Kultur : Big Business und German Mafia

Im Frühjahr konkurrieren in New York acht Messen und hunderte Galerien – darunter immer mehr deutsche Händler

Nicola Kuhn

Raucher haben es schwer in Amerika. Nirgends werden sie geduldet, selbst im Winter müssen sie mit ihrer Zigarette frierend draußen vor der Türe stehen. Auf der Armory Show in New York am windigen Ufer des Hudson River kommt es noch schlimmer: Hier treffen sich die rauchenden Messebesucher auf dem Parkplatz von Pier 84, neben ihnen ein Haufen von Erbrochenem – allerdings ausgewiesen als Kunstobjekt durch ein Namensschildchen. Wenn das nicht zum Abgewöhnen ist.

Mit dieser kleinen „Bodeninstallation“ erschöpft sich auch schon das Provokationspotenzial der New Yorker Kunstmesse. Ein Abfallbeutel aus schwarzem Marmor, goldene Totenschädel oder ein Gemälde mit der Aufschrift „Enough Already“ – mehr Paroli bieten die Künstler nicht auf diesem fröhliche Urständ feiernden Handelsplatz. Natürlich sind auch diese Werke käuflich. Bedauern muss man den Mangel an Oppositionsgeist nicht, schließlich profitieren an erster Stelle die Künstler von der ungebrochenen Markteuphorie. So waren es stattdessen die kritischen Beobachter etwa von der New York Times, die sich nostalgisch der Anfänge der Armory Show vor zehn Jahren erinnerten. Damals begann die Messe eher als eine Spaßveranstaltung in einem downtown-Hotel, in dem die Gemälde einfach auf Kissen lagen und Zeichnungen an die Wand geheftet wurden. Wenn auch noch etwas verkauft wurde, umso besser.

Nein, diese Zeit ist lang vorüber, denn die Armory Show präsentiert sich mit ihren 150 Ausstellern (allein elf kommen aus Berlin) als eine Veranstaltung von Rang, zu deren Eröffnung nur geladen wird, der auch seine bis zu 2000 Dollar für ein Charity-Billett bezahlt. Das Geld, insgesamt 600 000 Dollar, kommt dem Museum of Modern Art für Neuerwerbungen zugute. Und die werden wiederum auf der Messe eingekauft. Mag sein, dass sich wegen dieser kleinen Hürde die Kauflust am Vernissagentag noch in Grenzen hielt. Die ältere, wohlhabendere Schwester der Armory Show, die Messe der Art Dealers of America, lockte an der Upper East Side mit ihren Klassikern der Moderne, mit Großkalibern wie Jeff Wall und Anish Kapoor, sogleich die Milliardäre. Dort zogen die Kunstshopper schnell ihre Schecks.

Doch damit sind die Messen und Möglichkeiten, Kunst zu erwerben in New York , zum Saisonstart noch längst nicht erschöpft. Neben Armory Show und dem Parcours der Art Dealers kämpfen noch sechs weitere Messen um die Gunst des Publikums. Da gibt es die „Pulse“, die schon auf der Art Miami ihren Auftritt als Satellitenmesse hatte. Sie residiert in den noch heute der Armee gehörenden Depothallen, wo 1913 die erste Armory Show zu sehen war und Marcel Duchamp mit seinem „Akt eine Treppe herabkommend“ die Kunstwelt schockte. In New York gilt sie mit ihren 63 Teilnehmern aus 15 Ländern als Indie-Messe. Doch befinden sich auch Berliner Galerien wie Volker Diehl oder Magnusmüller darunter, die nach hiesigen Kriterien kaum zur Offszene zählen.

Die „Red Dot Fair“ wiederum knüpft bei den Anfängen der in den Neunzigern wiederbegründeten Armory Show an: Die 49 Galerien zeigen ihre Werke erneut in einem kleinen Hotel, wo wie damals die Werke einfach an den Wänden lehnen oder im Badezimmer zu suchen sind. Hinzu kommen Hunderte Galerievernissagen, die Eröffnungen der großen Museen sowie zwanzig Sammler, die ihre Privaträume öffnen und ihre Kollektionen vorführen, und all die Partys sowie die offiziellen Talks. Der von Termin zu Termin eilende Tross aus Künstlern, Kritikern und Kuratoren, aus Sammlern und anderen Suchenden kann dieses Programm kaum absolvieren.

In diesen letzten Februartagen lässt die New Yorker Kunstszene ihre Muskeln spielen und zeigt sich bestens aufgelegt. Die zahllose Vermehrung der Messen – erst wenige Wochen zuvor fand die Art Miami Basel statt, in Kürze folgt die Gulf Art Fair in Dubai – hat dem Handelsplatz New York nicht geschadet. Im Gegenteil. Noch immer gehört die Stadt zu den attraktivsten Standorten für Galeristen. Wer sich hier durchsetzt, hat es geschafft. New York gilt als die Stadt mit dem härtesten Kunstbusiness. Umso schärfer beäugt sich gegenseitig die Konkurrenz. Wenn in den letzten Jahren neben der Verlagerung der Galeriendestrikte von Soho nach Chelsea und peu à peu weiter Richtung Williamsburg in Brooklyn ein Trend zu beobachten war, dann der des verstärkten Zuzugs deutscher Galeristen. Mancher spricht schon von einer Vormachtstellung dieser Gruppe, gar einer „German Mafia“. Doch davon wollen die Betreffenden nichts wissen und verweisen gern auf all die anderen Händler und Großpotentaten mit Stammsitz in New York.

Für eine Verschiebung der Gewichte spricht allerdings die starke Position eines David Zwirner, der neben Gagosian, Goodman & Co. zu den Top Five gehört und erst in diesem Sommer seine Galerie auf der 19th Street im Art Gallery Destrict in Chelsea auf knapp 3000 Quadratmeter vergrößerte. Gegenwärtig zeigt er neben einer museumsreifen Ausstellung von Francis Alys und Riesenzeichnungen von Toba Khedoori eine Schau von Isa Genzken, die im Sommer den deutschen Pavillon auf der Biennale gestalten wird.

Der Eindruck einer deutschen Dominanz mag auch daher rühren, dass genau gegenüber von Zwirners meterlanger Galeriefassade das Duo Tanja Grunert und Klemens Gasser sowie der jüngste Neuzugang aus Germany, der 29-jährige André Schlechtriem, ihre Adresse haben. Sie residieren in einem der letzten Fabrikgebäude zwischen einem neuen gläsernen Bürokomplex von Frank Gehry und einem gerade entstehenden Hochhaus für Luxusapartments. Grunert und Gasser wechselten Ende der neunziger Jahre aus Köln herüber. Sie zeigen eine Installation von Valie Export – an die Wand projizierte Folterbilder, in der Raummitte Stelen mit bronzenen Masken, deren Gesichter fehlen. Damit zeigt das Duo Gespür für das Gebot der Stunde, in der Abu Ghraib erneut in die Diskussion geraten ist und das „Nein“ der deutschen Regierung zum Irakkrieg noch einmal schwerer wiegt.

André Schlechtriem trumpft mit Gemälden des neuen Sammler-Darlings Ena Swansea auf, die noch bis vor kurzem bei Gasser & Grunert unter Vertrag stand. So kann es gehen, wenn ein Neuer kommt. Der ebenfalls aus Köln stammende Nachwuchsgalerist gilt hier als Goldjunge, seitdem er als Praktikant auf der Art Miami vom Stand weg zum Chefeinkäufer der Judith Rothschild Foundation engagiert wurde. Die von ihm mit zusammengestellte Kollektion aus 2600 Zeichnungen ging dann ans Museum of Modern Art. Den Start vor genau einem Jahr legte er allerdings ohne finanzielle Abfederung von der Foundation hin. Ein Neuzugang wie Schlechtriem muss auf dem Markt New Yorks hart kämpfen; in dem glamourösen Business der Kunst wirkt allerdings der Ruf, ein Goldjunge zu sein, auf Käufer anziehend.

Ein ähnlich sprechender Titel wurde auch dem Münchner Leo König anfangs verpasst. Plötzlich hieß er „König von Manhattan“, denn innerhalb kürzester Zeit hatte sich der Mittzwanziger eine erfolgreiche Galerie aufgebaut – zunächst in einer Garage im billigeren Williamsburg, dann downtown in Tribeca; heute residiert er ebenfalls im feinen Chelsea. Damals war der Sohn des Kölner Museumsdirektors Kasper König und einer Münchner Kunstbuchhändlerin, der sogleich das „ö“ in seinem Namen ins amerikanische „oe“ gewandelt hatte, „talk of the town“. Heute gehört er wie Daniel Kern, Friedrich Petzel, Carolina Nitsch zum festen Bestand an New Yorker Galeristen. Der Ruf der erfolgreichen deutschen Galeristen mag zwar als Starthilfe nützen, aber er will mit jeder Saison neu hart erarbeitet sein.

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