Bosse in der Columbiahalle : Bitte setzt euch

Freudvoller Deutschpop: Der Hamburger Sänger Bosse tritt in der Berliner Columbiahalle auf –  und gibt den Bono von der Elbe.

Der Hamburger Deutschpopsänger Bosse.
Der Hamburger Deutschpopsänger Bosse.Foto: imago images / Hartenfelser

Der erste Song des Abends heißt „Wanderer“, und das passt total gut. Axel Bosse rennt ja immer so viel. Ehrlich, der Kerl ist live ein Stechschrittmann. Während die Band den Opener spielt, es ist gefälliger, leicht Richtung Neue Deutsche Welle schielender Deutschrock, von zwei Gitarren schön angeschrammelt, ist Bosse immer woanders als gerade eben noch. Linke Bühnenseite, zack rüber. Dann mal nach vorne, später hoch zum Schlagzeug. Rechte Bühnenseite, zurück nach links, und so weiter.

Hätte er am ersten von zwei Abenden in der Berliner Columbiahalle – der erste ist das Zusatzkonzert und gut gefüllt, der zweite sogar ausverkauft – eine dieser Apps für Sportler mitlaufen lassen, die Bewegung erfassen, wären da sicher einige Kilometer zusammengekommen. Aber wenn es drauf ankommt, ist er eben auch in sich gekehrt. Dann setzt er sich ins Publikum, singt da im gedämpften Blaulicht seine „Kraniche“. Das Publikum sitzt auch, er hat es extra darum gebeten.

Keine effektvoll ausgedachten Emotionen. Bosse schreibt alles selbst.

Man ist manchmal geneigt, Bosse in einen Topf zu werfen mit diesen zahlreichen Gestalten, die das Formatradio mit notdürftig als Pop getarnten Schlagerstückchen verstopfen. Es gibt aber, und das kann man nicht oft genug betonen, einen fundamentalen Unterschied zwischen dem gebürtigen Braunschweiger und all jenen Gesellen, die Jan Böhmermann vor auch schon wieder zwei Jahren in seinem Track „Menschen Leben Tanzen Welt“ so wunderbar persifliert hat. Bei Bosse, mittlerweile Hamburger, sind die Emotionen nicht in Songwriter-Workshops mühe- und effektvoll zusammengekleistertes und auf den großen Refrain hingebürstetes Schmiermaterial. Er schreibt, zumindest größtenteils, die Texte zu seinen Stücken selbst. Und auch wenn sie nicht frei von Allgemeinplätzen sind, auch wenn die Bilder, die er in seinen Texten malt, manchmal sehr bunt wirken, gehen sie nicht immer den leichtesten Weg, sondern erlauben sich auch mal Schlenker. Seit 15 Jahren ist er mittlerweile im Geschäft, in dieser Zeit hat er sich so eine solide Fanbase erspielt. Sieben Alben erschienen in dieser Zeit, die letzten beiden, „Engtanz“ (2016) und das im Herbst erschienene „Alles ist jetzt“, erreichten jeweils die Spitzenposition der deutschen Albumcharts. Bosse ist einer der größten Popstars der Republik.

Das Konzert basiert in erster Linie auf den Songs dieser beiden Platten, blickt aber auch zurück. In „3 Millionen“ etwa erzählt er von seinen ersten Jahren in Berlin. „Ein Billy-Regal, Asia-Nudeln für einen Euro oder Döner. Und dazu meistens 0,8 bis zwei Promille“, so sagt er vor dem Song, hätten sein Leben damals geprägt. Und gegen Ende gibt’s natürlich „Frankfurt/Oder“, den größten Hit.

Interessant – und jeweils ein Unterschied zu oben genannten Egal-Radiopoppern – ist dabei zweierlei: Zunächst einmal gibt sich Bosse alle Mühe, die Songs live weg von ihren Studiovarianten zu schieben. Sechs, manchmal sieben Musiker stehen mit ihm auf der Bühne, neben dem klassischen Rock-Instrumentarium hören wir Cello, Trompete, im Zugabenblock sogar ein Akkordeon. Die Töne dürfen aus dem Pop rauskippen. Nämlich rein in – das ist eher anstrengend – Reggae-Improvisationen und so typische Konzertmitsingspielchen. Rein in – das ist ganz schön – Weltmusik und Jazz, aber eben immer nur ein paar Minuten lang.

Einer der wenigen deutschen Pop-Künstler, die Stellung beziehen

Und: Bosse ist nach wie vor einer der ganz wenigen deutschen Pop-Künstler, die Stellung beziehen. Er spricht lange gegen Rassismus an, „Robert de Niro“ heißt der Song, der thematisch mit dem erstarkenden Rechtsextremismus der letzten Jahre verwoben ist, er berichtet von einer Kellnerin, sie ist traurig, aber eine von den Guten, fühlt sich, wie sie da abends im Fernsehen die Wutbürger auf den Pegida-Demos sieht, wie im falschen Film. Das ist Storytelling, natürlich nicht ohne Klischees, aber ohne erhobenen Zeigefinger. An einer anderen Stelle des Konzerts wird recht unvermittelt die Musik zugunsten eines Beitrags über die Charity-Organisation „Viva Con Agua“ eingestellt, er erzählt von Tulpenfeldern in Afrika, die aufwendig bewässert werden, und Menschen, die direkt daneben leben und zur nächsten Quelle 60 oder 70 Kilometer laufen müssen – und von den Brunnen, die dort deshalb gebaut wurden.

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Bosse, der Bono von der Elbe. Aber eben auch: Bosse, der Typ, dem dann doch wieder diese eigenartigen Rock- Pop-Zeilen einfallen. Er haut sie komisch eckig raus, eher wie Befehle. „Zieh deine Regenjacke aus. Zieh bitte diese Regenjacke aus“, ruft er in „Tanz mit mir“ in die Halle. Das Licht ist mittlerweile rot. Jacken trägt in dem körperwarmen Saal ohnehin niemand mehr.

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