Kultur : Beten in fremden Betten

Istanbul bei Nacht: „Ariza“ eröffnet das Festival „Beyond Belonging“ im Berliner Hebbel am Ufer

Sandra Luzina

Bettgeschichten, märchenhaft, kitschig und komisch-überdreht. Emre Koyuncuoglus Inszenierung „Ariza/Deplatziert“, mit dem die zweite Ausgabe des Festivals „Beyond Belonging“ im HAU 2 eröffnet wurde, spielt sich überwiegend in der Horizontalen ab. Schauplatz ist ein massives Doppelbett – mit einer „orthopädischen“ Matratze, wie zum Beispiel der abgeschleppte Friseur leidvoll erfahren muss.

Das Bett ist Ort der Intimität – und bevorzugtes Schlachtfeld. Jedenfalls herrscht in dieser Privatzone eine gesteigerte Aktivität. Die junge Regisseurin und Choreografin aus Istanbul hat die locker verbundene Szenencollage mit Schauspielern und Tänzern erarbeitet, neben Profis wirken auch einige Laien mit. Anfangs sieht man eine schöne Schläferin sich unruhig in ihren Laken wälzen. Eine zweite schlüpft unter die Bettdecke, und schon wird aus der Traumszene eine ausgelassene Kissenschlacht zweier kreischender Girlies. Es wird reichlich Matratzengymnastik zu aufgeräumter Popmusik dargeboten: Die Jungen feiern Party bis in die Puppen und erfreuen sich an weich abgefederten Hip-Hop-Moves.

Wie man sich bettet – das spricht natürlich Bände. Das Paarstadium liest die Choreografin am nächtlichen Stellungswechsel ab. Die Körper der frisch Verliebten finden sich wie im Schlaf, schon bald tun sich Gräben auf. Sie klammert, er will sie abschütteln. Sie ist unbefriedigt, er will seine Ruhe. Das mündet in zugespitzten Variationen zum Thema: der Feind in meinem Bett. Dem Friseur, der leider ziemlich aus der Form ist, erscheint eine Bodybuilderin im gewagten Spiderwoman-Trikot. Als der Mann sie herausfordert, beginnt ein Albtraum. Das Superweib besiegt ihn nicht nur mühelos beim Armdrücken, sondern demonstriert an ihm gleich auch noch die bewährte Beinzangen-Folter. Das Bettgeflüster der Schauspieler umkreist manche Peinlichkeit und Verlegenheit, driftet aber rasch in die Geschwätzigkeit ab. Haarsträubend komisch wird die Szene, wenn die Schöne und der Fiesling mit schmalzigen Türk-Pop einen Schlussstrich unter ihre missglückte Affaire ziehen: In Istanbul, der Stadt der käuflichen Herzen, habe ich an ein Liebesmärchen geglaubt, lautet das Fazit.

Emre Koyuncuoglu wirft einen abgeklärten Blick auf das Paarungsverhalten junger Großstädter. Die wilden Mädchen, die durch die Federn toben, die ihren Spaß haben wollen und die penetrant ihre Stärke zur Schau stellen müssen – sie sind natürlich ein auffälliges Statement. Zum versöhnlichen Schluss darf dann sogar gekuschelt werden. Die Erzählerin, eine moderne Scheherazade, vermischt kühn die Motive aus Tausendundeiner Nacht mit den Märchen der Gebrüder Grimm. Und so legen sich am Ende alle elf Darsteller zusammen ins Bett und lauschen dieser ost-westlichen Gutenachtgeschichte.

Bevor Ruhe einkehrte, wurde selbstverständlich gebetet. Und da auch die „Beyond Belonging“-Kuratorin Shermin Langhoff sowie HAU-Chef Matthias Lilienthal in die Gebete an Allah eingeschlossen wurden, kann eigentlich nichts mehr schiefgehen bei diesem Festival.

Die erste Ausgabe von „Beyond Belonging“ sorgte vor einem Jahr für jede Menge Zündstoff. Die Kinder und Enkel der Migranten drängten hier auf die Bühne. Es waren andere Geschichten vom Leben in Deutschland, die geschildert wurden, oft vom Rande der Gesellschaft. Direkt und drastisch wurde das Denken und Fühlen dieser jungen Deutschen protokolliert. Für Aufsehen sorgten vor allem die „Schwarzen Jungfrauen“ – dem Kreuzberger Filmemacher Neco Celik gelang mit seiner ersten Theater-Inszenierung der Durchbruch. In dem Stück von Feridun Zaimoglu, das auf Interviews mit radikalen Neomusliminnen basiert, wird ungeschützt und politisch völlig unkorrekt über so heiße Themen wie Sex und Islam gesprochen. Die „Schwarzen Jungfrauen“ stehen nun wieder auf dem Spielplan.

Und Zaimoglu/Celik wagen sich an ein neues Projekt: Shakespeares „Romeo und Julia“ interpretieren sie als rotziges Culture-Clash-Drama, Premiere ist am 8. März. Hier stehen sich deutsche Capulets und türkische Montagues gegenüber. Gegenbilder entwerfen, die vorherrschenden Debatten über Kopftuch, Ehrenmorde und Zwangsverheiratung durchkreuzen – das ist das Ziel des Festivals (bis 25. März im HAU), das diesmal unter dem Motto „Autoput Avrupa. Von Istanbul bis Berlin“ einen weiten politischen Denkraum öffnet. Angela Melitopoulos folgte in ihrem Videoprojekt „Corridor X“ der historischen Transitroute, die Deutschland mit der Türkei verbindet. Sie sammelte Bilder und Erzählungen entlang der Route – und klärt auf über neue Grenzen, neue Ökonomien und neue Migrationen.

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