Boston Symphony Orchestra beim Musikfest : Herr zweier Diener

Viel Klarheit: Das Boston Symphony Orchestra überzeugt beim Musikfest Berlin.

Andris Nelson
Andris NelsonFoto: MUTESOUVENIR / KAI BIENERT

Unfassbar, das Andris Nelsons noch immer keine 40 Jahre alt sein soll. Der charismatische Dirigent aus Lettland steht seit seinem Amtsantritt als 21. Gewandhauskapellmeister im Frühjahr gleich zwei Weltklasseorchestern vor und versucht, das nicht als bloße Ämterhäufung zu interpretieren. Zwischen Boston und Leipzig will Nelsons seine traditionsreichen Ensembles in einen musikalischen Austausch bringen, der Eigenheiten bewahrt und gemeinsames Wachsen ermöglicht. Eine enorme Kraftanstrengung in der Hoffnung auf ein harmonisches transatlantisches Bündnis.

Wie sehr die doppelte Arbeitsbelastung an ihm zerrt, die Tourneen, Plattenaufnahmen, Sommerakademien, Sponsorendinner und nicht zuletzt die Probenarbeit, kann man Nelsons ansehen. Seine ansteckende Lust auf Musik, sein gewinnendes Strahlen, seine Unbefangenheit auch mit den größten Werken der Musikgeschichte sind einer Amtsbürde gewichen, die seinen Auftritt mit dem Boston Symphony Orchestra im Rahmen des Musikfests deutlich prägt. Mit der Linken immer wieder nach der Lehne seines aus Boston mitgereisten Podests tastend, wirkt er ein bisschen wie Orson Welles, der in schweres Wetter geraten ist.

Gute Partner

Gustav Mahlers 3. Symphonie mit ihrer 100-minütigen Spannweite ist aber auch kein laues Lüftchen. Ihre auseinanderstrebenden Einzelsätze wollen erkannt und integriert sein in das Konzept einer Steigerung, die im Sinne des Komponisten von unbelebter Materie hin zur göttlichen Liebe führt, menschliche Irrungen auf dem Weg nicht zu vergessen. Mit aller Entschiedenheit rücken die Musikerinnen und Musiker aus Boston im Marsch des Eröffnungssatzes vor, scharf gezackt das Schlagwerk, das Blech von einschüchternder Dominanz. Viel Klarheit, wenig Rauch. Nelsons schenkt seinen Orchestersolisten Raum auf den stillen Inseln in diesem Mahlstrom, und zumeist wissen sie ihn bewundernswert zu nutzen, etwa Posaune und Oboe. Nur das Posthorn im 3. Satz trudelt aus der Höhe haltlos in die Philharmonie herab.

Nelsons taktiert weit weniger emphatisch und plastisch als noch vor drei Jahren, als er mit Mahlers 6. zu Gast beim Musikfest war. Diesmal geht es mehr um Präzisionsarbeit, um Zusammenhalt und Ökonomie. Natürlich beherrscht sein Bostoner Orchester auch dies. Susan Grahams beobachtende Interpretation der Nietzsche-Zeilen „Alle Lust will Ewigkeit“ fügt sich da ebenso nahtlos ein wie der Schlusssatz, der emotionale Dämme lieber nicht niederreißen will. Andris Nelsons, das wird deutlich, tritt in eine Schaffensperiode, in der er neue Antworten darauf sucht, was es heißt, für Musik zu brennen. Auch, wenn das beinahe etwas traurig stimmt: Die Bostoner sind ihm dabei gute Partner.

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