Bosnische Filme im Berlinale Forum : In der Ferne donnern Geschütze

Zwei bosnische Spielfilme im Forum: „Drvo – The Tree“ von André Gil Mata „The Chaotic Life of Nada Kadik“ der mexikanischen Regisseurin Marta Hernaiz.

Toll fotografiert. André Gil Matas „Drvo – The Tree“ erinnert an Béla Tarr.
Toll fotografiert. André Gil Matas „Drvo – The Tree“ erinnert an Béla Tarr.Foto: Berlinale

Béla Tarr war einst Stammgast im Forum. Seinen letzten Spielfilm „Das Turiner Pferd“ zeigte der ungarische Regisseur 2011 im Wettbewerb und gewann den Großen Preis der Jury. Wer seine langsamen, stillen und bildmächtigen Filme vermisst, kann sich in diesem Jahr mit dem Forumsfilm „Drvo – The Tree“ von André Gil Mata trösten. Der 1978 geborene portugiesische Regisseur hat an der Filmakademie von Sarajevo studiert, wo Tarr bis Ende 2016 viereinhalb Jahre lang als Lehrer tätig war.

Schon die Eröffnungssequenz von Matas zweitem Langspielfilm wirkt wie eine Verbeugung vor dem Meister: Durch ein Fenster ist eine verschneite nächtliche Bergsiedlung zu sehen. In einem rund siebenminütigen Zoom-Out kommen allmählich ein Junge (Filip Zivanovik) am Fensterbrett, ein Raum mit Tisch, Bett und Herd sowie die Mutter des Kindes in den Blick. Ab und zu ist Geschützdonner zu hören, eine Uhr tickt. Anschließend wandert die Kamera in den Nebenraum, wo ein alter Mann (Petar Fradelik) und sein Hund im Bett liegen. Später begreift man, dass es derselbe Raum ist und dieselbe Person – nur der Krieg ist ein anderer.

Dieses fast vollständig bei Nacht gedrehte, mit sehr langen, ruhigen Einstellungen arbeitende Werk hat ein reduziertes Farbspektrum, wirkt mitunter fast wie ein Schwarz-Weiß-Film. Damit und auch mit seinem fast hypnotischen Rhythmus weckt „Drvo“ weitere Tarr- Assoziationen, ohne epigonal zu wirken. In der ersten Hälfte verfolgt die Kamera den Alten dabei, wie er mit sechs leeren an einem Stock befestigten Flaschen zu einem Fluss stapft. In einem Holzboot paddelt er ihn hinab. Am Ufer ist einmal ein verdörrter Baum zu sehen, daneben ein Feuer, jemand rennt weg. Es ist der Junge, dem die zweite Filmhälfte gewidmet ist.

Vieles ist vorhersehbar

Darauf, dass der Ort der Handlung wohl Bosnien ist, deuten nur die bergige Landschaft und der leider zu lange Dialog gegen Ende hin. Ganz eindeutig in dem kleinen Balkanstaat verortet ist hingegen „The Chaotic Life of Nada Kadik“ der mexikanischen Regisseurin Marta Hernaiz, die ebenfalls in Sarajevo studiert und dort ihren Debütspielfilm angesiedelt hat. Im Zentrum steht die allein erziehende Mutter Nada (Aida Hadžibegovik), bei deren etwa dreijähriger Tochter Hava (Hava Ðombik) der Verdacht auf Autismus besteht. Nada machen die Bürokratie und unflexible Kita-Öffnungszeiten zu schaffen. Ständig kommt sie zu spät oder etwas geht schief. Ihre Liebhaber sind genauso wenig eine Hilfe wie ihre beste Freundin.

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Chaotisch ist eigentlich wenig an diesem Leben, es ist hart – wie das vieler Menschen in Bosnien und Herzegowina. Hernaiz gelingt es nicht, einen in irgendeiner Weise fesselnden Blick auf diesen Alltag zu werfen. Vieles ist zudem vorhersehbar. Ihre mit einer zunächst nervösen, später ruhigeren Kamera gedrehten Bilder dominiert Trostlosigkeit. Wobei sie aus dem nass-kalten Grau immer wieder rote Akzente herausstechen lässt. Die Farbe soll wohl für das Durchhaltevermögen der rothaarigen Protagonistin stehen. Ihr Vorname bedeutet schließlich Hoffnung.

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