Besuch von Heiko Maas in Auschwitz : Warum Auschwitz keine Schöpfung war

Auschwitz war "die Hölle auf Erden – sie war eine deutsche Schöpfung", schrieb Außenminister Maas in das Gedenkbuch des früheren KZ. Doch religiöse Begrifflichkeit sakralisiert das Verbrechen. Eine Kolumne.

Außenminister Heiko Maas (SPD) am Montag in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau.
Außenminister Heiko Maas (SPD) am Montag in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau.Foto: Reuters

Die Warnungen davor, über Auschwitz in einer Sprache zu reden, die mit dem Anspruch daherkommt, das Grauen beschreiben zu können, sind so alt wie das Verbrechen selbst. Legendär ist das Diktum von Theodor W. Adorno, 1949 geschrieben, 1951 veröffentlicht, demnach es barbarisch sei, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben. Adorno hat diesen Satz später modifiziert, präzisiert, vielleicht revidiert, da sind sich die Exegeten nicht ganz einig. Dass aber jeder Versuch, sich Auschwitz künstlerisch zu nähern, die Gefahr einer ästhetischen Stilisierung in sich birgt, einer „Sinngebung des Sinnlosen“ (Theodor Lessing), sollte seitdem evident sein.

Lange vor Adorno, im Oktober 1933, erschien die 888. Ausgabe der von Karl Kraus herausgegebenen Zeitschrift „Die Fackel“. Sie erschien in diesem Jahr, dem der nationalsozialistischen Machtübernahme, nur ein einziges Mal und enthielt nur ein einziges Gedicht. Es heißt: „Man frage nicht“. Dessen Schlusszeile lautet: „Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte.“ Gemeint ist damit nicht das Wort an sich, sondern die Annahme, über eine Sprache zu verfügen, die der neuen Zeit noch adäquat sei. „Und Stille gibt es, da die Erde krachte. Kein Wort, das traf; man spricht nur aus dem Schlaf.“

Der Eintrag von Bundesaußenminister Heiko Maas im Gedenkbuch des ehemaligen deutschen Konzentrationslagers Auschwitz.
Der Eintrag von Bundesaußenminister Heiko Maas im Gedenkbuch des ehemaligen deutschen Konzentrationslagers Auschwitz.Foto: dpa/ Michael Kappeler

Gewarnt worden war folglich auch Heiko Maas, der am Montag als erster deutscher Außenminister seit 26 Jahren das größte Vernichtungslager der Nationalsozialisten besuchte. Wegen Auschwitz sei er in die Politik gegangen, sagt Maas oft. In das Gedenkbuch schrieb er: „Die Hölle auf Erden – sie war eine deutsche Schöpfung namens Auschwitz.“ Man darf davon ausgehen, dass ihm dieser Satz nicht spontan eingefallen ist, sondern – der Bedeutung des Besuches angemessen – wohl überlegt war, bevor er hingeschrieben wurde.

Wer mit religiöser Begrifflichkeit auflädt, sakralisiert das Verbrechen

Auschwitz, eine Schöpfung? Die Deutschen als Schöpfer? Nein, nein und nochmals nein. Auschwitz war keine Schöpfung, und die Deutschen waren keine Schöpfer. Die Schöpfung ist die (von Gott) erschaffene Welt, ein von Menschen erschaffenes Kunstwerk, das Oratorium von Joseph Haydn. Wer Auschwitz mit religiöser Begrifflichkeit auflädt, sakralisiert das Verbrechen.

Der Begriff „Schöpfung“ lässt sich aus seinem biblischen Kontext kaum lösen. Die Schöpfung gilt es zu bewahren, es gibt, theologisch gesprochen, eine Schöpfungskraft, eine Schöpfungsmacht und einen Schöpfungsplan. Schöpfung wird erschaffen, nicht geschaffen. Sie beschreibt keinen technisch-naturwissenschaftlichen Vorgang, sondern in ihr offenbart sich Gläubigen die Herrlichkeit Gottes.
Wer nun die Deutschen von einst sprachlich zu Schöpfern macht und mit Schöpfungskraft ausstattet – freilich ins Negative gedreht, da sie eine Hölle auf Erden erschufen –, erklärt sie zu bösen Göttern, zu Teufeln. Er entmenschlicht das Verbrechen und die Verbrecher. Er entrückt das Ereignis ins Mysteriöse.

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