Botticelli kreierte das Schönheitsideal des frühen 20. Jahrhundert

Seite 2 von 2
Botticelli-Ausstellung in Berlin : Der Hype um Botticelli ist enttarnt
Die Berliner Venus: Sandro Botticelli: Venus, 1490
Die Berliner Venus: Sandro Botticelli: Venus, 1490Foto: Staatliche Museen zu Berlin / Jörg P. Anders

In dieser Phase beginnt der große Hype um den Renaissance-Maler: In den Uffizien werden die neuen Publikumslieblinge „Geburt der Venus“ und „Primavera“ ins Zentrum gerückt. Der Kult um das klassische Schönheitsideal, die Bewunderung für die fließenden Gewänder und die ätherischen Bewegungen breitet sich innerhalb kürzester Zeit aus. Botticelli findet leibhaftige Nachahmerinnen wie Lady Lavery, die Lady Gaga des frühen 20. Jahrhunderts. Bei gesellschaftlichen Anlässen tritt sie im blumenbesetzten Kostüm der Flora auf und wird damit prompt im Society-Journal „The Sphere“ ganzseitig abgebildet. Die ModernDance-Begründerin Isadora Duncan orientiert sich mit ihren tänzerischen Bewegungen, umweht von Schleiern, am Reigen der Grazien.

Nicht nur in Großbritannien und bei den Nazarenern in Deutschland schlug sich der Botticelli-Boom nieder, auch die französischen Künstler erfasste der Rausch, wie die Berliner Ausstellung erstmals zeigt. Edgar Degas, Jean-AugusteDominique Ingres und Gustave Moreau pilgerten in die Uffizien, um dort Zeichnungen nach dem Vorbild des Meisters anzufertigen. Die heute im Musée d’Orsay hängende „Geburt der Venus“ von William Bouguereau drückt die ganze Bewunderung aus: die gleichen wehenden Haare, die gleichen Verkürzungen, die gleiche Untersicht.

Im dritten Schritt erst gelangt die Ausstellung zu ihren Quellen, und damit wird es ernst. War das Original bisher nur durch seine Interpretationen gefiltert zu sehen, so öffnet sich nun das Tor zur Renaissance selber. In Hans-Jörg Hartungs Ausstellungsarchitektur für die Wandelhalle der Gemäldegalerie ist dies buchstäblich zu erleben. Erstmals wird das gigantische Entree für die Alten Meister komplett umgewandelt und Walter de Marias Brunnen zum Verschwinden gebracht. Der Besucher stößt zunächst auf eine schwarze Schieferwand, in deren Zentrum ein goldener Rahmen von Karl-Friedrich Schinkel prangt. Das Tondo „Maria mit dem Kind“ von 1485/95 aus dem Kaiser-Friedrich-Museum ist 1945 verbrannt. Diese riesige Leerstelle intoniert, was auf den nächsten Metern geschieht. Rechts und links entlang des gewaltigen Schiefer-Kubus werden knapp sechzig Gemälde hintereinander ins kalte Licht gehängt, als wären sie beim Beschauer.

Erkennt der Besucher den Zauber des wahren Botticelli?

Selbst der Laie bemerkt sofort, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht. All die Madonnen, Engel, porträtierten Damen und Herren können kaum aus der Hand eines einzigen Künstlers stammen. Es sind Zuschreibungen, teilweise Fälschungen, manches seit Jahrzehnten ins Depot verbannt. Nach der Tour de Force rückwärts durch die Jahrhunderte soll der Besucher nun erkennen, welches Gemälde die Aura eines Meisters besitzt und welches nicht. Mit dieser Entzauberung, der Gleichstellung von gelungenen und weniger gelungenen Werken, die im besten Fall aus dem 15. Jahrhundert stammen, werde der wahre Sandro di Mariano offenbart, dem Betrachter zurückgegeben, sind die Ausstellungsmacher überzeugt. Erkennt man es wirklich? Ein Trugschluss.

Der Hype um Botticelli ist enttarnt, der Ursprung der Begeisterung im 19. Jahrhundert verortet, der Künstler selbst aber tritt weiter zurück denn je. Die beiden einzigen nachweislich von seiner Hand stammenden Bilder, besiegelt durch die Signatur – die „Mystische Geburt“ aus der National Gallery in London und die Zeichnung zu Dantes „Göttlicher Komödie“ aus Berlin – werden pathetisch im rotwandigen Inneren des Schiefer-Kubus präsentiert. Die Last der später nachfolgenden Adaptionen zu tragen, kann ihnen nicht gelingen, die Kraft, Maßstab für das zuvor Gezeigte zu sein, besitzen sie kaum. Das große Finale versackt, ein Meister geht in die Knie. Das Museum stellt seine Bestimmungshoheit zur Diskussion. Und befeuert doch den Hype, den es hinterfragt.

Artikel auf einer Seite lesen
Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!