so harmlos ist, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Ein Paar in einer Theaterloge, doch der Kontrast zwischen beiden fällt auf: Sie im Licht, er im Dunkel, die Frau als das fragile, erotische Geschöpf, der Mann als die sich aus dem Schatten heranschiebende, kompakte Gestalt. Vor knapp 100 Jahren schuf die Berliner Künstlerin Jeanne Mammen das Aquarell. Auch wenn es alle Klischees der zwanziger Jahre bedient – das Verruchte des nächtlichen Lebens, die selbstbewussten, flatterhaften jungen Damen mit Bubikopf und tief ausgeschnittenem Dekolletee –, so besitzt es doch eine bemerkenswerte Aktualität. Die Metoo-Debatte hat dafür nochmals den Blick geschärft. Übergriffigkeiten, bedrohliche Momente gibt es noch immer. Allzu viel hat sich daran nicht geändert.

Lüsternheit und Übergriffigkeit

Diese erstaunliche Überzeitlichkeit des schönen Blattes auf sich wirken zu lassen, dafür gibt es nun in Berlin demnächst Gelegenheit. Die Berlinische Galerie, die sich um den Nachlass der Künstlerin kümmert, konnte es erwerben und wird es in ihrer Dauerausstellung präsentieren – ein Glücksfall im Nachgang der großen Jeanne-Mammen-Retrospektive, die Anfang des Jahres zu Ende ging.

Berlin, das war Jeanne Mammens Revier. Hierher kehrte sie 1915 als 25-Jährige völlig mittellos, nachdem ihre Familie die neue Heimat Paris wieder verlassen musste, um im Ersten Weltkrieg nicht als Landesfeinde interniert zu werden. Hier setzte sie ihre künstlerische Karriere fort und wurde in den 20ern eine der angesehensten Zeichnerinnen, die pointiert das Treiben in den Cafés und Kaschemmen porträtierte. Kurt Tucholsky schwärmte für sie. Satireblätter und Lifestyle-Magazine druckten ihre scharfsichtigen Beobachtungen ab, ergänzt um kleine, von Redakteuren erfundene Dialoge der Dargestellten, so auch bei der 1927 entstandenen „Theaterloge“.

Donnerwetter, Gnädigste

In der August-Ausgabe wurde das Aquarell des „Simplicissimus“ um folgende Zeilen ergänzt: „Donnerwetter, Gnädigste, Ihr Gatte als Siegfried – das ist ein Mann!“ – „Als Gatte ist er leider nur ein Sänger.“ Damit bekommt die Darstellung nochmals eine andere Wendung. Wie Mammen das Verhältnis der beiden Theaterbesucher verstanden wissen wollte, ist nicht überliefert.

Darüber dürften sich bisher aber ganze Generationen von Musikschülern den Kopf zerbrochen haben. Das Blatt hing über Jahrzehnte im Haus eines Stuttgarter Soloflötisten, der bei sich unterrichtete. Der Sohn bot es nun der Berlinischen Galerie zum Kauf an, nachdem er durch eine Flötenschülerin des Vaters von der Retrospektive erfahren hatte. Für das Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur war diese Verbindung ein Glück, denn auf dem freien Markt, wo das Aquarell ein Mehrfaches erbracht hätte, kann es nicht mithalten. Ankäufe sind dem Ausstellungshaus per Statut nur im zeitgenössischen Bereich erlaubt. So sprang der Förderverein ein und sammelte die geforderten 20 000 Euro. Und auch eine Reproduktion des Bildes hat der Vorbesitzer wie gewünscht als Erinnerung erhalten.

Aus dem Atelier verkauft

Direktor Thomas Köhler ist somit zweifach entzückt: über den Neuzugang, ein hervorragendes Mammen-Blatt, und die mäzenatische Geste des Verkäufers, von der er hofft, dass sie unter Sammlern Schule macht. In Berlin war die „Theaterloge“ bislang nicht öffentlich zu sehen. Die Künstlerin hat es kurz nach ihrer Ausstellung zum 80. Geburtstag im Neuen Berliner Kunstverein dem Hamburger Galeristen Hans Brockstedt direkt aus dem Atelier verkauft. Von Hamburg wanderte es zur Galerie Valentien nach Stuttgart, wo es im Privatbesitz verschwand. Mit dem Verkauf an die Berlinische Galerie tritt es nun ans Licht der Öffentlichkeit. Frisch, selbstbewusst, kokett, wie die junge Dame im Bild. Ihre Geschichte dazu bleibt der Fantasie überlassen.

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