Gegen die Unverletzlichkeit des Körpers wird in beiden Fällen verstoßen

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Beschneidungs-Debatte : "Erlaubt ist, was nicht schadet"



Ich würde in dem Kontext eher von Integrität des Körpers als von der Unverletzlichkeit des Körpers sprechen. Ja, der Körper wird in beiden Fällen zweifelsfrei verletzt. Das heißt aber nicht zugleich, dass eine Integritätsverletzung vorliegt. Integrität bedeutet mehr, ihr Fokus liegt auf der Persönlichkeitsentwicklung. Für Jungen hat der Eingriff nicht die gleiche schicksalhafte Bedeutung.

Lässt sich mit dieser juristischen Argumentation die Debatte beenden?

Nein. Das Urteil des Landgerichts Köln hat gerade bewirkt, dass eine gesellschaftliche Diskussion in Gang gekommen ist, der sich jetzt auch die Vertreter der Religionen stellen müssen. Das bringt viele medizinische, psychologische und juristische Aspekte ans Licht, die Debatte wirkt aufklärend, religiöse Eltern können sich damit auseinandersetzen. Sicher würde ich mir wünschen, dass Religionen ohne körperliche Eingriffe an Kindern auskämen, doch der Weg dahin ist ein Prozess, kein einzelner Akt. Die gegenläufigen Positionen werden auch im Bundestag noch zu heftigen Debatten führen.

Wäre ein Beschneidungsverbot verfassungsrechtlich möglich?

Ich denke, ja. Der Gesetzgeber könnte auf Bundesebene zum selben Abwägungsergebnis kommen wie das Kölner Landgericht – und der körperlichen Unversehrtheit des Kindes den Vorrang vor dem Elternrecht einräumen. Im Streitfall würde das Verfassungsgericht diesen Eingriff in Religionsfreiheit und Elternrecht vermutlich als verhältnismäßig bestätigen. Das lässt sich nach der Kopftuch-Entscheidung 2003 und der Kruzifix-Entscheidung 1997 vermuten, in denen das Verfassungsgericht den Gesetzgeber zur Lösung der Konflikte aufgefordert hatte.

Video - Wir haben Berliner zum Beschneidungsurteil befragt:

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Umfrage zum Beschneidungsurteil
Umfrage zum Beschneidungsurteil

Wo steht das Land auf dem Weg zu mehr Kinderrechten?

Wir beobachten eine starke Aufwertung sowohl des Selbstbestimmungsrechts der Kinder als auch des Schutzes ihrer körperlichen Integrität. Bestes Beispiel sind die geschlechtsangleichenden Operationen sogenannter intersexueller Kinder, die bei der Geburt beide Geschlechtsmerkmale vorweisen. Seit den 1970er Jahren wurden sie oft ohne jegliche medizinische Indikation umoperiert.

Was waren die Probleme dieser Kinder?

Häufig wurden die Kinder nicht über den Umfang der Operationen aufgeklärt. Sie verstanden nicht, was mit ihnen geschah, bei unzähligen Arztbesuchen und traumatischen Operationen. Viele begingen später Selbstmord ...

... weil sie in eine Identität gezwungen wurden?

Erst in jüngster Zeit ist hier größere Sensibilität entwickelt worden. Eltern glaubten, dass man ohne eindeutige Zuordnung – männlich oder weiblich – kein richtiger Mensch werden könne. Heute wissen wir es etwas besser. Dazu gab es am selben Landgericht Köln 2009 ein wichtiges Urteil: Einer Intersexuellen wurden 100 000 Euro Schmerzensgeld gegen einen Arzt zugesprochen, der ungefragt anlässlich einer Blinddarmoperation Geschlechtsorgane entfernt hatte.

Wie wird die Debatte jetzt weitergehen?

Wahrscheinlich entwickelt sich in den kommenden Jahren ein neuer gesellschaftlicher Blick auf diese Fragen, und vermutlich wird es mehr Ersatzrituale und weniger Kindesbeschneidungen geben. Im Augenblick ist die Frage aber affektiv stark besetzt, der Prozess der Aufklärung fängt erst an.

– Das Gespräch führte Caroline Fetscher.

Susann Bräcklein arbeitete von 2006 bis 2009 am Bundesverfassungsgericht. Bis 2002 war sie bei der SPD für Rechtspolitik zuständig. Zur Zeit berät sie das georgische Verfassungsgericht.

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